09.11.2004 · Heute wollen vier palästinensische Politiker in Paris Abschied von Arafat nehmen - und den Erbstreit mit seiner Frau klären. Der Zustand von Arafat soll sich über Nacht „weiter verschlechtert“ haben.
Der Gesundheitszustand von Jassir Arafat hat sich nach offiziellen Angaben verschlechtert. Der 75 Jahre alte Palästinenserpräsident sei in ein noch tieferes Koma gefallen. Sein Zustand habe sich in der Nacht verschlechtert, sagte der oberste französische Militärärzt General Christian Estripeau am Dienstag morgen.
Inzwischen sind der palästinensische Ministerpräsident Qurei, der frühere Ministerpräsident Abbas und der palästinensische Außenminister Schaath trotz der ablehnenden Haltung von Jassir Arafats Ehefrau Suha in Paris eingetroffen.
Dort wollen sie wohl an diesem Dienstag Abschied vom palästinensischen Präsidenten Arafat nehmen. Zuvor treffen sie sich mit dem französischen Präsidenten Chirac.
Läßt man ihn heute sterben?
Heute werde Arafat womöglich von seiner lebenserhaltenden Maschine getrennt, hieß es unterdessen in Ramallah. Doch nach französischem Recht kann allein Arafats Ehefrau Suha, die seit Tagen alleinigen Zugang zu ihm hat, darüber entscheiden.
Suha lebt allerdings seit fast vier Jahren von Arafat getrennt; schon seit Tagen war wegen Streitigkeiten über ihren Anteil an Arafats Vermögen der Kontakt zwischen ihr und den Palästinserführern abgebrochen.
Ein gottesfürchtiger Akt
Es ist der Feiertag „Leil el-Khader“ am Ende des Ramadan, an dem sich nach der muslimischen Tradition die Tore des Himmels öffnen und Allah über das Los seiner Gläubigen entscheidet.
An diesem Tag sei es ein symbolischer, gottesfürchtiger Akt, das Leiden Arafats zu beenden. Seit Tagen ist unklar, woran der 75 Jahre alte Patient wirklich leidet. Jedenfalls sei er hirntot, eine Rückkehr ins Leben nicht denkbar, hieß es in Ramallah.
„Ihr wollt ihn lebendig begraben“
Arafats Ehefrau hatte den drei Politikern in einem Telefongespräch mit dem Fernsehsender „Al Dschazira“ vorgeworfen, sie wollten ihren Mann „Abu Amar“ (Arafat) „lebendig begraben“. Daraufhin war die Reise zunächst abgesagt worden. Später kündigten Schaath und der ehemalige Sicherheitschef Dahlan an, die drei Politiker würden nun doch nach Paris fliegen.
Suha Arafat hatte gesagt: „Das ehrliche palästinensische Volk soll wissen, daß eine Hand voll von Erbschleichern nach Paris kommen will. Es geht ihm gut, und er wird in sein Vaterland zurückkehren.“
„Frau Arafat hat offenbar nichts begriffen“
Arafats Sekretär Tajib Abdul Rahim sagte dazu: „Frau Suha hat offensichtlich nicht verstanden, daß Jassir Arafat nicht seiner Kleinfamilie gehört, sondern dem gesamten palästinensischen Volk und allen Arabern.“
Ihre Worte seien „schockierend“. Qurei äußerte „größtes Bedauern“ über die Äußerungen von Arafats Frau. Auch der engste Berater Arafats, Abu Rudeineh, hatte sich in Paris von Frau Arafat distanziert. Vor dem Hauptquartier Arafats in Ramallah gab es Proteste gegen Suha Arafat.
Streit über künftige Erbzahlungen: Mehrere zehntausend Euro im Monat
Aus Palästinenserkreisen wurde ihr vorgeworfen, sie nutze ihre rechtliche Stellung als Gattin des Palästinenserführers aus. Zuvor war berichtetet worden, es liefen Verhandlungen über künftige Erbzahlungen.
