18.04.2006 · Nach dem Urteil im Berliner „Ehrenmord“-Prozeß ist ein Streit über das Sorgerecht für den Sohn der ermordeten Hatun Sürücü ausgebrochen. Politiker von CDU, SPD und Grünen kritisierten den Wunsch der Schwester des Opfers, ihren Neffen Can zu adoptieren.
Nach dem Urteil im Berliner „Ehrenmord“-Prozeß ist ein Streit über das Sorgerecht für den Sohn der ermordeten Hatun Sürücü ausgebrochen. Zahlreiche Politiker kritisierten den Wunsch der Schwester des Opfers, ihren Neffen Can zu adoptieren. „Es ist ausgeschlossen, daß dies in Betracht kommt“, sagte der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz. „Das Kindeswohl steht im Vordergrund.“
Berlins Jugendsenator Klaus Böger (SPD) sagte, daß zwar die Generalvermutung richtig sei, daß ein Kind am besten bei Familienmitgliedern aufgehoben sei. „In diesem außerordentlichen Fall aber ist dies absolut falsch: Es kann nicht zum Wohle des Kindes sein, dem Familienclan das Sorgerecht zu übertragen.“ Er unterstütze daher die Position des Jugendamtes Tempelhof-Schöneberg, den Sohn der Ermordeten in einer Pflegefamilie unterzubringen, sagte Böger.
„Schwer vorstellbar“
Der Berliner CDU-Generalsekretär Frank Henkel sagte, es sei für ihn schwer vorstellbar, daß das Sorgerecht auf die Familie übergehe, die maßgeblich Schuld daran habe, daß dieser Mord geschehen konnte. In der Familie herrsche anscheinend eine Art religiöser Fanatismus, der nicht mehr in die heutige Zeit passe. Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, will verhindern, daß die Familie der Täter jetzt „auch noch einen Zugriff auf das Kind des Opfers erhält“.
Hatun Sürücü war vom jüngsten Sohn der Familie durch drei Schüsse in den Kopf getötet worden. Als Motiv hatte dem Mörder der Lebensstil der jungen Frau gegolten. Das Berliner Landgericht hatte zwei der angeklagten Brüder der 23 Jahre alten Mutter aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf des gemeinschaftlichen Mordes freigesprochen. Gegen den jüngsten, heute 20 Jahre alten Bruder der jungen Frau wurde wegen Mordes eine Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten verhängt. Die Staatsanwaltschaft hatte schon kurz nach Verkündung des Urteils Revision eingelegt.
„Kaum zu ertragen“
Mehrere Politiker hatten die Familie des Opfers nach dem Urteil aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Berlins Innensenator Ehrhart Körting sagte: „Wenn die Familie Sürücü wirklich Ehre am Leib hätte, dann sollten sie die Konsequenzen ziehen und die Bundesrepublik Deutschland verlassen“. Familien wie die Sürücüs belasteten die türkische Gemeinschaft und das Miteinander der Menschen in Berlin. Der überwiegende Teil der türkischen Gemeinschaft mißbillige die Tat.
Mehrere Berliner CDU-Politiker schlossen sich der Aufforderung Körtings an, so der CDU-Generalsekretär Henkel. Er sagte, „die Bilder mit dem breiten Lachen auf dem Gesicht der Familienmitglieder sind kaum zu ertragen“.
Pflüger: „Kein Platz in Deutschland“
Der CDU-Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters, Friedbert Pflüger, sagte: „Wer Ehrenmorde bejaht und sogar begeht, für den darf kein Platz in Deutschland sein“. Die Art und Weise, wie sich die Sürücüs nach dem Urteil zu dem Mord benommen hätten, zeige, daß diese Familie „in einer anderen Welt lebt“. Pflüger sagte: „Wenn wir nicht entschlossen reagieren, schaden wir dem Gedanken der Integration.“
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Lehmann, sagte, es brauche Mittel und Wege, „die Menschen zu bewegen, sich stärker auf unsere Lebenswelt und auch auf die rechtlichen Verhältnisse einzulassen. Wenn das nicht der Fall ist, also Heiratszwang für junge Frauen und dergleichen, dann können solche Leute auf Dauer nicht bleiben“.
„Kein Steckenpferd für galoppierende Innenpolitiker“
Bundesfamilienministerin von der Leyen (CDU) kündigte an, mit den beiden christlichen Kirchen ein „Bündnis für Erziehung“ ins Leben zu rufen. Dabei sollten gemeinsam Leitlinien erarbeitet werden, wie christliche Werte wieder zum Fundament der Erziehung werden könnten. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Uhl (CSU), verlangte im Sender RTL, für Ausländer einen Straftatbestand der Integrationsverweigerung zu schaffen.
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth warnte dagegen vor „ausgrenzenden, populistischen und zudem verfassungsfeindlichen Vorschlägen“. Die stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion Petra Pau sagte, Integration sei „kein Steckenpferd für galoppierende Innenpolitiker“, sondern ein Anspruch an die ganze Gesellschaft.
(Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: „Ehrenmord“-Fall Sürücü)