10.09.2003 · Nachdem bei zwei Attentaten am Dienstag abend in Tel Aviv und Jerusalem mindestens 17 Menschen ums Leben kamen, hat Israel aus der Luft das Haus eines Hamas-Führers angegriffen und dabei drei Palästinenser getötet.
Bei einem israelischen Luftangriff auf das Haus eines Führers der radikalen Hamas-Organisation sind am Mittwoch in der Stadt Gaza drei Palästinenser getötet worden. Während Hamas-Führer Mahmud el Sahar bei dem Angriff nur verletzt wurde, starb sein Sohn Chaled in den Trümmern des Hauses.
Nach Augenzeugenberichten hatte ein F-16 Kampfflugzeug der israelischen Luftwaffe eine Bombe auf das Haus el Sahars geworfen. Der Angriff folgte nur wenige Stunden nach zwei palästinensischen Selbstmordanschlägen in Israel, bei denen am Dienstagabend insgesamt 17 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden waren.
Hamas bekennt sich
Die Hamas hatte zuvor die Verantwortung für die beiden Bombenanschläge in Tel Aviv und Jerusalem übernommen, bei denen am Dienstag nach einer jüngsten Bilanz mindestens 16 Menschen getötet wurden. In einem in Gaza verteilten Flugblatt der Gruppe hieß es, die israelische Bevölkerung solle sich auf weitere Anschläge vorbereiten. „Wir sagen hiermit, dass die Zeit gekommen ist, wo Ihr für Eure Verbrechen büßen müsst. Wir haben noch Zeit für weitere Antworten und Vergeltungsschläge. Seid bereit für mehr und mehr!“
Nach der Liquidierung ihres politischen Führers Ismail Abu Schanab in Gaza hatte Hamas Vergeltung geschworen und eine Ende Juni ausgerufene einseitige Waffenruhe aufgekündigt. Am Samstag entkam der Hamas-Gründer und geistliche Führer der Organisation, Scheich Ahmed Jassin, nur knapp einem Bombenangriff der israelischen Luftwaffe. Insgesamt tötete die israelische Armee mehr als zehn Hamas-Aktivisten und mehrere unbeteiligte Passanten bei den umstrittenen Liquidierungen.
Tatorte: Café und Bushaltestelle
In Jerusalem sprengte sich am späten Dienstagabend ein Selbstmordattentäter in einem Café in die Luft und riß mindestens sieben Menschen mit in den Tod. Nach Angaben von Rettungskräften wurden mehr als 30 Menschen verletzt. Laut Polizei gelangte der Täter in das Café, obwohl am Eingang zwei Wachleute postiert waren. Einer der Wachmänner habe versucht, den Täter anzuhalten, daraufhin habe sich der Mann in die Luft gesprengt. Der Anschlag ereignete sich in der so genannten Deutschen Kolonie, einem Viertel mit vielen Restaurants und kleinen Geschäften.
Bei dem Selbstmordanschlag gut fünf Stunden zuvor an einer belebten Bushaltestelle in der Nähe des Tel Aviver Vororts Rischon Lezion wurden außer dem Attentäter mindestens acht Menschen getötet. Nach Angaben von Rettungskräften wurden rund 30 Menschen zum Teil schwer verletzt. In der Nähe der Bushaltestelle befindet sich eine israelische Kaserne.
Israel kündigt „entsprechende Reaktionen“ an
Die Verantwortung für die Anschläge liege sowohl bei den Tätern als auch bei der Autonomiebehörde, die nichts getan habe, um ihn zu verhindern, erklärte Regierungssprecher Avi Pasner. Er kündigte „entsprechende Reaktionen“ Israels an. Der mögliche neue palästinensische Ministerpräsident Ahmed Qurei äußerte sein Bedauern über den Tod Unschuldiger „als Folge von Gewalt und Gegengewalt“. Er rief die israelische Führung auf, nach Wegen zu einem Ende des Tötens zu suchen.
Der Sprecher des Weißen Hauses in Washington, Scott McClellan, verurteilte die Anschläge scharf. Sie zeigten, daß Terrorismus ein Hindernis für den Frieden sei und Terroristen Feinde des Friedens seien, sagte der Sprecher des amerikanischen Präsidenten in Florida. Ein Sprecher der militanten Hamas-Bewegung bezeichnete den Anschlag in Tel Aviv als Reaktion auf die blutigen Angriffe gegen Palästinenser.
Fehlender Wille
Zuvor hatte Qurei erklärt, er sei ernsthaft an Verhandlungen mit Israel interessiert. Allerdings werde er sich nicht „einem israelischen Diktat“ beugen, erklärte Qurei. In Israel wurde die Nominierung Qureis zwiespältig aufgenommen.
Israel werde die „nötigen Schritte unternehmen, um angesichts des fehlenden Willens der Palästinenser-Behörde (radikale Gruppen zu entwaffnen) sein Volk zu verteidigen", hieß es in einer Reaktion von Sprechern Scharons.
Verpflichtungen aus Friedensplan
Berater Scharons erklärten, Qurei könnte als Partner akzeptiert werden, wenn er den Verpflichtungen des Friedensplans nachkomme. Von anderer Seite wurde dagegen Qureis Nähe zum palästinensischen Präsidenten Jassir Arafat kritisiert. „Wir werden nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die tun, was Arafat sagt“, sagte Verteidigungsminister Schaul Mofas Abgeordneten zufolge.
Scharons Berater Raanan Gissin bekräftigte, der neue palästinensische Regierungschef müsse die Gewalt beenden und den Weg des Friedens wählen: „Der Name spielt hier keine Rolle, die Politik zählt“. Kritisch äußerte sich Israels Heereschef Mosche Jaalon. Es werde eine Umkehrung des von Abbas eingeleiteten Reformprozesses versucht, um erneut eine Regierung unter Arafats Führung einzusetzen, sagte er, ohne Qurei namentlich zu erwähnen.
Unterstützung Arafats
Arafat nominierte den Parlamentspräsidenten am Sonntag als Nachfolger des zurückgetretenen Regierungschefs Mahmud Abbas. Qurei, der die Nominierung noch nicht formell angenommen hat, sagte, Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Israel stünden für ihn an oberster Stelle.