24.04.2002 · Der wachsende Druck von Außen lässt die Menschen im „jüdischen Staat“ nur noch enger zusammenrücken.
Die Kritk des Auslands am Vorgehen Israels in den Palästinensergebieten nimmt zu. Das lässt die israelische Gesellschaft unter Führung des rechtsgerichteten Ministerpräsidenten Ariel Scharon noch weiter nach rechts rücken.
„Israelis sind wie Hühnereier. Je länger man sie kocht, desto härter werden sie,“ brachte es Parlamentspräsident Avraham Burg am Mittwoch auf den Punkt. „Die Europäer sollten nicht von Sanktionen reden. Unter Freunden spricht man miteinander“, meinte der Politiker, der sich selbst dem Friedenslager zurechnet. „Druck führt bei uns nur zum Gegenteil“, sagte er vor Gesprächen mit Europa-Politikern in Straßburg.
Kostprobe Widerstandskraft
Eine Kostprobe israelischer Widerstandskraft bekam die Welt, als sich Premier Scharon wochenlang weigerte, der Forderung Washingtons und des Weltsicherheitsrats nach einem sofortigen Rückzug seiner Armee aus besetzten Palästinenserstädten zu folgen. Scharons willkürliches „Nein“ zu einem Treffens von Palästinenserführernt Jassir Arafat mit dem EU-Chediplomaten Javier Solana Anfang April und die zeitweilige inzwischen revidierte Aufkündigung der Kooperation mit der UN-Kommission zu den Ereignissen im Flüchtlingslager Dschenin sind nach Meinung politischer Beobachter weitere Belege für die zunehmend verhärtete Haltung Israels.
Israel und seine jüdische Bevölkerungsmehrheit glaubt gute Gründe für offenen Widerstand zu haben. Die zahlreichen anti-israelischen Demonstrationen in aller Welt, vor allem aber die zunehmenden Übergriffe gegen Juden und jüdische Institutionen in Europa haben viele Menschen in der Überzeugung bestärkt, dass Israel der einzige Ort auf der Erde ist, wo sich Juden sicher fühlen können.
Zionistischer Aufruf an Frankreichs Juden
„Europa blickt in die Zukunft, wir aber blicken auf Europas Vergangenheit“, meinte Israels Außenminister Schimon Peres am Wochenende auf der Mittelmeer-Konferenz der EU in Valencia. Die Furcht vor einer neuen Judenverfolgung in Europa ist in Israel allgegenwärtig. Nach dem schockierende Erfolg von Jean Marie Le Pens bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich forderte der israelische Innenminister Eli Jischai deshalb alle französischen Juden auf, nach Israel zu emigrieren.
„Europäische Regierungen können nicht einfach mit den Schultern zucken und sagen, dies sei alles Teil des Nahost- Problems“, warnte am Dienstag der Generalsekretär des jüdischen Weltkongresses, Avi Becker, auf einer Sondersitzung in Brüssel. Doch Anti-Semitismus und Kritik an Israel sind für die meisten Israelis eins. Von der aus israelischer Sicht bedrohlichen Entwicklung profitierte in den vergangenen Wochen insbesondere der rechtsgerichtete Premier Scharon, dessen Zustimmungs-Quote bei Umfragen von 30 Prozent vor der „Operation Schutzwall“ auf fast 80 Prozent gestiegen ist.
Angesichts der zunehmenden Abwehrhaltung in der Bevölkerung vollzog der Scharon einen massiven Rechtsruck und verkündete, seine Regierung werde keine einzige jüdische Siedlung in den Palästinensergebieten aufgeben. Diese weltweit verurteilte Haltung würde eine politische Lösung des Nahostkonflikts praktisch unmöglich machen, doch selbst der einst unermüdliche Friedensförderer Peres fand angesichts der Lage in der Region kein Wort der Kritik mehr.