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Freitag, 10. Februar 2012
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Nicolas Sarkozy Meine Frau, meine Bomben, mein Land

22.06.2008 ·  Der französische Staatspräsident Sarkozy reist heute zu seinem ersten Staatsbesuch nach Israel. Derweil sorgt seine Frau für diplomatische Verstimmung in Kolumbien: „Du bist mein Stoff, gefährlicher als kolumbianischer Schnee“, besingt Carla Bruni den aktuellen ihrer 30 Liebhaber. Die Franzosen schwanken zwischen Resignation und Belustigung.

Von Michaela Wiegel
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„Du bist mein Stoff / tödlicher als afghanisches Heroin / gefährlicher als kolumbianischer Schnee“, trällert Carla Bruni auf ihrem neuen Album, dessen Veröffentlichung am 21. Juli wie ein Staatsereignis vorbereitet wird. Ein paar Eingeweihte durften sich die Songs der französischen First Lady vorab anhören - sie waren selbstverständlich begeistert. Der staatliche Radiosender France Inter sicherte sich das Exklusivrecht, auf dem Cover der „meist erwarteten CD des Jahrzehnts“ („Le Figaro“) als „offizieller Partner“ zu stehen. Da fällt es nicht ins Gewicht, dass die Liebeshymne auf Sarkozy („Mein Stoff“ - „ma came“) schon einen diplomatischen Zwischenfall heraufbeschwor. Der kolumbianische Botschafter beschwerte sich, weil er sein Land von der französischen Präsidentengattin als Rauschgiftparadies verunglimpft wähnte.

Von den „30 Liebhabern“, die Sarkozys „Carlita“ in einem anderen Lied besingt („Ich bin ein Kind, trotz meiner 40 Jahre, trotz meiner 30 Liebhaber“) ist dergleichen Beschwerde nicht zu befürchten. Und die Franzosen? Sie schwanken zwischen Belustigung und Resignation über ihren Präsidenten, der wie keiner seiner Vorgänger die Grenzen zwischen Showbusiness und Politik, zwischen Big Money und Staatswesen, zwischen „Bling-Bling“ und Diplomatie verwischt. Vom „unsterblichen“ Max Gallo aus der Académie Française, dem Haus-Historiker Sarkozys, stammt die Beobachtung, dass der Präsident sich seiner Chefrolle vergewissere, indem er Regeln übertrete, die alle anderen zu respektieren haben.

Eigentlich weiß Sarkozy, wie er sich zu benehmen hat

Denn Sarkozy weiß eigentlich, wie er sich zu benehmen hat. Er wuchs im großbürgerlichen 17. Arrondissement unweit des Parc Monceau auf, er besuchte katholische Privatschulen, wie es sich schickt für einen Sohn aus gutem Hause. Ein Parvenü wächst anders auf, auch wenn Sarkozy sich im Wahlkampf gern zum „Einwandererkind“ stilisierte - wohlgemerkt aus einer ungarischen Adelsfamilie. Dem Philosophen Michel Onfray gestand Sarkozy in einem langen Interview vor der Wahl einmal seine Lust am Tabubruch ein. „Er hat mir erklärt, er habe seine Persönlichkeit darauf aufgebaut, dass er ständig Grenzen überschritten und Gebote übertreten habe. Inzwischen ist er Staatsoberhaupt und lebt noch immer nach diesem Prinzip: ungeduldig, ungestüm, unruhig, sprunghaft wie ein Kind, das sich über die Gesetze, den Vater, die Vorschriften des Vaters hinwegsetzt.“

Die wachsende Lüsternheit des Publikums, das ehemals strikt Private zu erhaschen, versucht Nicolas Sarkozy geschickt für seine Zwecke einzusetzen. Tatort: das Fußballstadion von Arsenal in London, Pressekonferenz des britischen Premierministers Gordon Brown und des französischen Staatspräsidenten, vor fast komplett besetzten Ministerrängen aus beiden Regierungen. Plötzlich setzt Sarkozy zu einem Loblied auf die Eleganz seiner Ehefrau an, er ist gar nicht mehr zu bremsen, und Brown kann sich nur noch retten, indem er schnell einen britischen Journalisten aufruft.

Fließende Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem

Tatort: der Festsaal des Elysée-Palastes, Pressekonferenz mit dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush. „Ich habe großen Gefallen daran gefunden, deine Ehefrau kennenzulernen, eine intelligente und sehr kompetente Frau. Ich verstehe, warum du sie geheiratet hast“, sagt Bush. „Und ich verstehe natürlich auch, warum sie dich geheiratet hat“, schickt Bush nach, als das Gelächter schon laut ist. „Meine Frau, meine Atombomben, mein Frankreich“: bei Sarkozy ist die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem fließend, und das kann verwirrend sein.

