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Neue OECD-Studie Absteiger Deutschland: Zu wenig Erzieher, Lehrer und Akademiker

14.09.2004 ·  Wieder hat das deutsche Bildungssystem schlechte Noten bekommen. Parteiübergreifend fordern Politiker aus Bund und Ländern jetzt mehr Geld für die Bildung - und weisen sich gegenseitig die Schuld an der Misere zu.

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Angesichts des schlechten Abschneidens Deutschlands in der jüngsten Bildungs-Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben Politiker parteiübergreifend mehr Geld für die Bildung gefordert.

Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), die den Bericht am Dienstag in Berlin gemeinsam mit einem OECD-Vertreter vorstellte, forderte die Union auf, ihre Blockade bei der Abschaffung der Eigenheimzulage aufzugeben, um die dadurch freiwerdenden sechs bis frei Milliarden Euro (bis 2010) in Bildung und Forschung zu investieren. Union und FDP warfen der Bundesregierung vor, aus der Pisa-Studie nichts gelernt zu haben.

Schröder: Länder müssen mehr investieren

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat unterdessen die Länder zu mehr Investitionen für die Bildung aufgerufen. „Der Bund hat schon eine Leadfunktion, was den Schwerpunkt angeht. Ich sage, die Länder müssen nachziehen“, sagte Schröder am Dienstag in Berlin. Vorlage des OECD-Bildungsreports, in dem Deutschland schlecht abschneidet. Etwa mit dem Milliardenprogramm zum Ausbau von Ganztagsschulen mache der Bund deutlich, „welche Priorität für uns die Bildung hat.“ Der Bildungshaushalt sei zuletzt stetig gewachsen.

Bulmahn sagte, mit ihrem Verhalten in der Frage der Eigenheimzulage könne die Union zeigen, ob es ihr ernst mit dem Thema Bildung sei. Alle Studien zeigten, daß Bildung die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit und daher für die Volkswirtschaft entscheidend sei. Den Vorwurf, die Bundesregierung habe aus der Pisa-Studie nichts gelernt, wies Bulmahn zurück. Die Wirkung von wichtigen Weichenstellungen sei nicht unmittelbar zu spüren, dies dauere zehn bis fünfzehn Jahre.

CDU: Rot-Grün hat aus der Pisa-Studie nichts gelernt

CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sagte, Rot-Grün habe aus der Pisa-Studie „offenbar nichts gelernt“. Die OECD-Studie zeige nun, daß nur in der slowakischen und tschechischen Republik noch weniger in Bildung investiert werde als in Deutschland. Vor allem bei der Betreuung in Grundschulen und Kindergärten drohe Deutschland, international den Anschluß zu verpassen.

Meyer verwies darauf, daß bereits die Pisa-Studie gezeigt habe, daß die Bildungssituation in jenen Bundesländern besser sei, in denen die Union regiere. Beim Schüler-Lehrer-Verhältnis machten die unionsgeführten Bundesländer vor, wie es besser gehe: Unter den Flächenstaaten belegten Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt die besten Plätze.

„Magere Reförmchen“

Die FDP-Bildungsexpertin Ulrike Flach sprach von „mageren Reförmchen“, die „nicht koordiniert und nur zögerlich umgesetzt“ worden seien. Nur mit einem radikalen Subventionsabbau über alle Bereiche hinweg werde es möglich sein, die erforderlichen Investitionen zu tätigen. „Die Eigenheimzulage alleine ist nur ein Efeublatt.“

Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Nicolette Kressl sagte in Berlin, mit dem Ausbau der Betreuung von Kindern unter drei Jahren durch das Tagesbetreuungsausbaugesetz werde ein in der OECD-Studie festgestellter Reformbedarf im deutschen Bildungssystem umgesetzt. Jetzt komme es darauf an, daß die unionsregierten Bundesländer das Angebot zum Ausbau der frühkindlichen Bildung und Betreuung annähmen und gemeinsam umsetzten.

Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, forderte Bund und Länder am Dienstag in Berlin zu einem „Pakt für Bildung“ auf. Darin sollten sie sich verbindlich verpflichten, mindestens so viel in Bildung zu investieren, wie der Durchschnitt der anderen OECD-Länder.

OECD-Studie deckt Mängel in Deutschland auf

Das Bildungssystem in Deutschland ist nach der OECD-Studie finanziell schlechter ausgestattet als das anderer Industrieländer. Insbesondere in den Kindergärten arbeiteten im Verhältnis zur Zahl der Kinder im internationalen Vergleich zu wenige Erzieher. Auch an den Grundschulen werde zuwenig in Lehrkräfte investiert, obwohl sich gerade die Förderung der jüngsten Schüler später besonders auszahle.

