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Naher Osten Scharon: Liquidierung von Jassin war Selbstverteidigung

22.03.2004 ·  Die israelische Armee hat Hamas-Gründer Scheich Ahmad Jassin gezielt getötet. Während der israelische Premier die Aktion rechtfertigt, droht die palästinensische Terrorgruppe mit Vergeltung.

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Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon hat die Liquidierung des Hamas-Gründers Scheich Ahmed Jassin am Montag als Selbstverteidigung Israels bezeichnet. „Es ist das natürliche Recht des jüdischen Volkes, jene zu verfolgen, die uns zerstören wollen“, sagte Scharon im Parlament in Jerusalem. Er bezeichnete Jassin als „Erzmörder“, dessen Hauptziel die Tötung von Juden und die Zerstörung des Staates Israel gewesen sei. „Der Kampf gegen den Terror ist nicht beendet“, unterstrich Scharon, der die Aktion persönlich angeordnet haben soll.

Weltweit gab es dagegen Kritik am Vorgehen Israels. Auch die Europäische Union (EU) hat die gezielte Tötung von Jassin verurteilt, die nicht nur gegen internationales Recht verstoße, sondern „das Prinzip des Gesetzes“ untergrabe, das ein Kernelement im Kampf gegen Terrorismus sei. In einer von den EU-Außenministern in Brüssel beschlossenen Erklärung erinnerte die EU zugleich an ihre Verurteilung der Selbstmordanschläge der Hamas. Die EU rief beide Seiten zur Zurückhaltung auf, um weitere Tote zu vermeiden.

Die israelische Armee hatte Jassin bei einem Luftangriff auf Gaza getötet. Laut Augenzeugen feuerten Hubschrauber am Montag morgen drei Raketen auf den 67jährigen geistlichen Führer der palästinensischen Extremistengruppe, als dieser gerade eine Moschee verließ. Jassin war seit seinem 12.Lebensjahr nach einem Tauchunfall gelähmt und an den Rollstuhl gefesselt.

„Die Rache wird nicht gewöhnlich sein“

Neben Jassin wurden sieben weitere Menschen getötet, darunter mehrere Leibwächter. 17 Menschen wurden verletzt. Drei weitere Palästinenser wurde später in Gaza getötet. Einer kam ums Leben, als er mit Sprengstoff hantierte, zwei weitere wurden bei einer Demonstration gegen den Angriff auf Jassin von israelischen Soldaten erschossen, wie aus palästinensischen Kreisen verlautete. In einem Flüchtlingslager im Westjordanland wurde ein
palästinensischer Radiojournalist von Soldaten getötet.

In Erwartung von Vergeltungsangriffen riegelte Israel die Grenzen zum Gazastreifen und zum Westjordanland ab.
Zehntausende Palästinenser nahmen wenige Stunden nach dem Angriff an einem Trauermarsch für Jassin teil. Sie
strömten in den Straßen von Gaza zusammen, als Polizisten den Sarg des Getöteten aus dem Krankenhaus trugen.
Trauernde versuchten, den Sarg zu berühren, viele riefen nach Rache für den israelischen Angriff.

Der bewaffnete Arm der Hamas kündigte Vergeltung an: „Die Rache wird nicht gewöhnlich sein, sondern ein Erdbeben auslösen“, kündigte der bewaffnete Arm der Hamas, die Essedin al Kassam-Brigaden, an. Schon „in den nächsten Stunden“ werde Vergeltung geübt. Der israelische Rundfunk berichtete, vom Gazastreifen aus seien bereits Raketen vom Typ Kassam auf Israel abgefeuert worden. Auch die mit der Hamas rivalisierenden Al-Aksa--Brigaden kündigten Rache an. „Tod den Söhnen Sions. Die Vergeltung wird in den nächsten Stunden kommen,“ ließen sie verlauten. Von der Hamas-Führung hieß es: „Scharon hat die Pforten der Hölle geöffnet. Nichts wird uns daran hindern, ihm den Kopf abzuschlagen.“

Arafat verordnet dreitägige Trauer

Palästinenserpräsident Jassir Arafat hat die Liquidierung des Hamas-Gründers scharf verurteilt. In einer offiziellen Stellungnahme seines Büros hieß es, Arafat und seine Palästinensische Befreiungsorganisation
(PLO) verurteilten das „Verbrechen“, mit dem Israel „alle roten Linien“ überschritten habe. Der Angriff auf Jassin werde die Einheit des palästinensischen Volkes und all seiner Fraktionen stärken, hieß es weiter. Arafat erklärte eine dreitägige Trauer und einen Generalstreik in den Palästinensergebieten.

Der Angriff auf Jassin sei ein „niederträchtiges Verbrechen“, sagte der palästinensische Chefunterhändler Sajeb Erakat dem arabischen Fernsehsender Al Arabija. Damit habe die israelische Regierung den „Weg der Eskalation“ gewählt. Der Minister forderte internationalen Schutz für die Palästinenser. „Die Welt muß verstehen, daß Kreislauf der Gewalt, das Chaos und das Blutvergießen niemals durch Morde, den Bau von Mauern und Besiedelung, sondern nur durch ein Ende der israelischen Besatzung gestoppt werden kann“, sagte Erakat weiter.

„Jassin hat den Tod verdient“

Der stellvertretende israelische Verteidigungsminister Seev Boim sagte im Rundfunk, Yassin habe „den Tod verdient für alle terroristischen Anschläge der Hamas“. Nach einem Doppel-Anschlag auf den Hafen Aschdod am Sonntag vor einer Woche hatte die israelische Regierung ein noch härteres Vorgehen gegen die Hamas angekündigt. Zu dem Attentat, bei dem die Selbstmordattentäter zehn Menschen mit in den Tod rissen, hatten sich die Hamas und die Al Aksa-Brigaden der Fatah-Bewegung von Palästinenserpräsident Jassir Arafat bekannt.

Die israelische Regierung hatte in der Vergangenheit immer wieder mit der Tötung Jassins gedroht. Einen ersten Angriff im September hatte er leicht verletzt überlebt.

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Von Günther Nonnenmacher

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