In diesen Wochen, da wir eines epochalen Ereignisses gedenken, des Zusammenbruchs der totalitären Herrschaft in Osteuropa vor zwanzig Jahren, wird manch eine bewegende Sonntagsrede gehalten und manch ein Fest gefeiert werden. Man wird sich beglückwünschen, den Totalitarismus überwunden zu haben. Leider hat man ihn auch ad acta gelegt und die Erinnerung weggesperrt. In Ländern wie Russland wortwörtlich, andernorts in den Köpfen von Funktionären und Politikern aus Ost und West, wie die Wahl der Bulgarin Irina Bokowa zur Unesco-Generaldirektorin beweist.
Denn es ist nicht anzunehmen, dass jene Regierungen, die sich für ihre Wahl einsetzten, von ihrer Biographie nichts wussten. Ihr Vater, Politbüromitglied Georgi Bokow, war als Chefredakteur von „Rabotnitschesko Delo“ (der bulgarischen „Prawda“) der oberste Propagandist des Landes und ein eifriger Sykophant des Diktators Todor Schiwkow. Nach dem Einmarsch der Roten Armee 1944 verfolgte er in den Rhodopen Oppositionelle und war laut Zeugnis von Michail Satew, der als „Politischer“ fünfzehn Jahre in Haft saß, auch an Volksgerichtsexekutionen beteiligt.
Die einstige Nomenklatura herrscht wieder
Seine Tochter durchlief alle Kaderschmieden bis hin zum Institut für internationale Beziehungen in Moskau, das unter der Kontrolle des KGB junge Apparatschiks aus dem gesamten Ostblock auf zukünftige Aufgaben als Diplomaten und Agenten vorbereitete. Danach machte sie schnell Karriere im Außenamt, in Sofia sowie als Gesandte bei den Vereinten Nationen in New York, eine Position, die nur den Allerverlässlichsten übertragen wurde. Kurz nach der Wende wurde sie von ihrer Partei, inzwischen in Bulgarische Sozialistische Partei umbenannt, als unverbrauchtes Gesicht in die Politik geschickt, wo sie bis zur Außenministerin aufstieg.
Man könnte einwenden, das sei zwar nicht besonders schön, aber man dürfe doch nicht die Kinder für ihre Eltern haftbar machen und man müsse Frau Bokowa zugestehen, dass sie sich zu einer überzeugten Demokratin gewandelt habe. Doch dann würde man den Klancharakter der bulgarischen Machtverhältnisse verkennen. In allen Bereichen der Gesellschaft ist weiterhin entscheidend, aus was für einer Familie man stammt. Das „Who’s who“ liest sich teilweise wie ein Reprint einstiger Ausgaben, nur mit vertauschten Vornamen. Das gilt für die Politik (der langjährige, erst vor kurzem abgewählte Ministerpräsident Stanischew war der Sohn eines anderen Politbüromitglieds) ebenso wie für die Justiz (der Generalstaatsanwalt von 1999 bis 2006, Nikola Filtschew, war der Sohn eines Stasi-Offiziers, der für die Aufsicht über die politischen Gefängnisse und den GULag zuständig war). Das sind nur zwei Beispiele unter tausenden, auch in der Wirtschaft, die nach 1989 von der einstigen Nomenklatura gekapert wurde. Deswegen herrscht in Bulgarien Korruption, sind Mafia und Staat eine Symbiose eingegangen, die inzwischen selbst die trägen Bürokraten der EU erschreckt hat.
Offener Zynismus
Entlarvend ist auch, dass Frau Bokowa sich (so wie ihre Partei) niemals von den Verbrechen der totalitären Zeit distanziert hat. Die sozialistische Nachfolgepartei hat weder Verantwortung noch Schuld akzeptiert und sich nicht einmal bei den Opfern entschuldigt. In einer Parlamentsdebatte ergriff der Bruder von Frau Bokowa, Philip Bokow, das Wort und erlaubte sich einen Witz auf die Doppeldeutigkeit des bulgarischen Wortes „vina“ (Schuld, aber auch Weine): „Schuld nehmen wir zu den Vorspeisen.“ Ob es irgendwo auf der Welt nach einer Diktatur einen solch offenen Zynismus gegeben hat? Philip Bokow fungierte in der Folge als Berater des amtierenden Präsidenten Georgi Parwanow (IM-Deckname: Gotze), bevor er sich so sehr in Drogengeschäfte und Frauenhandel verwickelte, dass er nicht mehr tragbar war.
Die neue Unesco-Generaldirektorin gehört zu einer kleinen, mächtigen Schicht, die Bulgarien ruiniert hat und die das demokratische Spiel nur mitspielt, solange ihre unrechtmäßig erworbenen Privilegien nicht gefährdet sind. Der Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel hatte erklärt, Hosnis Wahl wäre eine „Schande“ für die internationale Gemeinschaft. Gestern erklärten zwei GULag-Überlebende aus Bulgarien, die Wahl Bokowas sei beschämend für uns alle. Die Unesco mag einer Schande entgangen sein, aber um welchen Preis!
Warum nicht Benita Ferrero-Waldner?
joachim bovier (jbovier)
- 24.09.2009, 19:20 Uhr
Vermeintlicher ANtisemitismus oder bulgarische Nomenklatura?
Michael Meier (never1)
- 24.09.2009, 20:11 Uhr
Was kostet denn das?
Rolf Huchthausen (huchthausen)
- 24.09.2009, 20:26 Uhr
Armutszeugnis
Gerhard Rinker (GerdR)
- 24.09.2009, 21:16 Uhr
Warum sollte es die Unesco besser machen als Deutschland?
Closed via SSO (victor-d)
- 24.09.2009, 21:19 Uhr