http://www.faz.net/-gpf-rfol
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.01.2006, 13:22 Uhr

Neujahrsansprache Merkel: Überkommene Rituale überwinden

Bundeskanzlerin Merkel hat die Bürger in ihrer Neujahrsansprache zu Zuversicht und Tatkraft ermutigt. An die Bundesbürger appelliert sie, konkrete Vorsätze für zusätzliche Leistungen zu fassen - gleich heute abend.

© dpa/dpaweb Merkel beim Neujahrskonzert in Wien mit Österreichs Kanzler Schüssel - hinter ihr Ehemann Joachim Sauer

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat an die Bundesbürger appelliert, zum neuen Jahr konkrete Vorsätze für zusätzliche Leistungen zu fassen. „Wie wäre es, wenn wir uns heute abend das Ziel setzen, im kommenden Jahr überall noch ein wenig mehr als bisher zu vollbringen“, sagte Merkel in ihrer ersten Neujahrsansprache als Regierungschefin, die am Freitag in Berlin vorab veröffentlicht wurde.

„Deutschland ist das Land der Ideen. Aber von unseren Ideen leben - das können wir nur, wenn wir sie auch in die Tat umsetzen.“ Sie fügte hinzu: „Fangen wir einfach an - ab morgen früh.“

Mehr zum Thema

Merkel räumte ein, daß vielen Bürgern mit Sorgen um Arbeits- und Ausbildungsplätze oder Betriebspleiten bereits sehr viel abverlangt werde. „Ich wage es dennoch noch einmal: Ich möchte uns ganz einfach ermuntern herauszufinden, was in uns steckt!“ Jeder solle mit einem ersten Schritt anfangen - „zu Hause, in der Familie, mit Kindern, in der Schule, am Arbeitsplatz, mit Kranken, mit Behinderten, mit bei uns lebenden Ausländern, in Vereinen, in Selbsthilfegruppen, in Bürgerinitiativen, in Kirchen und vielem mehr“.

Neujahrsansprache von Bundeskanzlerin Merkel © dpa/dpaweb Vergrößern Aufgezeichnet: Rede an die Deutschen

Schritte „in die richtige Richtung“ versprochen

Auch die Bundesregierung wolle viele kleine Schritte gehen, „aber in die richtige Richtung“, bekräftigte Merkel. Sie warnte vor unerreichbaren Zielen und unhaltbaren Versprechungen. Das Ziel sei: „Unser Land in zehn Jahren wieder an die Spitze Europas zu führen.“ Die Regierung der großen Koalition werde angesichts der schwierigen Haushaltslage überall sparen - „nur nicht bei Forschung, Entwicklung, Bildung und Ausbildung“.

Zur Lösung des „Problems Nr. 1“, der „erschreckend hohen Arbeitslosigkeit“, wolle die Regierung noch mehr als bisher tun. Merkel forderte dazu auf, „überkommene Rituale in Politik und Verbänden zu überwinden“. Weitere Aufgaben seien Bürokratieabbau, eine wettbewerbsfähige Unternehmensbesteuerung, echte Reformen der Kranken- und Pflegeversicherung im nächsten Jahr.

Die Bundeskanzlerin bekräftigte ihre Absicht, sich für baldige greifbare Ergebnisse im europäischen Verfassungsprozeß einzusetzen, nachdem die Finanzen „beim letzten EU-Gipfel in Ordnung gebracht“ worden seien. Ihr größter Wunsch für das neue Jahr sei, daß Deutschland weiter in Freundschaft mit seinen Nachbarn und Partnern in Frieden und Freiheit leben könne. Sie dankte den Deutschen für „einzigartige Spendenbereitschaft“ nach der Tsunami-Katastrophe in Südasien und ermunterte zu Hilfen auch bei anderen Notlagen durch Naturkatastrophen, Kriege, Bürgerkriege und Krankheiten.

Stoiber will Ansehensverlust wettmachen

Eine große Chance für Deutschland sieht die Kanzlerin in der Fußballweltmeisterschaft. „Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen.“ Die Chancen seien gar nicht schlecht. „Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit (SPD), sagte in seiner Neujahrsansprache, die Weltmeisterschaft 2006 biete eine große Chance, „Berlin vor den Augen der ganzen Welt 16 Jahre nach der Einheit als friedliche Hauptstadt der Deutschen zu präsentieren“. Die Berliner würden gute Gastgeber sein.

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) warb in seiner Neujahrsansprache um Verständnis für Reformen: „Die Globalisierung trifft Deutschland mit voller Wucht.“ Deutschland konkurriere mit Ländern mit niedrigeren Löhnen, niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards. „Deshalb sind Reformen unerlässlich, auch wenn sie den Menschen viel abverlangen.“ Der CSU-Chef kündigte an, er wolle im neuen Jahr den nach seinem Berliner Rückzieher erlittenen Ansehensverlust wieder wettmachen.

Quelle: dpa

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Merkel-Pressekonferenz Wir schaffen das – und jetzt?

An diesem Donnerstag steht Kanzlerin Merkel in Berlin der Hauptstadtpresse Rede und Antwort. Der Termin wird mit Spannung erwartet – denn in den vergangenen Jahren fielen mitunter Sätze für die Ewigkeit. Mehr

28.07.2016, 09:15 Uhr | Politik
Berlin Merkel sagt islamistischem Terror den Kampf an

Nach den jüngsten Gewalttaten in Deutschland hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ein entschiedenes Vorgehen des Staates gegen islamistische Extremisten angekündigt. Bei ihrer Sommer-Pressekonferenz in Berlin stellte sie am Donnerstag einen Neun-Punkte-Plan vor. Mehr

28.07.2016, 20:07 Uhr | Politik
Unionsstreit nach Anschlägen Merkels Flüchtlingspolitik – ein Sicherheitsrisiko?

Nach der Gewaltserie in Bayern erhöht die CSU den Druck auf die Kanzlerin in der Flüchtlingspolitik. Ein Kommentator macht Merkel in der Parteizeitung Bayernkurier indirekt mit für die Anschläge verantwortlich – mit Seehofers Billigung? Mehr Von Oliver Georgi

27.07.2016, 13:44 Uhr | Politik
Merkel Täter verhöhnen Land, Helfer und andere Flüchtlinge

Angela Merkel hat ihren Urlaub unterbrochen, um sich zu den Anschlägen in Bayern zu äußern. Sie sei nach wie vor davon überzeugt, dass Deutschland es schaffe, den Flüchtlingszustrom zu bewältigen, so die Bundeskanzlerin in Berlin. Mehr

28.07.2016, 16:30 Uhr | Politik
Der Tag Merkel spricht Klartext

Hillary Clinton spricht zum großen Finale bei Demokraten-Parteitag. Bundesarbeitsrichter verhandeln über Chefarztkündigung. Mehr

28.07.2016, 07:23 Uhr | Wirtschaft

Clinton gegen den Populisten

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Hoffentlich siegt in Amerika am Ende die Vernunft und nicht das große Ressentiment. Es wird ein harter Kampf für Clinton mit unvorhersehbaren Wendungen. Ein Kommentar. Mehr 11

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden