13.11.2011 · Mehr als zehn Jahre lang raubt und mordet eine Gruppe von Neonazis in Deutschland. Die Ermittler gehen von mindestens vier Terroristen aus.
Von David KlaubertNach mehr als einem Jahrzehnt im Untergrund hatten Beate Z., Uwe B. und Uwe M. den großen Schritt an die Öffentlichkeit vorbereitet. In ihrer Obergeschosswohnung in der Frühlingsstraße in Zwickau-Weißenborn lagen mehrere DVDs bereit, zum Versand verpackt, adressiert an verschiedene Medien und islamische Vereine.
Auf die DVDs gebrannt war ein Film, in dem sich eine Gruppe mit dem Namen „Nationalsozialistischer Untergrund“ zu einer der kaltblütigsten und rätselhaftesten Mordserien des Landes bekennt, sich eines Polizistenmordes und eines Nagelbombenattentats rühmt. Die Täter verhöhnen ihre Opfer und die Polizei, zeigen Bilder der Leichen und kündigen an: „Solange sich keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit vollziehen, werden die Aktivitäten weitergeführt.“
Uwe B. und Uwe. M. sind inzwischen tot. Nach einem Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach am 4. November erschossen sich die beiden in einem Wohnmobil - vermutlich weil sie nach gut 13 Jahren auf der Flucht aufzufliegen drohten. Eine Polizeistreife hatte sich dem Wohnmobil der beiden genähert. Nur wenige Stunden später sprengte Beate Z. in Zwickau die gemeinsame Wohnung in die Luft und verschwand. Am Dienstag stellte sie sich dann der Polizei in Jena - und verweigert seither jede Aussage.
Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Beate Z. wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord. Am Sonntagabend hat der Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs Haftbefehl gegen die 36-jährige erlassen wegen des dringenden Verdachts der Mitgliedschaft in der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Die Terrorzelle wollte nach Auffassung des Bundesgerichtshofs vor allem Mitbürger ausländischer Herkunft töten. Dies sei der „Zweck“ der Vereinigung gewesen, heißt es in der Entscheidung des Ermittlungsrichters.
Außerdem ließ die Bundesanwaltschaft am Sonntag in der Nähe von Hannover einen weiteren Beschuldigten festnehmen. Auch der 37 Jahre alte Holger G. wird verdächtigt, Mitglied der NSU zu sein. Seit Ende der neunziger Jahre habe Holger G. mit den übrigen Mitgliedern des NSU in Kontakt gestanden. Außerdem soll er dem 1998 untergetauchten Trio seinen Führerschein und seinen Reisepass zur Verfügung gestellt und mehrmals Wohnmobile für die Gruppe angemietet haben.
Was vor eineinhalb Wochen mit den Ermittlungen in einem Banküberfall und einem Wohnungsbrand begann, führte die Polizisten und auch die Öffentlichkeit in einen Abgrund rechtsextremen Terrors. Seit dem Jahr 2000 soll die Gruppe in ganz Deutschland mindestens neun Menschen mit ausländischen Wurzeln und eine Polizistin kaltblütig erschossen, Banken ausgeraubt und wohl auch mehrere Bomben gelegt haben. Getrieben wurden sie allem Anschein nach von einer kruden rechtsextremen Ideologie, von ihrem Hass auf Ausländer und den Staat.
Schon in den neunziger Jahren geraten Uwe B., Uwe M. und Beate Z. wegen ihrer rechtsextremen Gesinnung in den Fokus von Polizei und Verfassungsschutz. In ihrer Heimatstadt Jena sind die drei als Neonazi-Schläger bekannt. Sie engagieren sich im „Thüringer Heimatschutz“ (THS), einer Art Sammelbecken der Neonazi-Gruppierungen in Thüringen. Immer wieder werden sie mit der Führungsriege des THS gesehen, unter anderem auf Neonazi-Demonstrationen und beim Prozess gegen Holocaustleugner Manfred Roeder in Erfurt. Die Drei hätten damals in der zweiten oder dritten Reihe des THS gestanden, sagen Kenner der Szene. Sie seien eng mit den Anführern der Gruppe befreundet gewesen. Mehrmals sollen die Jenaer Neonazis in dieser Zeit Punks und vermeintlich linksorientierte Jugendliche angegriffen haben.
