14.07.2005 · Die britische Polizei fahndet im islamistischen Umfeld nach den Drahtziehern der Anschläge in London. Nach dem ersten Selbstmordanschlag in Westeuropa wächst die Sorge vor weiteren Gewalttaten.
Nach der Identifizierung von vier mutmaßlichen Selbstmordattentätern konzentrierte die britische Polizei ihre Fahndung am Mittwoch auf die Hintermänner der Londoner Anschläge. Sicherheitsfachleute zeigten sich überzeugt davon, daß der erste Selbstmordanschlag in Westeuropa von hohen muslimischen Extremisten vorbereitet, koordiniert und gesteuert wurde. Diese befänden sich weiter auf freiem Fuß.
Die Polizei und das Innenministerium warnten am Mittwoch vor weiteren Attentaten. Premierminister Blair kündigte im Parlament ein entschiedenes Vorgehen gegen muslimische Haßprediger an. Überall im Land zeigten sich die Briten bestürzt und fassungslos, daß die jungen Männer, die die Tat verübt haben sollen, nach Angaben der Polizei in Großbritannien geboren und aufgewachsen sind.
Sorge vor weiteren Gewalttaten
Die Polizei rechnet mit Verbindungen der Attentäter zu einem radikal-islamischen Netz. „Eine Kernhypothese, die wir prüfen und weiter untersuchen müssen, ist, daß die Personen in einer größeren Gemeinschaft tätig waren“, sagte Innenminister Charles Clarke in Brüssel. Dem Sender BBC sagte er, das Land müsse sich auf weitere Gewalttaten einstellen. „Wir müssen damit rechnen, daß noch andere Menschen bereit sind, Dinge zu tun wie die Täter vom vergangenen Donnerstag.“ Am Donnerstag waren im morgendlichen Berufsverkehr bei Anschlägen in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus mindestens 52 Menschen getötet worden.
Premierminister Blair warnte vor einer pauschalen Verurteilung der in Großbritannien lebenden 1,6 Millionen Muslime. Er kündigte im Parlament jedoch ein scharfes Vorgehen gegen extremistische Muslime an. Blair stellte ein Maßnahmenpaket vor, das unter anderem die Ausweisung von Haßpredigern und ein Einreiseverbot für alle Extremismus-Verdächtigen vorsieht. „Wir müssen die weltweite Dimension dieser Taten anerkennen“, sagte Blair. In den kommenden Wochen werde die Regierung mit der Opposition zudem über weitere Anti-Terrorgesetze beraten.
Aufruf zur Toleranz in Deutschland
In Berlin bestritten derweil Repräsentanten mehrerer Religionsgemeinschaften und Konfessionen gemeinsam mit dem Britischen Botschafter in Deutschland, Torry, und der Ausländer- und Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Beck, jede religiöse Legitimierung von Terrorakten wie der Londoner Anschläge. Frau Beck sagte bei dem gemeinsamen Auftritt mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Elyas, dem Berliner Rabbiner Ehrenberg, und dem anglikanischen Reverend Jaye-Bowler, die Terroranschläge in London zielten wie schon die vorangegangenen Terrorakte darauf, die Vielfalt der westlichen Gesellschaft zu sprengen, die Menschen auseinander zu treiben, die doch friedlich und einander achtend zusammenleben wollten.
Frau Beck sagte, es gelte einerseits, die Muslime zu ermutigen, die in Deutschland und anderen westlichen Gesellschaften die Menschenrechte achtend und verfassungstreu leben wollten; andererseits wünsche sie sich, daß in deutschen Moscheen auch zur Toleranz und zu aktivem Wirken gegen Gewalt aufgerufen werde.
„Schlimme Beleidigung“ für Muslime
Der britische Botschafter sagte, die Opfer der Londoner Anschläge stammten aus aller Welt und hätten vielerlei Religionen angehört. Fanatismus sei keine religiöse Einstellung, sondern eine Geisteshaltung. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime Elyas sagte, es sei für Muslime in aller Welt eine „schlimme Beleidigung“, daß sich die Terroristen bei Anschlägen wie in London auf den Islam beriefen. Die Terroristen versuchten, den Westen und die islamische Welt gegeneinander zu hetzen; das dürfe nicht gelingen. Elyas sagte, es sei die Aufgabe der deutschen Behörden, zu zeigen, „daß Muslime Teil dieser Gesellschaft sind“, umgekehrt seien die Muslime aufgerufen, den Terror zu verurteilen“.
Zumindest drei der mutmaßlichen Attentäter stammen nach Angaben der Polizei aus der Grafschaft West Yorkshire im Norden Englands, wo die Polizei am Vortag Häuser durchsucht und einen Verwandten der Verdächtigen festgenommen hatten. Nach Berichten von Sky TV kommt auch der vierte Attentäter aus dieser Region. Der Sender BBC meldete, es werde nach einem fünften Verdächtigen gesucht.
Nachbarn identifizierten drei der Männer pakistanischer Herkunft als Mitglieder einer muslimischen Gemeinde nahe der Stadt Leeds. Sie sollen zwischen 19 und 30 Jahre alt gewesen sein und ein unauffälliges Leben geführt haben. Es gab keine Hinweise darauf, daß sie den Sicherheitsbehörden bekannt waren.
„Nichts im Islam kann derartige Teufelstaten rechtfertigen“
Die vier mutmaßlichen Attentäter wurden am vergangenen Donnerstag morgen kurz vor den ersten Explosionen von Video-Überwachungskameras am Londoner Bahnhof King's Cross gefilmt. Sie trugen Rucksäcke, in denen sich vermutlich die Sprengsätze befanden. Ein Polizist sagte, die Männer hätten sehr entspannt ausgesehen, als ob sie in den Urlaub führen. In Pakistan hieß es aus dem Geheimdienst, einer der Männer, Shehzad Tanweer, habe zu Jahresbeginn einige Monate Kurse an einer islamischen Schule belegt, die als Ausbildungsstätte für Extremisten gilt.
Der Muslimische Rat in Großbritannien verurteilte die Tat abermals. „Nichts im Islam kann derartige Teufelstaten der Bomber rechtfertigen“, hieß es in einer Erklärung.