Home
http://www.faz.net/-gpf-11kit
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Naher Osten Rotes Kreuz: Lage in Gaza „schockierend“

14.01.2009 ·  Fast tausend Tote, Angriffe auf Ärzte und Krankenhäuser, mehr als 35.000 Vertriebene - nach seinem Besuch in Gaza schlägt der Präsident des Roten Kreuzes Alarm. Die von der israelischen Armee gewährten drei Stunden Feuerpause am Tag seien nicht genug, kritisiert Kellenberger.

Von Markus Bickel, Jerusalem
Artikel Bilder (2) Video (1) Lesermeinungen (0)

Der Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (ICRC), Jakob Kellenberger, hat eine Verlängerung der täglichen Feuerpausen im Gazastreifen gefordert und die Lage dort als „schockierend“ bezeichnet. „Um Verwundete zu versorgen, braucht man 24 Stunden Zugang“, sagte Kellenberger am Mittwoch in Jerusalem. Damit kritisierte er die Praxis der israelischen Armee, Hilfsorganisationen täglich nur drei Stunden zu Zivilisten, Kliniken und Krankenhäusern durchzulassen. Mehr Zeit bleibt den Organisationen nicht, um Verletzte zu retten und Hilfsgüter in das Kriegsgebiet zu bringen. „Das reicht nicht aus“, sagte Kellenberger, der am Donnerstag mit Israels Außenministerin Zipi Livni, Verteidigungsminister Ehud Barak und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zusammenkommen wollte.

Kellenberger appellierte an die Konfliktparteien, den im humanitären Völkerrecht verankerten „Schutz der medizinischen Mission“ zu gewährleisten. In den vergangenen Tagen hatten Hilfsorganisationen der israelischen Armee mehrfach vorgeworfen, ihnen den Zugang zu Verwundeten zu verwehren. Eine ICRC-Sprecherin bestätigte, dass Mitarbeiter des Roten Kreuzes in mindestens einem Fall von israelischen Soldaten nicht durchgelassen worden seien. Außerdem behinderten Erdwälle, Straßenblockaden und zerstörte Straßen den Zugang zu hilfebedürftigen Zivilisten. Wegen des Kampfgeschehens blieben die Menschen über lange Zeit unversorgt und säßen „in der Falle“, sagte Kellenberger.

Keine Hinweise auf Phosphorbomben

Fast tausend Palästinenser sind nach Angaben des Palästinensischen Gesundheitsministeriums seit Beginn des Konflikts ums Leben gekommen. Darunter sollen mindestens 85 Frauen und 311 Kinder sein. Mehr als 4500 Menschen sind demnach verletzt worden. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass mehr als 35.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben worden seien.

Vorwürfe, wonach die israelische Armee Phosphorbomben verwendete, konnte Kellenberger nach seinem Besuch im Gazastreifen nicht bestätigen: „Uns liegen keine Erkenntnisse darüber vor, dass diese Bomben eingesetzt wurden.“ Zugleich forderte Kellenberger Israel dazu auf, wegen der hohen Bevölkerungsdichte im Gazastreifen den Einsatz bestimmter Waffensysteme genau zu prüfen und die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren. „Man muss unterscheiden zwischen denen, die am Konflikt teilnehmen, und Zivilisten.“ (Siehe auch: Video: Palästinenser werfen Israel den Einsatz von Phosphorbomben vor)

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sind mindestens sieben Ärzte oder andere medizinische Helfer seit Beginn der Militäroperation „Gegossenes Blei“ am 27. Dezember vergangenen Jahres getötet worden. Das palästinensische Gesundheitsministerium nennt dafür sogar noch höhere Zahlen: 13 Tote und 22 Verwundete. Erst am Montag wurde ein palästinensischer Arzt beim Beschuss des Dschabalija-Flüchtlingslagers getötet, als er Verletzte aus einem Gebäude bringen wollte, bestätigte die Weltgesundheitsorganisation.

Nach Informationen palästinensischer Quellen wurden seit Beginn des Konflikts drei Krankenhäuser und vier Gesundheitszentren durch Artilleriefeuer beschädigt. Krankenhäuser würden nur vier bis fünf Stunden täglich mit Strom versorgt, sagte der Leiter der Palestinian Medical Relief Society, Aed Yaghi. Auch die Kliniken, die seine Organisation im Gazastreifen betreibe, hätten wie viele andere Gebäude dort keine Fensterscheiben mehr.

Die israelische Organisation Ärzte für Menschenrechte warf der Armee vor, in mindestens sechs Fällen auf Gesundheitspersonal geschossen und in 15 Fällen medizinische Einrichtungen angegriffen zu haben. In einer Petition forderte sie zusammen mit acht weiteren Menschenrechtsorganisationen, dass Verwundete aus dem Gazastreifen in Israel behandelt werden sollten. Eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem darüber steht allerdings noch aus.

„Kaum noch zu bewältigen“

Die deutsche Hilfsorganisation Medico International teilte mit, dass durch die Zerstörung der vergangenen 19 Tage Tausende von der Trinkwasser- und Stromversorgung abgeschnitten seien. „Die Angriffe der israelischen Armee haben im Gazastreifen eine Situation geschaffen, welche das durch die eineinhalb Jahre dauernde Blockade geschwächte Gesundheitssystem kaum noch bewältigen kann“, sagte der Leiter des Israel-Büros der Organisation, Tsafrir Cohen.

Ein Sprecher der israelischen Armee kündigte unterdessen an, Hilfsorganisationen solle der Zugang zum Gazastreifen erleichtert werden. Nachdem am Dienstag 106 Transporte in das Kriegsgebiet gelangt seien, sollten am Mittwoch 180 Konvois durchgelassen werden. Auch dürfte der Grenzübergang Erez nicht nur wie bislang von medizinischem Personal genutzt werden, sondern ebenso von Lastwagen mit Hilfsgütern.

Kellenberger besuchte am Mittwoch auch die südisraelische Stadt Sderot, die seit mehr als sieben Jahren von militanten Palästinensern mit Raketen beschossen wird. „Für Zivilisten ist es sehr schwer, nicht nur für Tage, Wochen oder Monate, sondern für Jahre unter einer derartigen Bedrohung zu leben“, sagte er. Besonders für Kinder könne „diese Erfahrung äußerst traumatisch sein“.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1971, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge

Brandsatz Syrien

Von Günther Nonnenmacher

In Syrien ist ein voll entfalteter Bürgerkrieg im Gang. Assad geht mit aller Härte vor, weil er fürchtet, dass jedes Nachgeben als Zeichen der Schwäche gewertet wird. Die Opposition hofft, das Regime mit der Zeit zu zermürben. Dieser Konflikt könnte den gesamten Mittleren Osten in Brand setzen. Mehr 2 1