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Nahost-Krieg Panarabischer Aktionismus

09.08.2006 ·  Die Bevölkerung in der arabischen Welt solidarisiert sich im Libanon-Krieg mit der militanten Hizbullah. Das bereitet den gemäßigten Regierungen immer größere Sorgen.

Von Hans-Christian Rößler
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Die Nachfrage ist kaum zu decken. In Syrien, den Palästinensergebieten und anderen arabischen Ländern gibt es schon Engpässe bei der Lieferung von gelben Hizbullah-Fahnen und Nasrallah-Postern. Der Kampf der Schiiten-Miliz gegen Israel begeistert viele Menschen in der Region, ihren Regierungen bereitet er dagegen Kopfzerbrechen. Wochenlang tat sich die Arabische Liga vor allem durch Uneinigkeit und Schweigen hervor. Erst jetzt sprang sie - kurz vor der Verabschiedung der neuen UN-Resolution - ihrem Mitglied Libanon bei. Mit einer ranghohen Delegation unterstützte die Liga am Dienstag bei den UN in New York die Forderung der Beiruter Regierung, den Resolutionsentwurf zu überarbeiten. Qatar, das als einziger arabischer Staat dem Sicherheitsrat als nichtständiges Mitglied angehört, hatte die Sitzung verlangt.

„Dieser arabische Vorstoß wird fruchtlos bleiben, da er auf das stillschweigende Einverständnis mit dem Feind zurückgeht“, schrieb am Dienstag die arabische Zeitung „Al Quds al Arabi“. Aus Schamgefühl und nicht vom Wunsch beseelt, den Libanon zu retten, handele die Arabische Liga jetzt. Vor allem die moderaten arabischen Regime hatten in den ersten Kriegswochen eher die Hizbullah als Israel kritisiert: Als „Abenteurertum“ bezeichneten die Regierungen in Kairo, Riad und Amman zunächst die Aktionen von Hizbullahführer Nasrallah.

Sofortiger Waffenstillstand gefordert

Spätestens seit dem israelischen Luftangriff auf Kana mit 28 Toten stimmten sie aber in die allgemeine Empörung über Israel ein, die Kommentatoren wie Demonstranten in ihren Ländern schon lange lauthals äußern. Am Wochenende stellten die Staatschefs dann mit Erschrecken fest, daß der Entwurf der UN-Resolution, die den Krieg im Libanon beenden soll, Israel das Recht gibt, im Libanon zu bleiben und dort sogar seine Militäraktionen fortzusetzen. Schon auf viel geringere Einmischungen in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedstaates reagiert die Liga normalerweise äußerst empfindlich: Ihre Delegation unter der Führung des Außenministers der Vereinigten Arabischen Emirate forderte daher in New York die volle Souveränität der libanesischen Regierung über ihr gesamtes Staatsgebiet und einen sofortigen Waffenstillstand - ganz im Einklang mit der Position der libanesischen Regierung.

Dieser plötzliche panarabische Aktionismus hat jedoch an alten Differenzen und Sorgen nichts geändert. Er sei bereit, sich Hizbullah-Führer Nasrallah „als Soldat“ zur Verfügung zu stellen, verkündete der syrische Außenminister Moallem in Beirut. Der saudische Außenminister Saud al Faisal hatte Syrien im Sinn, als er sagte, manche arabische Staaten hätten zuletzt das „nationale Interesse“ aus dem Blick verloren und seien unter den Einfluß anderer geraten.

Sunnitische Sorgen über schiitische Solidarität

Die Treue, die das Liga-Mitglied Syrien zur Hizbullah im Libanon und zu deren Hauptunterstützer Iran hält, ragt wie ein Keil in der arabischen Welt. Besonders den traditionellen sunnitischen Führungsmächten bereiten die atomaren Ambitionen Irans Sorgen. Zugleich beunruhigt sie, wie Teheran versucht, mit Hilfe der Hizbullah im Libanon sowie im Nahost-Konflikt eine aktivere Rolle zu spielen. Nach der Machtübernahme durch die Schiiten im Irak sprach der jordanische König Abdullah schon besorgt von einem „schiitischen Halbmond“, der sich von Bagdad und Teheran über Syrien bis in den Libanon erstreckt. Arabische Herrscher wie er hätten deshalb nichts dagegen, wenn Israel die Hizbullah - und damit auch Iran - schwächte.

Hizbullah-Führer Nasrallah scheint sich der sunnitischen Sorgen bewußt zu sein. Am Wochenende sprach er in einer Rede davon, daß ein Erfolg seiner Miliz auch ein Sieg für „jeden Araber“ sei, egal welcher Religionsgruppe er angehöre. Aber selbst im Libanon wagt nur noch der Drusenführer Dschumblatt die Hizbullah zu kritisieren und von einem drohenden „schiitischen Armageddon“ zu sprechen. Der libanesische Ministerpräsident Siniora lobte dagegen Nasrallah und „alle Märtyrer, die für die Unabhängigkeit des Libanons ihr Leben gelassen haben“.

Israel die Stirn bieten

Für viele Menschen in der Region scheint der konfessionelle Hintergrund des Konflikts nicht wichtig zu sein. Für sie ist entscheidend, daß die kleine schiitische Truppe seit einem Monat dem hochgerüsteten Israel die Stirn bietet - im Unterschied zu den Regierungen ihrer Heimatländer, die sich seit Jahren mit der Lage in der Region abgefunden haben. Die Hizbullah habe mit ihren Aktionen die „Würde des Widerstands wiederhergestellt, die wir schon lange verloren haben“, zitieren Agenturen zum Beispiel ein Mitglied der ägyptischen Oppositionsbewegung „Kifaja“ (Genug). Die dramatische Berichterstattung in den internationalen Medien trug aber auch zu einer Solidarisierung über die arabische Welt hinaus bei.

In Ägypten versucht jetzt Gamal Mubarak davon zu profitieren. Denn in Kairo war zuletzt die Unzufriedenheit darüber gewachsen, daß sein Vater, der ägyptische Staatspräsident, sich mit Kritik an der israelischen Militäroffensive zurückgehalten hatte. Am Dienstag reiste Gamal Mubarak, den einige schon als möglichen Nachfolger seines Vaters sehen, an der Spitze einer 70 Personen umfassenden ranghohen Delegation zu einem Besuch nach Beirut, um die ägyptische Solidarität mit den Libanesen in „diesem fürchterlichen und ungerechten Krieg“ zum Ausdruck zu bringen.

Quelle: F.A.Z., 09.08.2006, Nr. 183
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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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