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Namibia : Bitte um Vergebung

  • -Aktualisiert am

Die Hand gereicht: Ministerin Wieczorek-Zeul, Präsident Nujoma Bild: dpa/dpaweb

Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat sich bei den Herero für die Verfehlungen der Kolonialzeit entschuldigt. Von einer Entschädigung sprach sie nicht.

          Steil ragt der Waterberg aus der staubigen Savanne, und am frühen Samstagmorgen, als Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul vom "Waterberg Rest Camp" ausbrach, erstrahlten die Hänge des Hochplateaus im kräftigen Kaminrot. Tausende Herero hatten sich vor dem Ort Okakarara am Fuße des Waterbergs versammelt, um an dieser historischen Stelle der Schlacht vor genau hundert Jahren zu gedenken, als die Schutztruppe der deutschen Kolonialherren die aufständischen Herero vernichtend schlug.

          Das Gedenken an die deutschen Verbrechen wurde zu einem Volksfest: Viele der Herero-Männer trugen bunte Phantasieuniformen mit Epauletten, Schützenbändern und Orden und marschierten im Sand quer durcheinander auf und ab, daß es nur so staubte. "Zack, zack, zack", gab der Anführer den Schritt vor, als exerzierten hier die preußischen Reservesoldaten. Die Frauen waren in ihre prächtigen weiten Trachten gekleidet, die Ecken ihrer Kopftücher links und rechts zu zwei Hörnern geknotet. Es war das erste Mal, daß alle Herero-Truppen den Gedenktag gemeinsam feierten - und das erste Mal, daß ein Mitglied der deutschen Regierung an den Waterberg kam, um der Verbrechen gegen die Herero und das Volk der Nama zu gedenken.

          Lange an der Rede gefeilt

          Stundenlang harrte Wieczorek-Zeul oben auf der Tribüne unter einem Dach aus grünen Sonnenschirmen aus und lauschte den langen Reden der verschiedenen Herero-Chiefs, bis sie unter Beifall ans Mikrophon treten und sichtlich bewegt sagen durfte: "Ich bitte im Sinne des gemeinsamen ,Vaterunser' um Vergebung für unsere Schuld." Nicht zuletzt aus Sorge vor Entschädigungsklagen und möglichen rechtlichen Konsequenzen hatte nie zuvor ein deutscher Minister so deutlich um Entschuldigung gebeten. Lange war an Wieczorek-Zeuls Rede gefeilt worden.

          Seinen Anfang nahm der Herero-Aufstand 1904 schon im Januar: Durch den späten Zuzug deutscher Siedler und ihr Verlangen nach immer mehr Land, durch ein betrügerisches Kreditwesen, dem viele Herero zum Opfer fielen, und nicht zuletzt durch die Rinderpest, die einen großen Teil der überlebenswichtigen Viehherden dahinraffte, waren die Herero in Not geraten. Sie griffen zu den Waffen. Bald gelang es ihnen, die Deutschen aus weiten Teilen ihres Landes zu vertreiben. Dabei töteten sie mehr als hundert Siedler, wobei sie Frauen, Kinder und Missionare ausdrücklich verschonten. Die deutsche Schutztruppe aber übte grausame Vergeltung: Berlin entsandte den Generalleutnant Lothar von Trotha, der Friedensverhandlungen ablehnte und am 11.August die Entscheidungsschlacht am Waterberg gewann. Dabei aber beließ er es nicht, sondern führte einen Vernichtungskrieg, trieb die Herero und ihre Familien immer weiter in die Wüste Omaheke hinein und blockierte die Wasserstellen. "Die Herero sind keine deutschen Untertanen mehr", verkündete von Trotha Anfang Oktober. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen."

          Bekenntnis zur kolonialen Schuld

          Es war ein planmäßiger Kampf auch gegen Frauen, Alte und Kinder, wie der Historiker Jürgen Zimmerer schreibt. Im ganzen Land wurden sogenannte Konzentrationslager errichtet, in denen die Gefangenen auch Zwangsarbeit leisten mußten; im Lager auf der Haifischinsel vor der Lüderitz-Bucht nahm man den Tod der Insassen durch Verhungern bewußt in Kauf. Nach Schätzungen starben zwischen 1904 und 1908 rund 65000 der 80000 Herero und die Hälfte der 20000 Nama. Nach den heutigen Kriterien des Völkerrechts, so sagte in Namibia jetzt auch Wieczorek-Zeul, handelte es sich um einen Völkermord, wobei die Sozialdemokratin zu ergänzen weiß: Schon August Bebel, der damalige Parteivorsitzende, habe von einem Befreiungskampf der Herero gesprochen. Aber wer weiß heute schon noch um dieses Kapitel der deutschen Geschichte?

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