Ist der rasante politische Aufstieg seines zweiten Sohnes Jean (der aus der ersten Ehe mit der korsischen Apothekertochter Marie-Dominique Culioli stammt) ein klarer Fall von modernem Nepotismus oder hat Jean, wie es der UMP-Generalsekretär Devedjian behauptet, „in voller Autonomie“ seinen Überraschungscoup gelandet? Der 21 Jahre alte Jurastudent steht inzwischen der Mehrheitsfraktion im reichsten Département Frankreichs, den Hauts-de-Seine, vor, das den westlichen Speckgürtel von Paris umfasst.

Spezialisiert auf Anti-Sarkozy-Songs

Jean Sarkozy ist ein Kind der großbürgerlichen Vorstadt Neuilly-sur-Seine, in der sein Vater seine politische Laufbahn als Bürgermeister begann. Cécilia Ex-Sarkozy hat einmal öffentlich geschworen, dass ihr Sohn Louis (das jüngste Kind Sarkozys) nicht so verzogen werden solle wie seine zwei Halbbrüder „mit ihren maßgefertigten Schuhen für 2000 Euro das Paar“. Pierre Sarkozy, der Erstgeborene, verdient inzwischen sein Geld als Rap-Produzent. Der 23 Jahre alte Präsidentensohn brach sein Jurastudium ab, um unter dem Künstlernamen Mosey in die Musikbranche einzusteigen. Er produziert den Rapper Poison, der sich auf Anti-Sarkozy-Songs spezialisiert hat.

Die politische Karriere seines jüngeren Bruders Jean begann im Frühjahr, im ersten Kommunalwahlkampf der Post-Sarkozy-Ära in Neuilly. Der glücklose Bürgermeisterkandidat (und damalige Präsidentensprecher) David Martinon wurde mit Hilfe Jean Sarkozys wenige Wochen vor der Wahl vertrieben. Seither ist das rechtsbürgerliche Lager in der früheren Hochburg der Konservativen so zerstritten wie nie zuvor. Bei einer Wahlveranstaltung bewarfen sich die gegnerischen Parteien (alle rechtsbürgerlich) mit Champagnergläsern.

Reformen als Großmanöver

Von Jean ist weiter ein gescheiterter Fluchtversuch aus Neuilly bekannt - er hütete auf Korsika monatelang Schafe - und der Diebstahl seines Motorrollers unbekannter Marke. Vater Sarkozy, der damals im Innenministerium über die Polizei bestimmte, leitete eine Großfahndung inklusive Gentests ein, bis der Motorroller wieder aufgefunden wurde (in der banlieue). Jetzt äußert sich Vater Sarkozy stolz über seinen Sohn Jean: „Er ist ein mutiger junger Mann.“ Der auch für sein Auskommen sorgt, denn er will demnächst die Erbin der Elektronikgroßhandelskette Darty heiraten.

Während Präsident Sarkozy und sein „Familienunternehmen“ die Presse mit immer neuen Details aus dem Innenleben der Macht füttern (etwa Carla Brunis Spruch: „Auch vorher hatte ich es nicht mit Dummen, aber mein Mann hat vier bis fünf wohldurchblutete Hirne“), ist das Großmanöver Reform angelaufen - mit einer Geschwindigkeit und Gründlichkeit, dass es alle überrollt.

Gewerkschaften entmachtet, Opposition ausgezehrt

Die Gewerkschaften hat Sarkozy mit seiner Offensive auf allen Fronten - Rentenkassen und Gerichtswesen, Armee und Krankenhäuser, Staatsdienst und Schulen - schon so gut wie besiegt. Sarkozy wird in seiner Heimat gern als „bonapartistisch“ bezeichnet; in jedem Fall hat er das Talent eines Feldherrn, der die großen Schlachtpläne liebt. Die Gewerkschaftsführer, die sich in der Chirac-Ära auf die eine große Reform konzentrieren konnten, wissen nicht mehr, wogegen sie gerade demonstrieren, ein Protesttag jagt den anderen, mit immer geringerem Erfolg. Eine parlamentarische Opposition, die Sarkozy ernsthaft zusetzen würde, gibt es nicht. Die Sozialisten verzehren sich in inneren Machtspielen, sie sind ideologisch ausgelaugt, ihre Personalreserven erschöpft, seit ihre Medienlieblinge wie Bernard Kouchner die Seiten gewechselt haben. Sarkozy braucht nur mit der Hand zu winken, schon balgen sich die Oppositionskräfte um seine Gunst.

Es ist ihm nach mühevollen Verhandlungen sogar gelungen, seinen gefährlichsten Widersacher, Chiracs letzten Premierminister Dominique de Villepin, zu zähmen. Villepin soll bei den Europawahlen im nächsten Jahr als Kandidat antreten. Eine Fronde droht Sarkozy höchstens in der eigenen Partei: In der Parlamentsfraktion gärt es, weil die Sparmaßnahmen in den Wahlkreisen für Missmut sorgen. „Es gibt keine größeren Feiglinge als Abgeordnete“, sagt Sarkozy.

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