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Naher Osten Die Hamas schlug tiefe Wurzeln

27.01.2006 ·  Mit dosiertem Pragmatismus, aber nur leicht gemilderter Gewaltpropaganda haben die palästinensischen Islamisten die Wähler für sich eigenommen. Steht die Hamas nur für weiteren Terror gegen Israel?

Von Jörg Bremer, Ramallah
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Israel müsse seinen Frieden mit den Palästinensern finden, bevor es zum Sieg der Islamisten komme. Deshalb fahre er nach Oslo und werde weiter drängen, sagte vor mehr als zehn Jahren der israelische Ministerpräsident Rabin. Israel hat diesen Wettlauf verloren: Die fortgesetzte Besatzung, der Terror einer „zweiten Initifada“, der Tod von PLO-Chef Arafat und die wuchernde Korruption in der Fatah-Führung brachten nun bei der Parlamentswahl der Hamas den Sieg ein.

Freilich hat sich seit den Tagen des 1995 ermordeten Rabins auch die Hamas verändert. Zwar vergleicht die israelische Regierung den Sieg der Islamisten mit Hitlers Machtergreifung in Deutschland 1933. Es gibt aber auch Israelis, die an 1977 erinnern, als in Israel die Jahrzehnte lang wegen ihres Terrors gegen Briten und Araber ausgegrenzten Revisionisten des Herut-Likud die Arbeiterpartei besiegten. Der damalige Likud-Chef und Ministerpräsident Begin steht für den Friedensschluß mit Ägypten. Steht Hamas dagegen nur für weiteren Terror gegen Israel?

Arafat wollte die Hamas integrieren

Vor zehn Jahren kämpfte die Hamas für den Untergang Israels. Sie war nicht nur für Israel als Partner undenkbar, sondern wurde überdies von der PLO bekämpft. Als ein Zweig der ägyptischen Muslimbruderschaft wollte die Hamas die Palästinenser zurück zur eigenen Religion bringen und von der westlichen Kultur entzweien. Sie gründete Kindergärten und Schulen und schlug allmählich tiefe Wurzeln. Arafat beäugte die Gruppe stets mißtrauisch, wollte sie aber immer auch integrieren - freilich zu seinen Bedingungen. Die Hamas aber forderte stets mehr, als Arafat ihr zuzugestehen bereit war. 1990 etwa wollten sie mindestens 40 Prozent der Abgeordneten im PLO-Nationalrat stellen. Solche Forderungen kann nur erheben, wer gar nicht integriert werden will.

Das änderte sich mit den Osloer Verträgen. Plötzlich hatte Arafats PLO ein Monopol in den besetzten Gebieten und neue Gestaltungsfreiheiten. In den entstehenden sozialen Einrichtungen und Ministerien war die Hamas ausgegrenzt. „Oslo“ war ja auch im Sinne Rabins ein Bündnis Israels mit der Fatah, um die Hamas auszugrenzen. Diese sah sich zunächst zu verschärfter Opposition gedrängt. Sie war gegen „Oslo“ und die Folgeverträge; sie setzte die Intifada fort.

Als im Februar 1994 ein Siedler in Hebron 29 betende Muslime tötete, antwortete die Hamas mit Selbstmordanschlägen auf israelische Zivilisten.

„Zuckerbrot und Peitsche“

1996 boykottierte Hamas die Autonomieratswahl, forderte aber schon damals Lokalwahlen, ihrer eigenen Machtbasis in den Städten und Dörfern bewußt. Arafat lehnte ab. Er fürchtete ein „zweites Algerien“. Einmal ließ Arafat im Gazastreifen sogar die Autonomiepolizei Hamas-Führer verhaften. Zugleich gab es aber auch immer wieder Versuche der Fatah, die Hamas für sich einzunehmen. So willigte Arafat im Mai 2004 ein, Kommunalwahlen abzuhalten. Sie waren seit 1996 verschoben worden.

Die Fatah-Strategie von „Zuckerbrot und Peitsche“ gegenüber der Hamas wich unter israelischem Druck während der „zweiten Intifada“ einer Rivalität um die besten „militärischen Schläge gegen die Okkupanten“. Die staatstragende Fatah mutierte wieder zur alten Widerstandsbewegung - und wurde der Hamas immer ähnlicher.

Vom Dialogpartner zum Attentäter

Dieser Weg läßt sich am früheren Fatah-Generalsekretär Barguti in Ramallah nachzeichnen, der vom Dialogpartner Israels zum Attentäter gegen Israelis wurde und nun in einem israelischen Gefängnis einsitzt. Die Al-Aqsa-Brigaden der Fatah und die Kassem-Brigaden der Hamas schlossen sich in Aktionsbündnissen gegen den gemeinsamen Feind Israel zusammen oder wetteiferten darum, sich als erster eines „gelungenen Anschlags“ zu bezichtigen. Arafat wie Barguti wurden freilich auch deshalb wieder zu Terrorführern, weil sie hofften, dadurch die Hamas und die anderen revisionistischen Gruppen kontrollieren zu können. Sie scheinen nicht zu bemerken, wie sie statt dessen ihre Vormacht einbüßten.

