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Netzwerke Die islamische Terror-Avantgarde

13.04.2002 ·  Wo früher Hisbollah und Hamas die Geheimdienste umtrieben, gehört nun den internationalen Netzwerken „Arabischer Mudschaheddin“ die größte Aufmerksamkeit.

Von Christian Kreutzer
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Die Strukturen des islamischen Terrorismus haben sich gewandelt: Nationale Extremisten-Organisationen lösen sich zunehmend zu Gunsten multinationaler Netzwerke auf. Dies gelte bislang für algerische und tunesische Gruppen, so ein Sprecher des Verfassungsschutzes zu FAZ.NET. Der Trend der bereits im Jahr 2000 festgestellt worden war, habe auch im vergangenen Jahr unvermindert angehalten.

Viele Mitglieder der algerischen Terrorgruppen „Bewaffnete Islamische Gruppe“ (GIA) und die mittlerweile bedeutendere „Salafiyya-Gruppe für die Mission und den Kampf“ (GSPC) fühlten sich zunehmend nicht mehr in erster Linie ihren heimischen Organisationen verbunden. Statt dessen sähen sie sich vor allem als Teil in einem Netzwerk internationaler Kämpfer für die Sache des Islam.

Die Szene hat sich gewandelt

Die Gründe hierfür liegen im Dunkeln. Möglicherweise bewirkt der Mangel an Erfolgsaussichten im Heimatland das Ausweichen auf andere Kriegsschauplätze.

Bis Mitte der 90er Jahre galt das Interesse der Verfassungsschützer hauptsächlich Ablegern regionaler Gruppen wie der palästinensischen Hamas oder der libanesischen Hisbollah. Seitdem haben sich die bis dahin weniger auffälligen, panislamistischen arabischen Netzwerke durch ihre Anschläge auf US-Einrichtungen geradezu als die Avantgarde des internationalen Terrors etabliert. Schon lange vor dem 11.September standen sie daher im Visier der Fahnder.

Wie groß sind die Gefahren in Deutschland?

Dies gilt besonders, seit die Sicherheitskräfte auch hierzulande anfangen, negative Erfahrungen mit Mitgliedern internationaler Netzwerke zu machen. So feuerte Ende Juni 1999 ein Algerier mit mutmaßlicher Verbindung zu Bin Ladins Al Qaida bei einer Verkehrskontrolle auf vier Frankfurter Polizisten und verletzte sie schwer. Das Frankfurter Landgericht verurteilte ihn zu 14 Jahren Gefängnis.

Der nächste Fall, den das gleiche Gericht ab Mitte April verhandeln soll, ist indes schon so heikel, dass die Personalvertretung der Richter und Justizangestellten im Protest vor den Bundesgerichtshof zog, um eine Verlegung zu fordern. Dabei geht es um fünf Algerier - die sogenannte „Meliani-Gruppe“ - die zu Weihnachten 2000 einen Anschlag auf den Straßburger Weihnachtsmarkt geplant haben sollen. Neben der Vorbereitung eines Mordkomplotts wirft ihnen der Generalbundesanwalt die Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung vor: Möglicherweise wurden sie in einem Lager der Al Qaida ausgebildet.

Unbekannte Strukturen

Wer sind also die „Arabischen Mudschaheddin“, die Deutschland und Mitteleuropa zunehmend nicht mehr nur als Ruheraum sondern offensichtlich auch als Operationsgebiet begreifen? Wie viele Mitglieder zu den Netzwerken zu zählen sind, ist gänzlich unbekannt. Vermutlich, weil die Grenzen zu anderen Organisationen fließend sind.

Im Gegensatz zu islamistischen Gruppen, wie der riesigen türkischen Mili Görüs, die (mit legalen Mitteln) die Wende zu einer islamischen türkischen Republik betreibt, verfolgen die Mudschaheddin-Netzwerke ihre Ideologie vor einem globalen Hintergrund. Meist sind sich die „Glaubenskämpfer“ lediglich in ihrer Ablehnung der westlichen Kultur einig. Entsprechend ihre multinationalen Zugehörigkeit treten sie für die religiöse Einheit aller Muslime weltweit ein.

Unabhängige Zellen

Darüber hinaus agieren sie weitgehend unabhängig. Auch werden Hinweise auf Querverbindungen zwischen den einzelnen Netzwerken genannt: So wurde der Anführer der New Yorker Attentäter, Mohammed Atta, angeblich von US-Agenten dabei beobachtet, wie er in Apotheken und Drogerien im Rhein-Main-Gebiet große Mengen Chemikalien kaufte, wie sie später bei den verhinderten algerischen Attentätern in Frankfurt gefunden wurden.

Viele der „Mudschaheddin“ sind ehemalige Freiwillige bei Kampfeinsätzen in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien und dem indischen Teil Kaschmirs und haben ihre militärische Ausbildung in einem der zahlreichen Lager in Afghanistan erhalten.

In Deutschland, Frankreich und Großbritannien werben sie vor allem junge Muslime für Ausbildungslehrgänge an und unterhalten eine ausgedehnte Infrastruktur, die unter anderem der Versorgung mit gefälschten Pässen dient. Ihre Geldquellen liegen in einem komplexen Finanzierungssystem, das sich wohl unter anderem aus dem Drogen- und Menschenhandel (siehe auch den FAZ.NET-Artikel Geldwäscheexperte: Al Qaida finanziert sich vor allem aus dem Drogenhandel), aber auch durch Spenden karitativer Organisationen speist.

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