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Nach der Vergewaltigung Indiens Versagen

Nach dem Verbrechen von Delhi stehen die Inder vor einer schier unüberwindlichen Kluft. Die größte „Demokratie“ der Welt ist nur ein Feigenblatt für ein Land des Elends und der Verkommenheit.

© AFP Vergrößern Delhi am Donnerstag: Die Zustände werden nicht mehr als gottgegeben hingenommen.

Die Tränen sind noch nicht getrocknet, die Mörder warten auf ihren Prozess, es gibt tausend Seiten Polizeibericht. Indien versucht, das Verbrechen vom dritten Adventssonntag zu verarbeiten, und steht vor einer schier unüberwindlichen Kluft: hier das Land, das sich so stolz als größte Demokratie der Erde bezeichnet, als aufstrebende Weltmacht, als blühender Wirtschaftsriese; dort das Land des Elends und der Verkommenheit, das seinen Bürgern keinen Schutz gewährt, in dem Vergewaltigung und Mord einer Frau zum Alltag gehören, das Land, dessen soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zivilisationen noch sehr weit von einer modernen Zivilgesellschaft entfernt sind.

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Das Verbrechen an dem jungen Paar in Delhi selbst war Ausdruck dieses Bruchs. Die aufgeklärte Inderin, deren Eltern mit dem wenigen, was sie haben, ihr eine Ausbildung finanzieren, die sich mit ihrem Freund einen schönen Abend machte - sie war ein Bild der neuen Mittelschicht, auf die Indien seine Zukunft bauen will. Sie wurde zum Opfer einer Gruppe von Verlierern, die an dieser Zukunft nicht teilhaben, ohne Chancen sind und in einem Slum vegetieren. Das verhängnisvolle Aufeinandertreffen der Menschen zweier Schichten machte aus dem indischen Riesen einen Moloch, in dem die Masse der Inder von der Teilhabe an Wachstum und Wohlstand nur träumen kann. Manche erfüllen sich diesen Traum gewaltsam und berauschen sich an einer Art Rachegefühl, das sich gegen die Aufsteiger richtet, die es geschafft haben, die jene Kluft gegen alle Widerstände überwinden konnten und deshalb auf die Verlierer wie eine Provokation wirken.

Der indische Staat hat dem nichts entgegenzusetzen. Im Gegenteil, er verschärft die Gegensätze. Die Recht- und Machtlosigkeit des Einzelnen sind in Indien überall und jederzeit zu spüren: Die Menschen leiden unter der wuchernden Bürokratie, die ihnen Lebenschancen stiehlt. Sie werden ausgebeutet durch eine flächendeckende Bestechung, in die im Durchschnitt ein Drittel des Einkommens fließt. Den Indern wird vorgegaukelt, eine Wahl zu haben, auch wenn Stimmen nur ein paar Rupien kosten. Bildung, Infrastruktur, Gesundheitsfürsorge und Lebensmittelversorgung sind ein Albtraum. Zugleich aber bekommen die Inder in einer nie gekannten Schärfe per Fernsehen, Internet und den eigenen Augenschein vorgehalten, wie die Wohlhabenden leben, welche Möglichkeiten sie selbst verpassen.

Frauen sind immer wieder die Opfer einer Jagd nach sozialer Anerkennung, Wohlstand, Moderne - und deren Vergeblichkeit. Wie es um das Ansehen der Frau in der indischen Gesellschaft steht, zeigt allein schon das Geschlechterverhältnis - auf tausend Jungen in den ersten sechs Jahren kommen nur 914 Mädchen. Das geht zurück auf geschlechtsspezifische Abtreibung und auf die systematische Vernachlässigung von Mädchen. Frauen sind die schwächsten Glieder der Gesellschaft und bekommen ihre Benachteiligung ein Leben lang zu spüren: Sie müssen die Schulen früher verlassen, werden leichter Opfer von Misshandlungen, müssen Jahrzehnte auf Urteile warten und dann mit ansehen, wie Täter für ein paar Rupien auf freien Fuß gesetzt werden.

Das System ist marode

Die Proteste sind ein Zeichen, dass solche Zustände nicht mehr als gottgegeben hingenommen werden. Doch sie werden wenig ändern, solange die Politiker die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens zum überwiegenden Teil als Selbstbedienungsladen begreifen. Was ihnen zugetraut wird, zeigte sich in der Unterstellung, die Regierung lasse das schwerverletzte Opfer nur deshalb nach Singapur ausfliegen, um den Tod der Frau auf indischem Boden zu vermeiden.

Die hohen Wachstumsraten des Entwicklungslandes Indien dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, wie marode das System ist. Auslandsinvestoren werden vorsichtiger. Auch die eigenen Bürger verlieren das Vertrauen in die Institutionen, wie die Massenbewegungen gegen Korruption, Bereicherung und nun die Unterdrückung von Frauen zeigen. Weil die Menschen wissen, dass sie vom Staat nichts zu erwarten haben, wird aber auch Archaisches mit Archaischem vergolten: Den Tätern werden Misshandlungen aller Art angedroht. Nirgends ist unter Politikern eine Kraft oder Autorität zu erkennen, die in der Lage wäre, zur Überbrückung der Gegensätze etwas anderes als einen beängstigenden Populismus einzusetzen.

Die größte „Demokratie“ der Welt, die darin ihr wahres Gesicht zeigt, ist das größte Feigenblatt der Welt. Deshalb wird sich der Ärger über ein System, das durch seine Gleichgültigkeit menschenverachtend geworden ist, weiterhin seinen Weg bahnen. Er wird im besten Fall zu einem immer schärferen Blick auf die Politiker und die Elite des Landes führen. Die wird hart an sich arbeiten müssen, will sie ihre Position verteidigen.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 03.01.2013, 10:17 Uhr

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