Arafat soll seiner Frau nach unbestätigten Meldungen aus dem vergangenen Jahr monatlich umgerechnet mehrere zehntausend Euro für ihr Leben in Paris überweisen.
Zwist hatte sich angekündigt
Qurei appellierte an Frau Arafat, ihren Mann nicht von seinem Volk zu trennen. „Der Zwist der palästinensischen Machthaber mit Arafats Frau kündigte sich schon seit Tagen an. Suha Arafat wacht allein über die Informationen über ihren Mann und läßt die palästinensischen Führer offenbar absichtlich im unklaren.
Der Gesundheitszustand des 75 Jahre alten Politikers hat sich nach Angaben seiner Ärzte jedoch nicht verändert. Er befinde sich immer noch auf der Intensivstation, sagte der Militärmediziner General Christian Estripeau vor dem Percy-Militärhospital bei Paris. Wegen Arafats Gesundheitszustands seien Besuche bei ihm nur eingeschränkt möglich.
Todesnachricht erst nach Regelung des Erbstreites
In Paris war auch spekuliert worden, daß im Falle des Todes von Arafat sein Ableben so lange nicht verkündet werde, bis die Fragen seiner Nachfolge, von Suhas Erbe und seiner Bestattung geregelt seien.
Nach israelischen Angaben wurden derweil in geheimen Gesprächen zwischen Ramallah, Kairo und Jerusalem die Trauerfeierlichkeiten besprochen. Arafats Leichnam wird danach zunächst nach Kairo geflogen, wo eine aufwendige Trauerfeier stattfinden soll.
Trauerfeier in Kairo, Grab in Gaza
An ihr sollen unter anderen der französische Präsident Chirac und der libysche Führer Gaddafi teilnehmen. Auch mit dem jordanischen König und einer hochrangigen syrischen Abordnung wird gerechnet. Anschließend soll eine kleine Trauergruppe den PLO-Gründer und Vater der palästinensischen Nationalbewegung nach Khan Yunis in den Gaza-Streifen begleiten, wo er neben seinem Vater und seiner Schwester die letzte Ruhe finden werde. Dies wurde aber offiziell nicht bestätigt. Israel würde nicht erlauben, daß Flugzeuge aus arabischen Staaten Trauergäste in den Gazastreifen bringen.
Der kleine Friedhof mit seinen etwa dreißig Gräbern liegt an einer belebten Kreuzung und stellt bisher nach Pflege und Umgebung keinen würdigen Platz dar, an dem man sich ein Staatsbegräbnis und eine Pilgerstätte für die nächsten Jahrzehnte vorstellen könnte.
Israel wird von Drohne überrascht
In Israel wurde am Dienstag erstmals seit Tagen das Schicksal Arafats aus den Schlagzeilen verdrängt. Am Sonntag war es der schiitischen Hizbullah im Süden Libanons gelungen, eine Drohne bis nach Naharija in den Norden Israels zu schicken, bevor sie nach ihrem Rückflug vor Nekura an der libanesischen Küste ins Meer stürzte.
Israels Armee entdeckte die Drohne offenbar zu spät und behauptete zunächst sogar, sie habe nie israelischen Luftraum erreicht. Am Dienstag hieß es, man sei auf so etwas nicht vorbereitet gewesen. In den Kommentaren hieß es, die Drohne habe nicht viel geschadet, wohl aber die israelische Armee gedemütigt.
Washington will Scharon nicht bedrängen
Israelische Quellen aus Washington berichten unter Berufung auf hohe amerikanische Beamte, das Weiße Haus werde von Ministerpräsident Scharon zunächst nicht weiter bedrängen, illegale Siedlungsposten abzubauen und einen Siedlungsstop zu vollziehen. Gleichwohl bleibe diese schon im April geäußerte Forderung grundsätzlich bestehen. Washington wolle Scharon vielmehr bei seinen innenpolitischen Problemen zur Seite stehen, um zunächst den Abzug aus dem Gaza-Streifen und aus vier Siedlungen im nördlichen Westjordanland verwirklichen zu können.