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Nach Angriff auf Moschee Welle der Gewalt erfaßt den Irak

24.02.2006 ·  Nach dem Anschlag auf die „Goldene Moschee“ in Samarra liefern sich Schiiten und Sunniten blutige Auseinandersetzungen, es gab mehr als hundert Tote. Präsident Talabani warnt vor einem „verheerenden Bürgerkrieg“.

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Nach dem Bombenanschlag auf die den Schiiten heilige „Goldene Moschee“ in Samarra ist es im Irak zu den schwersten Auseinandersetzungen zwischen den Religionsgruppen seit dem Sturz von Saddam Hussein gekommen. In der Hauptstadt Bagdad wurden nach Polizeiangaben vom Donnerstag binnen eines Tages 53 Iraker getötet. Andere Quellen sprechen von mindestens 80 Toten. In der südirakischen Stadt Basra stürmten Unbekannte ein Gefängnis und töteten elf sunnitische Häftlinge, nahe Baquba wurden 47 Fabrikarbeiter erschossen.

Übergangspräsident Dschalal Talabani warnte in einem dramatischen Appell vor einem „verheerenden Bürgerkrieg“. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen rief die Bevölkerungsgruppen dazu auf, die nationale Einheit zu wahren. Der amerikanische Präsident George W. Bush sagte, die Gewalt spiele nur den Terroristen in die Hände. UN-Generalsekretär Kofi Annan sagte, der Anschlag solle „Frieden und Stabilität im Irak weiter untergraben“. Er sei „tief schockiert und traurig“ über die Tat.

Mehr als hundert Tote allein in Bagdad?

Die meisten der Getöteten in Bagdad seien Sunniten, teilte die Polizei mit. Sie seien vor und in Moscheen angegriffen worden. Die Polizei verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen vor den Moscheen der Stadt. Der stellvertretende Leiter des Leichenschauhauses der Hauptstadt sagte der Nachrichtenagentur AFP, daß seit Mittwoch nachmittag mindestens 80 von Kugeln durchsiebte Leichen gebracht worden seien. Wer die Toten waren, stand zunächst nicht fest.

Bewaffnete Männer haben am Donnerstag nahe der irakischen Stadt Baquba, 60 Kilometer nordöstlich von Bagdad, 47 Fabrikarbeiter erschossen. Die Täter stoppten drei Busse bei Nahrawan, 20 Kilometer südlich von Baquba, zwangen die Arbeiter zum Aussteigen und schossen sie nieder, wie ein Mitglied des Provinzrates von Dijala mitteilte. Die Arbeiter waren bei einer Ziegelfabrik beschäftigt.

Anschlag auf Marktplatz

Bei einem Bombenanschlag auf einen Markt in Baquba kamen am Donnerstag mindestens zwölf Menschen ums Leben, mehr als 20 wurden verletzt, wie Augenzeugen berichteten. Der Sprengsatz war in einem Handkarren versteckt. Unter den Opfern war auch ein hoher irakischer Armeeoffizer. Ebenfalls in Baquba eröffneten Unbekannte das Feuer auf eine sunnitische Moschee. Dabei wurden nach Polizeiangaben ein Mensch getötet und zwei verletzt.

Bereits unmittelbar nach dem Anschlag in Samarra am Mittwoch hatte es zahlreiche gegen Sunniten gerichtete Vergeltungsaktionen gegeben. Zehntausende aufgebrachte Gläubige im ganzen Land protestierten, wütende Schiiten griffen etwa dreißig sunnitische Moscheen an und setzten eine in Brand. Nach Polizeiangaben kamen dabei mindestens acht Menschen ums Leben, unter ihnen drei sunnitische Imame. Auch Büros der Islamischen Partei, der größten sunnitischen Gruppierung im Irak, wurden angegriffen.

Journalisten und Häftlinge ermordet

In der Nähe Samarras wurden ein Korrespondent des Nachrichtensenders Al Arabija und zwei seiner Mitarbeiter entführt und später getötet. Das Team habe sich zum Zeitpunkt des Überfalls am Mittwoch abend auf dem Rückweg aus Samarra befunden, teilte der Sender mit. Alle drei Mitarbeiter seien Iraker gewesen.

In Basra überfielen Unbekannte am Mittwoch ein Gefängnis und entführten zwölf sunnitische Häftlinge, darunter zwei Ägypter. Die Angreifer hätten Polizeiuniformen getragen und elf der Entführten getötet, teilte die Polizei mit. Der Überfall sei offenkundig ein Akt der Vergeltung für den Anschlag auf die Moschee in Samarra gewesen.

Sunniten boykottieren Krisengespräch

Die schiitische Regierung lastete das Attentat sunnitischen Rebellen an, die mit der Terrororganisation Al Qaida im Irak verbündet sind. Unterdessen haben die Sunniten ein von Präsident Talabani einberufenes Krisentreffen boykottiert. „Die Regierung hat es versäumt, die Sicherheit unserer Stätten zu gewährleisten ... Sie hat diese Akte der Aggression nicht verurteilt“, begründete der Vertreter der Front Irakische Eintracht, Ijad al Samarrai, die Absage am Donnerstag.

Das von Talabani anberaumte Treffen sollte ursprünglich am Vormittag stattfinden. Es wurde wegen Beratungen der Schiiten-Allianz, die die Regierung dominiert, auf den Nachmittag verschoben. Nach der Boykottankündigung der Sunniten war aber offen, ob das Treffen überhaupt stattfinden würde. Die Irakische Eintracht errang bei der Wahl im Dezember 44 von 275 Sitzen im neuen Parlament.

Sunniten geben Sistani Mitschuld

Die religiöse Vertretung der irakischen Sunniten hat der geistlichen Führung der Schiiten eine Mitschuld an der Eskalation der Gewalt gegeben. Die Vereinigung der muslimischen Geistlichen weise bestimmten schiitischen Anführern wegen ihres Aufrufs zu Demonstrationen die Verantwortung zu, sagte ein Sprecher des sunnitischen Verbandes am Donnerstag.

Damit zielte die Vereinigung offenbar auf das schiitische Oberhaupt im Irak, Großajatollah Ali al Sistani, der am Vortag unmittelbar nach dem Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra zu Protesten aufgerufen hatte. Sistani mahnte die Menschen allerdings zugleich, friedlich zu demonstrieren und untersagte ausdrücklich Übergriffe auf sunnitische Moscheen. Eine solche Kritik am wichtigsten Vertreter der Schiiten ist im Irak beispiellos und könnte die Spannungen noch verschärfen.

Der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad machte die Vereinigten Staaten und Israel für die Zerstörung der schiitischen Kuppelmoschee in Samarra verantwortlich. Der Anschlag sei das Werk von „Zionisten und Besetzern“, sagte Ahmadineschad am Donnerstag in einer vom Staatsfernsehen übertragenen Rede vor mehreren tausend Menschen im Südwesten des Landes. „Sie sind in den Schrein eingedrungen und haben ihn zerbombt, weil sie gegen Gott und Gerechtigkeit sind“, sagte Ahmadineschad.

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