07.04.2008 · Als Filip Vujanovic 1993 montenegrinischer Minister wurde, stand er noch fest an der Seite von Serbiens Präsident Slobodan Milosevic. Anderthalb Jahrzehnte später ist Montenegros am Wochenende wiedergewählter Präsident einer der wichtigsten Garanten für die Unabhängigkeit von Belgrad.
Von Michael MartensDer am Sonntag wiedergewählte montenegrinische Präsident Filip Vujanovic wurde 1954 in Belgrad geboren, wo viele derzeit nicht gut zu sprechen sind auf die Montenegriner, weil sie angeblich die Schuld daran tragen, dass die Immobilienpreise in der serbischen Hauptstadt steigen und steigen.
Ob dieses Gerücht wirtschaftlich stichhaltig ist, wäre zu untersuchen. Es fällt allerdings tatsächlich auf, dass viele Montenegriner in jüngster Zeit Häuser und Wohnungen in Belgrad kaufen. Das dafür nötige Geld erhalten sie durch den Verkauf ihrer an der Adriaküste gelegenen Häuser oder Ruinen an russische Kunden, die fast jeden Preis zahlen, um ein Feriendomizil am slawisch-orthodoxen Abschnitt des Mittelmeers zu erwerben.
Einst enger Gefolgsmann Milosevics
Vujanovic studierte Jura in seiner Geburtsstadt, bevor er 1982 in die montenegrinische Hauptstadt Podgorica ging, die damals Titograd hieß. Dort arbeitete er als Rechtsanwalt, bis er 1993 zum Justizminister ernannt wurde. Zwei Jahre später wurde er Innenminister. Damals stand Montenegro noch fest an der Seite von Slobodan Milosevic, unter dessen Führung es sich mit Serbien zu einem „Jugoslawien“ zusammengeschlossen hatte, das diesen Namen freilich nicht verdiente. Vujanovic war später auch noch Regierungschef und Parlamentspräsident, bis er im Mai 2003 die Präsidentenwahl im damals noch nicht unabhängigen Montenegro gewann.
Bemerkenswert an diesem Postenreigen ist vor allem, dass er keineswegs untypisch für die vergangenen fünfzehn Jahre in Montenegro ist. Auch der eigentlich mächtige Mann in Montenegro, Vujanovics Doppelpartner Milo Djukanovic, sitzt seit Beginn der neunziger Jahre mit einer kurzen und allenfalls formalen Unterbrechung an den Schalthebeln der Macht im kleinsten jener inzwischen sieben Staaten, die aus Jugoslawiens Zerfall entstanden.
Djukanovic war 1991 im Alter von nur 29 Jahren, damals noch gefördert von Milosevic, erstmals Ministerpräsident in Montenegro geworden. Unter seiner Führung wandte sich die Adriarepublik schließlich jedoch Mitte der neunziger Jahre von Belgrad ab, und auch Vujanovic folgte diesem wohlüberlegten Kurs, der in dem Unabhängigkeitsreferendum vom Mai 2006 gipfelte, mit dem Montenegro seine staatliche Souveränität wiedererlangte.
Nie ein Machtwechsel
Einen wirklichen Machtwechsel hat es in dem etwa 670 000 Einwohner zählenden Staat weder vorher nach danach gegeben. Djukanovis Demokratische Partei der Sozialisten (DPS) neigt daher dazu, den Staat als ihr Eigentum anzusehen. Allerdings ist Montenegro auch die einzige einst jugoslawische Republik, die sich ohne Blutvergießen von Belgrad immer weiter zu entfernen und schließlich zu lösen verstand.
Djukanovic gratulierte seinem Präsidenten noch in der Wahlnacht und wollte dessen Sieg als Bestätigung für die Politik der DPS gewertet wissen. Tatsächlich ist der nach der Unabhängigkeitserklärung von vielen Beobachtern prophezeite Einbruch des „Systems Djukanovic“ bisher ausgeblieben. Dies sagt auch etwas über die Schwäche der in sich zerstrittenen Opposition aus.
Michael Martens Jahrgang 1973, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul.
Jüngste Beiträge