Überdurchschnittlich viel Geld werde dagegen für Oberschüler und Studenten ausgegeben, obwohl die Zahl der Akademiker im internationalen Vergleich gering sei. Während im OECD-Durchschnitt fast jeder dritte Schulabgänger auch ein Studium abschließt, gelinge das in Deutchland nur jedem fünften. In Finnland, das bei der Pisa-Studie am besten abschnitt, schließen sogar 40 Prozent der Schüler eine akademische Ausbildung ab.

Absteiger Deutschland

Deutschland ist bei den Bildungsausgaben pro Schüler und Student von Platz 10 auf Platz 15 abgerutscht. Es ist im Vergleich zur vorherigen OECD-Studie von Frankreich, Japan, Finnland, Belgien und den Niederlanden überholt worden. Basis der Studie sind Daten aus 26 Industriestaaten aus dem Jahr 2001.

Deutschland gibt demnach 5,3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Damit liegt es unter dem Durchschnitt der OECD-Länder von 6,2 Prozent. An der Spitze liegen Südkorea (8,2 Prozent) und die Vereinigten Staaten (7,3 Prozent). In beiden Ländern wird allerdings etwa ein Drittel der Bildungsausgaben privat finanziert. Mehr als sechs Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes investieren auch Australien, Belgien, Kanada, Frankreich, Norwegen und Schweden in die Bildung der jungen Generation. Private Mittel spielen dort ebenso wie in Deutschland nur eine geringe Rolle.

Schleicher: Deutschland nur Mittelmaß, Reformen „visonslos“

„Vor allem fehlt dem Bildungssystem die Dynamik“, sagte der OECD-Bildungsexperte und deutsche Koordinator der Studie, Andreas Schleicher. Andere Länder hätten ihre Bildungssysteme rasant um- und ausgebaut. „Unsere Gesellschaften verändern sich rapide. Bildung wird zur zentralen Investition in die Zukunftsfähigkeit.“ In der Bildung sei Deutschland nur Mittelmaß. Die nach dem „Pisa“-Schock ausgelösten Reformen seien weitgehend „visionslos“.

Auch für die Wirtschaft sieht Schleicher Probleme: „Es gibt in Deutschland einfach zu wenig junge Menschen, die mit hohen Qualifikationen in den Arbeitsmarkt kommen.“ Dabei sei mit einem rasant ansteigenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften zu rechnen.

Studie würdigt Anstrengung für Ganztagsschulen

Die Studie würdigt allerdings die deutschen Anstrengungen beim Ausbau von Ganztagsschulen und der Weiterentwicklung des Bafög sowie der Umstellung auf Master-Bachelor-Abschlüsse an den deutschen Hochschulen. Der Ausbau der Ganztagsschulen könnte auch ein anderes deutsches Manko beheben: Bis zu ihrem 14. Lebensjahr haben Schüler hierzulande nur 6.200 Unterrichtsstunden absolviert. im OECD-Durchschnitt sind es 6.800 Stunden.

Bemängelt wird dagegen die Lage in den Kindergärten und Grundschulen. Dort sei die Zahl der Erzieherinnen und Lehrkräfte im Verhältnis zur Anzahl der Kinder schlechter als in anderen Länder. Im Vorschulbereich kämen rund 24 Kinder auf eine Betreuungsperson - unter den OECD-Staaten nach Großbritannien die „ungünstigste Relation“. Der Durchschnittswert unter den 30 Ländern der OECD liegt der Studie nach in den Kindergärten bei etwa 15 Kindern pro Betreuer. Besonders günstige Werte erreichten laut Studie Island, Dänemark und Neuseeland mit einer Quote von fünf bis sieben Kindern pro Betreuer. In Grundschulen kämen in Deutschland etwa 19 Kinder auf eine Betreuungsperson - der OECD-Mittelwert liegt hier bei 17 Kindern.

Kritik an der Kritik

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Doris Ahnen (SPD), wies die Kritik am deutschen Bildungssystem umgehend zurück. Im Bayerischen Rundfunk sagte sie am Dienstag: „Ich kann mir die Fundamentalkritik der OECD nicht erklären.“ In kaum einem anderen Land sei nach den miserablen Ergebnissen der Pisa-Studie „so intensiv über die Bildung diskutiert worden“. Die Kultusminister kämpften um jeden Euro und sähen verstärkt die Priorität der frühkindlichen Bildung.

Auch Hessens Kultusministerin Karin Wolff (CDU) hat die Vorwürfe des OECD-Koordinators Schleicher zurückgewiesen, es werde zu wenig in Bildung investiert. Im ZDF sagte Frau Wolff, allein Hessen habe seinen Bildungsetat seit 1999 um 17 Prozent auf nunmehr 2,7 Milliarden Euro gesteigert. Außerdem seien 2.900 neue Lehrerstellen geschaffen worden. Dennoch gebe es weiterhin einen Lehrermangel, der umgehend behoben werden müsse. Es fehlten auch Ausbildungsplätze. Wolff sagte zudem, es müsse in Deutschland mehr Bereitschaft geben, schon den Kindern die bestmögliche Bildung zu gewährleisten.

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