23.03.2004 · Nach der Liquidierung des Hamas-Gründers Scheich Jassin erleben sich die meisten Israelis als wehrlos ausgelieferte Ziele der nächsten Hamas-Vergeltung: „Längst schlägt der Terror überall zu.“
Von Jörg Bremer, JerusalemIsrael erwartet dumpf den Gegenschlag. In den Bussen reisen schon die möglichen nächsten Opfer. In den Cafes sitzen sie noch und wollen den Frühling genießen. Einen Tag nach der israelischen Tötung des Hamas-Gründers Scheich Jassin in Gaza erleben sich die meisten Israelis als Ziele der nächsten Hamas-Vergeltung, wehrlos ausgeliefert. Aber so empfinden es nicht nur die Israelis, sondern auch die Palästinenser und die israelischen Araber.
„Längst schlägt der Terror überall zu", heißt es in der Familie des Studenten George Khoury, der am Freitag in Jerusalem ermordet wurde: ein Araber, der arabischen Terroristen zum Opfer fiel. Auch bei den letzten Anschlägen in Haifa und Tel Aviv traf es immer auch Araber. In Gaza wird dem Anrufer aus Jerusalem gesagt: "Nun übernehmen die Islamisten hier die Macht; die Israelis können nicht abziehen. Wir bereiten uns vielmehr auf ihre nächste Invasion vor. Neuer Militärterror steht an."
Die Furcht Arafats
Die Menschen im Nahen Osten können ihr Schicksal nicht mehr in die eigene Hand nehmen. Das Leben kann beim Joggen enden, im Bus und an der Arbeitsstelle. Die israelische Armee und die führenden Minister sehen das freilich anders. Militärsicherheitschef Zeevi sagt, es werde keinen bedeutungsvollen Anstieg des Terrors geben. Schon bis jetzt habe Hamas unentwegt Anschläge versucht.
Generalstabschef Yaalon fügt hinzu: Man erkenne im Verhalten von PLO-Chef Arafat oder Hizbullah-Generalsekretär Nasrallah, daß sie sich als nächste Opfer eines israelischen Militärschlages wissen. „Auf lange Sicht ist das hoffentlich ein Zeichen für all jene, die uns treffen wollen, daß das ihr eigenes Ende bedeutet." Vielleicht werde es in nächster Zeit mehr Anschläge geben. Aber auf lange Sicht werde sich die Lage beruhigen, und die Gemäßigten könnten im Gaza-Streifen das Regime übernehmen, glaubt Yaalon.
Radikalerer Nachfolger ?
Auch ein Sprecher im Außenministerium will beruhigen. Mit Jassin sei Hamas enthauptet. Jassin könne niemand ersetzen; es werde nun ein zerstrittenes Gremium die Macht antreten. Im Wesentlichen sei Hamas zu Boden gedrängt. Der Schlag mache den Gaza-Streifen reifer für den israelischen Abzug. Ein Gast im Trauerhaus der christlich-arabischen Familie Khoury sagt dagegen, die sunnitische Hamas brauche keine starre Hierarchie.
Schon jetzt habe es stets einen Widerspruch zwischen der Hamas in den besetzten Gebieten und im Ausland gegeben. Die Hamas in Damaskus sei zum Beispiel meist radikaler gewesen als Jassin, der stets die Grenzen der Leidensfähigkeit seiner Mitbürger im Blick haben mußte. Jeder Nachfolger müsse nun extremer sein als Jassin, allein schon um sich als Nachfolger würdig zu erweisen.
„Dem Terror machtlos gegenüber“
Ein Fatah-Vertreter in Ostjerusalem hält die letzte Stunde der Autonomieregierung für gekommen. „Jetzt kann doch keiner mehr für Dialog und Frieden eintreten. Jeder weiß, daß Autonomiepremier Qurei die Hamas verachtet, und doch muß er das Lied des Trauernden und Zornigen singen." Arafat, der lange Zeit versucht habe, die Hamas neben den Al-Aqsa-Brigaden als seine nationale Kraft zu integrieren, werde nun von Hamas geschluckt werden. Der Tod Jassins werde die Hamas nun auch noch im Westjordanland stärken, sagt der verzagte Fatah-Sprecher.
Die israelischen Zeitungen kennen kaum ein anderes Thema. Es habe sich um eine Operation "aus dem Bauch" heraus gehandelt, vermutet "Yediot Ahronot". Die Politik der gezielten Tötungen solle der anderen Seite Schmerzen zufügen und damit zur eigenen Genugtuung beitragen, "eine völlig emotionale Politik, die von der schrecklichen Frustration der israelischen Regierung gespeist wird, die dem Terror machtlos gegenüber steht". Natürlich habe Jassin den Tod verdient. "Aber die Frage ist doch, verdienen wir (Israelis) ihn?"
Scharon - ein guter Taktiker?
In einem anderen Kommentar in "Yediot Ahronot" meint der Autor, wer jetzt bei Hamas eine Kassem-Rakete habe, werde sie abschießen; wer jetzt einen Brunnen vergiften könne, werde das tun. Die israelische Armee habe nicht nur einen neuen Heiligen geschaffen, nicht nur die Kampfeswut der Terroristen erneuert; sie habe Israel eine Lage gebracht, in der es diese Tötungen gar nicht mehr stoppen kann, selbst wenn die Regierung es wollte.
Auch "Maariv" spart in mehreren Artikeln nicht mit Kritik. Scharon habe sich neuerlich als guter Taktiker erwiesen. Er habe die Yassin-Operation gebraucht, um von seinem Abzugsplan aus dem Gaza-Streifen abzulenken und seine Kritiker in Schach zu halten. Jetzt schlittere Scharon auf Jassins Bart in die Knesset-Ferien und werde in Washington ungestört seine Pläne vorstellen können. Aber meist "endet die Scharon-Politik kleiner taktischer Schritte in Tränen, Blut und einer Untersuchungskommission".
Mehrheit für Liquidierung Jassins
In einem anderen Beitrag weist "Maariv" auf die Kritik der Schinui-Minister Poraz und Lapid hin, die sich auf der entscheidenden Sitzung gegen den Anschlag aussprachen und sich damit auf die Seite des zivilen Sicherheitschefs Dichter stellten. In einem dritten Beitrag heißt es dann, es sei nur eine Frage der Zeit, "wann der Notstand wegen des nächsten Anschlages ausgerufen wird, vor, während oder nach Pessach".
In Umfragen haben gleichwohl mehr als sechzig Prozent der Israelis die Tötung Jassins befürwortet, auch wenn etwa achtzig Prozent in der Zeitung "Yediot Ahronot" und 55 Prozent in "Maariv" "auf kurze Sicht" eine Terrorlawine auf sich zukommen sehen. Die meisten Menschen aber haben jetzt auch nicht mehr Angst als bevor.
Jörg Bremer Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.
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