Home
http://www.faz.net/-gpf-6m1cm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Nach dem Attentat Wachsamkeit im Netz

25.07.2011 ·  Es ist die Pflicht der Sicherheitsbehörden, ihre Strukturen und Fähigkeiten auch nach scheinbar singulären Katastrophen immer wieder zu überprüfen. Was wir brauchen, ist mehr Wachsamkeit im Netz. Wer Aufrufe zu Hass und Gewalt unterbindet, schränkt die Freiheit nicht ein.

Von Reinhard Müller
Artikel Video (1) Lesermeinungen (7)

Über diese Tat spricht jeder. Auf welchem Nährboden wächst der Entschluss für einen Massenmord wie den in Norwegen? Und vor allem - das ist das Erschütterndste - wie abgebrüht muss jemand sein, der wimmernden Kindern mehrfach in den Kopf schießt? Hier steht man vor einem menschlichen Abgrund (der Täter war nicht der Teufel), und jede Antwort wirkt hilflos.

Doch ist es die Pflicht der Sicherheitsbehörden, auch der deutschen, ihre Strukturen und Fähigkeiten auch nach scheinbar singulären Katastrophen immer wieder zu überprüfen. Und man kann es auch den Politikern nicht verdenken, dass sie nicht nur kondolieren, sondern sich darüber Gedanken machen, was für Schlüsse aus dieser Wahnsinnstat zu ziehen sind.

Schließlich werden den politisch Verantwortlichen hierzu Fragen gestellt - und Antworten erwartet. Doch hier ist Schweigen angebrachter als dem üblichen Drang nach der schnellsten und ungewöhnlichsten Äußerung nachzugeben. Gewiss: Auch dieses Verbrechen hat eine Ursache in äußeren Umständen. Doch sollte man sich davor hüten, anhand eines einzelnen Verwirrten eine politische Strömung, eine Region, ein Land oder gar eine Religion zu erklären.

Wir brauchen mehr Wachsamkeit im Netz

Das gilt auch für mögliche Folgen des norwegische Massakers für die hiesige Innenpolitik. So löblich es ist, dass die SPD-Generalsekretärin vor Hektik warnt: Ihre jetzt erneuerte Forderung nach einem abermaligen Anlauf zu einem Verbot der NPD lässt keinen Bezug zur Wirklichkeit erkennen. Dass wiederum die Linkspartei in Niedersachsen dem dortigen Innenminister gleichsam eine Mitverantwortung für das „ideologische Umfeld“ des norwegischen Attentäters zuschiebt, bekräftigt deren Kurs borniert-nationaler Isolation. Und wenn eine Polizeigewerkschaft eine Datei für Personen mit kruden Gedanken anlegen lassen will, dann müsste sie bei sich selbst anfangen.

Was wir brauchen, ist aber zweifellos mehr Wachsamkeit im Netz. Der Einzelgänger, der sich im Internet radikalisieren lässt, ist auch hierzulande nicht mehr unbekannt, spätestens seit Anfang März ein aus dem Kosovo stammender Frankfurter auf dem Flughafen zwei amerikanische Soldaten erschoss und nur durch eine Hemmung seiner Waffe gestoppt wurde. Diese Propaganda-Kraft ist weltweit frei verfügbar. Wer Aufrufe zu Hass und Gewalt unterbindet, schränkt die Freiheit nicht ein. Im Gegenteil.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.

Jüngste Beiträge

Die Scheu vor der Staatsräson

Von Berthold Kohler

Der Bundespräsident will zum Einstehen Deutschlands für die Sicherheit Israels nichts anderes gesagt haben als die Bundeskanzlerin. Warum sagte er dann etwas anderes? Mehr 6 26