1996 hängt Uwe B. an einer Autobahnbrücke einen Puppentorso mit gelbem Judenstern auf. Er wird unter anderem wegen Volksverhetzung zu einer Jugendstrafe verurteilt, ins Gefängnis muss er aber zunächst nicht. Als Mitte der neunziger Jahre Briefbombenattrappen in der Redaktion der „Thüringer Landeszeitung“, der Stadtverwaltung und der Polizeidirektion eingehen, wird wieder das Trio verdächtigt, zum Teil vernommen - und wieder freigelassen. Wenig später finden Passanten dann einen mit Sprengstoff gefüllten Koffer vor dem Jenaer Theater, darauf ein Hakenkreuz, eine weitere Bombenattrappe liegt auf dem Jenaer Friedhof.
Im Februar 1998 durchsucht die Polizei dann eine Garage der drei Verdächtigen - und findet vier funktionstüchtige Rohrbomben mit fast 1,4 Kilogramm TNT-Sprengstoff. Doch Uwe B., Uwe M. und Beate Z. können unter bislang nicht genau geklärten Umständen fliehen. Das Trio wird zur internationalen Fahndung ausgeschrieben, doch die mutmaßlichen Bombenbauer bleiben wie vom Erdboden verschluckt. Im Jahr 2003 wird das Verfahren dann wegen Verjährung eingestellt.
Schon damals ranken sich auch in der Öffentlichkeit viele Spekulationen um die mysteriöse Flucht. Befeuert wurden diese noch, als im Frühjahr 2001 der führende Kopf des THS, Tino Brandt, als Spitzel des Verfassungsschutzes enttarnt wurde. Jahrelang hatte er unter dem Decknamen „Otto“ mit der Behörde zusammengearbeitet - zu einer Zeit, als er in Jena auch Kontakt mit Uwe B., Uwe M. und Beate Z. hatte. In den Akten des Landeskriminalamtes von damals findet sich die Vermutung eines Zielfahnders, dass eine der gesuchten Personen durch den Verfassungsschutz gedeckt worden sein könnte.
Der thüringische Innenminister Jörg Geibert (CDU) will wegen dieser Ungereimtheiten nun eine unabhängige Untersuchungskommission einrichten. Er habe eine „Reihe von Fragen“, sagt Geibert. Hinweisen auf eine Zusammenarbeit der drei Bombenbauer mit dem Verfassungsschutz sei bereits 2001 nachgegangen worden - und hätten sich nicht bestätigt. Der Thüringer Verfassungsschutz teilte vergangene Woche knapp mit, es lägen keine Anhaltspunkte für eine Zusammenarbeit von staatlichen Stellen mit Uwe B., Uwe M. und Beate Z. vor. Auch habe man seit deren Abtauchen im Jahr 1998 keine Kenntnis über deren Aufenthaltsort gehabt.
Erst jetzt, mehr als 13 Jahre später, können die Ermittler aus den Puzzleteilen ein erschreckendes Bild zusammenfügen, eine blutige Spur des Terrors, die die Neonazis in Deutschland hinterlassen haben. Mehr als 14 Banküberfälle vermutet die Staatsanwaltschaft, begehen Uwe B. und Uwe M. nach ihrem Abtauchen in Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, den ersten davon schon 1999. Und dann, am 9. September 2000, werden an einer Kreuzung in Nürnberg acht Schüssen auf Enver Simsek, einen 38 Jahre alten Türken, abgefeuert. Wenig später stirbt Simsek im Krankenhaus. In den folgenden Jahren sterben weitere Männer, sieben mit türkischen Wurzeln, einer mit griechischen.
Die Opfer sind Kioskbesitzer, leiten Dönerbuden oder arbeiteten bei Schlüsseldiensten. Alle werden am helllichten Tag erschossen, und immer ist die gleiche Waffe mit im Spiel: eine tschechische „Ceská“, Kaliber 7,65, Typ 83. Ansonsten kann die Polizei keine Verbindung zwischen den Morden ermitteln, die Tatorte liegen in ganz Deutschland verstreut. Bis zu 60 Beamte der „Soko Bosporus“ ermitteln im Milieu des Organisierten Verbrechens, es wird über Schutzgelderpressung spekuliert, über Geldwäsche, Menschenhandel und über eine Verstrickung der türkischen Drogenmafia. Doch die wohl längste und rätselhafteste Mordserie des Landes bleibt unaufgeklärt - bis zum vergangenen Freitag.