Die „zweite Intifada“ schwächte die Fatah und stärkte die Hamas. Nicht nur, weil Israel die meisten Fatah-Institutionen vorrangig ausgeschaltet hatte und Arafat in seinem halbzerstörten Hauptquartier in Ramallah einschloß, gewann die Hamas die Oberhand, sondern auch, weil sie nun behaupten konnte, der Oslo-Prozeß sei von vornherein falsch gewesen. Dort, wo die Israelis mit besonderer Gewalt gegen Palästinenser vorgingen und die Fatah besonders hilflos war - etwa in Rafah an der ägyptischen Grenze -, feierten die Hamas und der Islamische Dschihad Triumphe.

„Gezielte Tötungen“ schwächten Hamas nicht

Auch die „gezielte Tötung“ von Hamas-Anführern durch Israel vermochten nicht, die Hamas zu schwächen. Selbst wenn die Bewegung zeitweise führungslos wirkte - jede Tötung, jeder tote Palästinenser im Bombenkrater schien der Gruppe neue Anhänger zuzutreiben. Schließlich stärkte auch Israels einseitiger Abzug aus dem Gazastreifen im vergangenen Sommer die Hamas. Er war keine Folge bilateraler Verhandlungen mit der Oslo-Fatah. Vielmehr glaubten viele Palästinenser der Hamas, allein die Gewalt habe Israel zum Abzug gezwungen.

Die Tötung des Hamas-Mitgründers Yassin im Jahr 2004, eines der pragmatischeren Anührer (auf den sich Hamas-Vertreter heute berufen, wenn sie von Waffenpause reden), radikalisierte die Hamas zunächst. Letztlich aber fand sich eine neue Führungsgruppe, die Hamas halbwegs diszipliniert weiterführte.

Gelähmt nach Arafats Tod

Arafats Tod im November 2004 hat die Fatah dagegen bis heute gelähmt. Zwar konnte der PLO-Chef und neue Präsident Abbas schnell und ohne Blutvergießen die Macht übernehmen, aber er konnte die Bewegung nicht einen, und sie schon gar nicht bis zur Parlamentswahl in eine funktionierende, staatstragende Partei umformen. Abbas hatte offenbar auch nicht mehr wie sein Vorgänger Arafat die Option, gegen die Hamas vorzugehen. Er konnte im März 2005 seine Waffenpause vor allem deswegen durchsetzen, weil sich die Hamas inzwischen selbst gewandelt hatte.

Unter dem Eindruck einer Nation, die des Kampfes müde ist, geriert sich die Hamas nun als die einzig wahre Volksvertretung, die dem Volk die Waffenruhe schenken will. Sie ließ die Fatah gewähren. Während Abbas mit Israel verhandelte und seine Partei in den Griff zu bekommen versuchte, bereitete die Hamas ihre Erfolge auf der politischen Bühne vor.

Verhandlungen mit Israel „über Dritte“?

Zunächst siegte die Hamas bei vielen Lokalwahlen in den vergangenen Monaten. In den Gemeinden regiert sie nicht viel anders als zuvor die Fatah. Islamistische Pläne wie der für eine Moral-Polizei, die zum Beispiel bei Hochzeiten das gemeinsame Tanzen von Frauen und Männern unterbinden sollte, sind bisher gescheitert. Pragmatisch reden Hamas-Politiker mit Vertretern Israels, wenn es um Alltagsdinge wie Abwasser oder Strom geht. Bei allem Pragmatismus sind freilich auch immer wieder totalitäre Zungenschläge zu hören, verstärkt von den Hamas-Exilanten in Syrien oder Iran.

Die Hamas-Charta von 1988, die den „Heiligen Krieg“ gegen Israel beschwört, besteht fort. Im aktuellen Wahlprogramm der Partei war schon nur noch „von dem Recht des Volkes, mit allen Mitteln, auch mit der Waffe, daran zu arbeiten, seine Rechte zurückzubekommen“ die Rede. Hamas vertritt in dem Programm etwa die Auffassung, für welche die Fatah in der Zeit vor dem Oslo-Prozeß stand - also bevor die PLO bereit war, Israel anzuerkennen.

„Warum sollte man jetzt Israel anerkennen?“, fragte jüngst der Hamas-Führer Zahar. „Reicht es nicht, wenn man gemeinsam praktische Probleme löst?“ Viele Hamas-Politiker plädieren jedoch für Verhandlungen „über Dritte“ mit Israel. In der Wirtschaft will Hamas auf eine „völlige Trennung von der Wirtschaft des zionistischen Gebildes“ und auf eine „Revision aller geltenden Wirtschafts- und Finanzgesetze hinwirken“. Im Programm ist von Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit und friedlichem Machtwechsel die Rede. Doch zugleicg will die Hamas die arabischen und islamischen Völker zur stärkeren Unterstützung des Kampfes gegen die israelische Besatzung gewinnen. Dabei wird die Hamas jetzt mit den Regimen in Ägypten und Jordanien zu tun bekommen, die bisher die Fatah-Regierung stützten.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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