28.09.2008 · Eine Studie über muslimische Religiosität in Deutschland redet die Integrationsdefizite schön. Das Erfreuliche an den Zahlen ist, dass die Zustimmung zum religiösen Pluralismus zwar verbreitet ist - doch die problematischen Aspekte, die die Studie auch zutage gefördert hat, fallen unter den Tisch.
Von Uta Rasche, FrankfurtDie Bertelsmann-Stiftung hat sich in die Riege der Muslime-Versteher eingereiht. In ihrer am Freitag veröffentlichten Studie über „Muslimische Religiosität in Deutschland“ berichtet sie, dass Muslime jeden Alters in hohem Maße religiös seien und sich damit von der deutschen Mehrheitsbevölkerung deutlich unterschieden. Zugleich seien Dogmatismus oder Fundamentalismus unter ihnen gering ausgeprägt.
Doch mit dieser Deutung werden die – zweifelsohne interessanten – Ergebnisse schöngeredet. Die problematischen Aspekte, die die Studie auch zutage gefördert hat, fallen unter den Tisch. Dadurch verspielen die Autoren der Studie die Chance, Integrationsdefizite aufzuzeigen. So heißt es in dem Bericht, 67 Prozent der Muslime stimmten der Aussage zu, dass jede Religion ihren „wahren Kern“habe. Das spricht zwar für eine gewisse Verbreitung einer pluralistischen Sicht, doch Christen sind im Durchschnitt toleranter: Immerhin 75 Prozent der Katholiken erkennen den „wahren Kern“ anderer Religionen an. Diese Zahl ist aus einer früheren Erhebung der Stiftung bekannt, doch wurde sie hier verschwiegen. Es grenzt an Unlauterkeit, solche Zahlen nicht miteinander in Bezug zu setzen.
Die hier geborenen Einwandererkinder werden reislamisiert
Ebenso meinen 24 Prozent der Muslime (und nur neun Prozent der Christen, wie wir nicht erfahren), dass „ihre eigene Religion vor allem recht“ habe und andere Religionen „eher unrecht“. Auch sind 31 Prozent der Muslime überzeugt, dass vor allem sie und ihre Glaubensbrüder „zum Heil“ gelangten. (Nur 17 Prozent der Katholiken und neun Prozent der Protestanten sind von der allein seligmachenden Wirkung ihres Glaubens überzeugt.) Das Erfreuliche an den Zahlen ist, dass die Zustimmung zum religiösen Pluralismus unter Muslimen in Deutschland zwar verbreitet ist – jedoch ist der Anteil der Intoleranten immer noch zu groß.
Ein weiteres Ergebnis, das Fragen aufwirft, ist die starke religiöse Bindung der Jüngeren. Muslime der zweiten und der dritten Generation (jünger als 30 Jahre) glauben zu 80 Prozent stark an einen Gott oder an ein Leben nach dem Tod; von denen, die älter als 60 Jahre sind, nur 66 Prozent. Die hier geborenen Einwandererkinder werden also reislamisiert. Stärker als ihre Eltern stützen sie sich zur Identitätsfindung auf Religion und Gebräuche der fernen „Heimat“ - oft eine Folge von Misserfolgs- oder Ablehnungserlebnissen und damit Ausdruck mangelnder Integration.
90 Prozent der Muslime in Deutschland schätzen sich als religiös ein
Das Gleiche gilt in der Kopftuchfrage: Mehr jüngere als ältere Muslime befürworten das Kopftuch für Frauen. Es ist oftmals Zeichen der Politisierung im Sinne eines: „Seht her, wir lassen uns von der Mehrheitsgesellschaft nicht unterkriegen!“ Im Durchschnitt wird das Kopftuch allerdings von einer knappen Mehrheit der Muslime (53 Prozent) abgelehnt. 33 Prozent heißen es gut, der Rest ist unentschieden. 16 Prozent der Befragten sagten, der Glaube habe eine Wirkung auf ihre politische Haltung; 26 Prozent wollen in Deutschland eine eigene islamische Partei.
Insgesamt schätzen sich 90 Prozent der Muslime in Deutschland als religiös ein, darunter 41 Prozent als hochreligiös; fünf Prozent geben an, sie seien nicht religiös. Damit sind sie frommer als die Christen: 84 Prozent der Katholiken und 79 Prozent der Protestanten (mit einem Anteil von 27 beziehungsweise 14 Prozent Hochreligiösen) bezeichneten sich im Vorjahr als religiös. Als „hochreligiös“ gilt, in wessen Leben die Religion eine zentrale Rolle spielt und wer seine religiösen Überzeugungen aktiv äußert; als „religiös“, bei wem religiöse Inhalte und Praktiken auf einen abgegrenzten Bereich des Erlebens und Verhaltens beschränkt bleiben.
Mehr als 2000 Muslime im Alter von 18 Jahren an befragt
Sunniten sind besonders gläubig, gefolgt von den Schiiten und mit einem gewissen Abstand den Aleviten. Die türkischstämmigen Muslime sind nach eigenen Angaben am frommsten, gefolgt von den arabisch-, bosnisch- und persischstämmigen. In Deutschland leben nach Schätzungen etwa 3,5 Millionen Muslime, davon zwei Millionen aus der Türkei.
Für die Studie wurden im Sommer 2008 mehr als 2000 Muslime im Alter von 18 Jahren an befragt. Sie ist eine Erweiterung des „Religionsmonitors“, für den im vergangenen Jahr erstmals 21.000 Menschen in 21 Ländern zu ihrem Glauben und ihrer religiösen Praxis befragt wurden. Der „Religionsmonitor“ geht auf einen Anstoß des Gründers der Bertelsmann-Stiftung, Reinhard Mohn, zurück. Mohn, mittlerweile 87 Jahre alt, kehrt damit zu den Wurzeln des Unternehmens seines Ururgroßvaters zurück. Der Verlag C. Bertelsmann hatte von 1835 bis 1928 fast vier Generationen lang vor allem christliche Literatur herausgegeben.