In den Trümmern der gesprengten Wohnung des Neonazi-Trios in Zwickau finden die Spurensucher der Polizei nämlich die mysteriöse „Ceská“, dazu ein ganzes Waffenarsenal: eine Maschinenpistole, ein Repetiergewehr, mehrere Handfeuerwaffen und die Pistole, mit der höchstwahrscheinlich ein weiteres unaufgeklärtes Verbrechen begangen worden ist: der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter.
Auf einer Festwiese bei Heilbronn machen die 22 Jahre alte Kieswetter und ihr zwei Jahre älterer Kollege Martin A. Mittagspause, als sie plötzlich von hinten angegriffen werden. Die Polizistin, die aus Oberweißbach in Thüringen stammt, stirbt durch einen Kopfschuss, der zweite Beamte überlebt schwerverletzt und kann sich bis heute nicht an die Tat erinnern. Auch die Fahnder der „Soko Parkplatz“ ermitteln in vielen Milieus, mal suchen sie die Täter unter Obdachlosen, mal in den Reihen des organisierten Verbrechens, auch Sinti- und Roma-Familien geraten ins Visier. Über DNA-Analysen stellt die Polizei einen Zusammenhang zu 40 weiteren schweren Straftaten her - bis sich herausstellt, dass sie ein Phantom jagt. Die DNA-Spuren führen zu einer Verpackerin von Wattestäbchen. Eine falsche Fährte. Die verzweifelte Suche nach den kaltblütigen Mördern geht weiter - auch hier bis zum vergangenen Freitag.
In dem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach findet die Thüringer Polizei zwei Pistolen der Marke Heckler & Koch, es sind die Dienstwaffen von Kiesewetter und ihrem Kollegen, die ihnen bei dem Mordanschlag in Heilbronn entwendet wurden. In dem Wohnmobil liegen außerdem die Leichen von Uwe B. und Uwe M. Die erste Obduktion ergibt, dass sich die beiden selbst erschossen haben.
Nach Informationen von „Spiegel Online“ gehen die Ermittler inzwischen davon aus, dass die beiden damit einem vereinbarten Plan folgten: Wenn wir auffliegen, töten wir uns selbst. Aus dem Polizeifunk sollen sie nach dem Banküberfall erfahren haben, dass sie bald umzingelt seien. Sie sollen deshalb ihre Komplizin Beate Z. angerufen und ihr aufgetragen haben, sämtliche Spuren zu vernichten. Dann sollen sie sich selbst getötet haben. Beate Z. legt daraufhin in ihrer Wohnung in Zwickau Feuer. Sie stellt sich wenige Tage später der Polizei, nennt ihren Namen, ihr Alter: 36, und gibt an, dass sie gelernte Gärtnerin und derzeit arbeitslos sei.
Das Bundeskriminalamt und Sonderkommissionen in ganz Deutschland überprüfen nun viele unaufgeklärte Mordfälle und Bombenanschläge aus dem vergangenen Jahrzehnt. Neu untersucht wird unter anderem der Anschlag in Köln im Jahr 2004, bei dem 22 Personen verletzt wurden; die meisten von ihnen stammten aus der Türkei. In dem nun aufgetauchten Bekennervideo der Terroristen ist ein Koffer zu sehen, gefüllt mit silbernen Nägeln und einer Gasflasche - wahrscheinlich ist es die Bombe, die in Köln explodierte.
... weil sie nach gut 13 Jahren auf der Flucht aufzufliegen drohten.
Lothar Wölfel (LWoelfel)
- 14.11.2011, 11:48 Uhr
Zwei rechte mutmaßliche Mörder
Wolfgang Weinmann (hotwolf)
- 14.11.2011, 11:23 Uhr
David Klaubert Jahrgang 1983, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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