Home
http://www.faz.net/-gpf-okj1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Neujahrsrede Kritik an Raus Kopftuchvergleich

Wenn das Kopftuch verboten wird, muß auch das Kreuz aus öffentlichen Räumen entfernt werden. Mit dieser Äußerung über die Gleichbehandlung der Religionen stößt Bundespräsident Rau auf heftige Kritik.

© dpa/dpaweb Vergrößern Rau plädiert für eine Gleichbehandlung aller Religionen

Die Kritik an den Äußerungen von Bundespräsident Rau zum Kopftuchverbot für muslimische Lehrerinnen reißt nicht ab. Der römische Kurienkardinal Joseph Ratzinger und der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) wandten sich zum Jahreswechsel entschieden dagegen, bei einem Kopftuchverbot gleichzeitig christliche Symbole aus öffentlichen Räumen zu verbannen.

Die baden-württembergische Justizministerin Corinna Werwigk-Hertneck (FDP) zeigte sich verwundert darüber, daß für Rau das Neutralitätsgebot des Staates vorrangig sei. Die Grünen verteidigten dagegen den Bundespräsidenten.

Mehr zum Thema

Niemand wird beleidigt

Rau hatte in der Diskussion um Kopftuch tragende muslimische Lehrerinnen gesagt, auch Kreuze müßten aus den Schulen entfernt werden, wenn ein Kopftuch für muslimische Lehrerinnen nicht möglich sein sollte. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts dürfen die Bundesländer Lehrerinnen das Tragen des Kopftuchs in Schulen verbieten, wenn sie eine gesetzliche Grundlage schaffen und alle Religionen gleich behandeln.

Ratzinger sagte beim Jahresabschlußgottesdienst im Regensburger Dom: "Ich würde keiner muslimischen Frau das Kopftuch verbieten, aber noch weniger lassen wir uns das Kreuz als öffentliches Zeichen einer Kultur der Versöhnung verbieten." Wenn der christliche Glaube aus der Öffentlichkeit verbannt werde, beraubten sich Politik und Gesellschaft einer ihrer wesentlichen Quellen für ein friedliches Zusammenleben. "Durch das Kreuz wird niemand beleidigt und wird niemandem Gewalt angetan."

Kreuzzug gegen das Kopftuch

Müller sagte in seiner Neujahrsansprache in Saarbrücken, wer bei einem Kopftuch-Verbot fordere, daß gleichzeitig christliche Symbole aus öffentlichen Räumen verbannt werden, verkenne, "daß gerade auch die Beachtung der Grund- und Menschenrechte Teil des christlichen und humanistischen Erbes Europas ist". Die Trennungslinie verlaufe nicht zwischen Christentum und Islam. "Die Trennungslinie verläuft zwischen Toleranz und Intoleranz, zwischen Fundamentalismus und verantworteter Freiheit", sagte er laut Redemanuskript.

Werwigk-Hertneck sagte der Deutschen Presse-Agentur, sie könne sich Rau nicht anschließen, für den das Neutralitätsgebot des Staates vorrangig sei. "Ich bin überrascht, gerade weil er bekennender Christ ist." Zugleich kritisierte sie CSU-Chef Stoiber. Er mache es sich zu leicht, wenn er das Kopftuch muslimischer Frauen ausschließlich als politisches Symbol deute. Das Kopftuch habe auch eine religiöse Dimension und versinnbildliche überdies das traditionelle Frauenbild eines bestimmten Kulturkreises.

Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, sagte dagegen am Donnerstag: "Rau hat mit seiner Intervention erneut gezeigt, daß er nicht nur der Präsident der Mehrheit, sondern aller in Deutschland lebenden Menschen ist." Beck warf Stoiber vor, "den Kreuzzug gegen das Kopftuch" zu predigen.

Quelle: dpa

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Textilbündnis Des Entwicklungsministers neue Kleider

Gerd Müller will die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken der Welt verbessern. Die Branche aber verweigert die Gefolgschaft. Mehr Von Henrike Roßbach, Berlin

16.10.2014, 19:35 Uhr | Wirtschaft
Muslimische Familien fliehen aus der Hauptstadt der zentralafrikanischen Republik

In der Zentralafrikanischen Republik machen sich hunderte muslimische Familien aus Furcht vor Übergriffen christlicher Milizen auf den Weg nach Norden. Sie fühlen sich in der Hauptstadt Bangui nicht mehr sicher, nachdem es bereits mehrfach zu übergriffen gekommen ist. Mehr

28.04.2014, 12:02 Uhr | Politik
Geschlechtsneutralität in Schulen Guten Morgen, kleine Pinguine!

In den Vereinigten Staaten tobt eine Debatte über die geschlechtsneutrale Anrede von Schulkindern. Ein Bezirk in Nebraska hatte Schulen gebeten, auf Anreden wie Jungs oder Mädchen zu verzichten, um niemanden auszuschließen. Mehr

12.10.2014, 13:57 Uhr | Gesellschaft
Schüsse in christlichem College

Auf dem Gelände eines christlichen Colleges im nordamerikaischen Seattle hat ein Mann auf mehrere Menschen geschossen, ein Opfer starb. Der Täter konnte gefasst werden. Mehr

06.06.2014, 13:27 Uhr | Gesellschaft
Strengere Richtlinien für Mode Textilbündnis entzweit heimische Modehändler

Die Bundesregierung will Modehändler zu strengen Richtlinien für die Produktion im Ausland verpflichten. Hess Natur aus Butzbach tritt dem geplanten Textilbündnis bei - die Manager der Adler Modemärkte in Haibach bei Aschaffenburg aber zögern. Mehr Von Thorsten Winter, Frankfurt

16.10.2014, 12:07 Uhr | Rhein-Main
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.01.2004, 16:42 Uhr

Wir geben nichts

Von Reinhard Müller

In klarem Widerspruch zu einem Urteil des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag hat das höchste Gericht Italiens nun den Weg geebnet für Entschädigungsklagen gegen Deutschland wegen nationalsozialistischer Untaten. Darauf kann es nur eine klare Antwort geben. Mehr 69 75

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden