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Muslime in Deutschland Ein Partner für islamischen Religionsunterricht?

01.02.2005 ·  In allen westlichen Bundesländern bemühen sich muslimische Verbände seit Jahren darum, islamischen Religionsunterricht einzuführen - mit unterschiedlichem Erfolg. Eine Übersicht.

Von Susanne Kusicke und Uta Rasche
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In allen westlichen Bundesländern bemühen sich muslimische Verbände seit Jahren darum, islamischen Religionsunterricht einzuführen - mit unterschiedlichem Erfolg.

Dem Grundgesetz nach steht jeder Religionsgemeinschaft staatlicher Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach zu, mit vom Staat bezahlten und unter Mitwirkung der Religionsgemeinschaft entwickelten Lehrplänen und ausgebildeten Lehrern. In allen Kultusministerien stellt sich die Frage, ob die Antragsteller Religionsgemeinschaften seien oder politische Verbände.

Kultusministerium sucht Ansprechpartner

In Hessen geben neben der evangelischen und der katholischen Kirche mehrere weitere Religionsgemeinschaften Unterricht, beispielsweise die syrisch-orthodoxe Kirche, die Mennoniten, die jüdische Gemeinschaft oder die Unitarische Freie Religionsgemeinschaft. Obwohl rund 60.000 muslimische Schüler hessische Schulen besuchen, gibt es jedoch keinen islamischen Religionsunterricht.

Schon in den neunziger Jahren waren mehrere muslimische Gemeinden an das hessische Kultusministerium mit dem Wunsch herangetreten, an den Schulen islamischen Religionsunterricht einzuführen. Das Kultusministerium stand damals vor der Frage, welche Gruppe ihm als verantwortlicher und repräsentativer Ansprechpartner für die Entwicklung eines Curriculums gegenüberstehen könne.

Bisher nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt

Daraufhin schlossen sich mehrere hessische Gemeinden und Organisationen 1997 zusammen, um gemeinsam einen entsprechenden Antrag zu stellen. So entstand die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen (IRH). Diese Lösung führte aber zu einer neuen Schwierigkeit: Die IRH konnte wegen der unterschiedlichen Gruppen und Strömungen in ihrer Mitgliederschaft, die nicht zuletzt durch die facettenreiche Struktur des Islams selbst bedingt ist, nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt werden.

Außerdem wurde weithin bezweifelt, ob die circa 11.500 Mitglieder zählende IRH für die 300.000 hessischen Muslime sprechen könne. Vor allem aber sprach die vergleichsweise große muslimische Organisation „Ditib“, die eng mit dem Amt für religiöse Angelegenheiten in Ankara zusammenarbeitet, der IRH die Repräsentativität ab. Der damalige hessische Innenminister Bökel (SPD) befand schließlich: „Die Zeit ist dafür nicht reif.“

Die IRH klagt weiter

An diesem Stand hat sich seither nichts geändert. Die IRH bemüht sich bis heute mit Klagen und Satzungsänderungen darum, als Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Sie wirft der Regierung mangelnden Integrationswillen vor. Zuletzt wies das Verwaltungsgericht Wiesbaden eine Klage der IRH gegen den ablehnenden Bescheid des Kultusministeriums ab, weil es nicht überzeugt war, „daß es sich bei dem Kläger um einen Verein aus natürlichen Personen handelt“.

Das Kultusministerium sieht daher weiterhin seine Vorbehalte nicht ausgeräumt, unter anderem weil die Organisation seit 2001 vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Fraglich ist immer wieder vor allem die Gleichberechtigung von Mann und Frau.

In NRW gibt es „Islamische Unterweisung“

In Nordrhein-Westfalen, wo 32 Prozent der Fünfzehnjährigen Einwandererkinder sind, sind die Bemühungen weiter vorangeschritten. Seit 1999 wird dort an 110 Schulen „Islamische Unterweisung“ in deutscher Sprache als ordentliches Lehrfach unterrichtet. 75 Lehrer, unter ihnen 14 lslamwissenschaftler, unterweisen etwa 5.000 Schüler in Religionskunde. Eine Vermittlung von Glaubensüberzeugungen, wie sie der evangelische oder katholische Religionsunterricht leisten soll, ist nicht vorgesehen. Die Lehrpläne wurden vom Landesinstitut für Schule und Weiterbildung entwickelt, die Schulaufsicht liegt beim Land. Ministerpräsident Steinbrück (SPD) besuchte im Dezember eine Unterrichtsstunde in Duisburg-Marxloh. Demnächst soll entschieden werden, ob der Schulversuch ausgedehnt wird.

Niedersachsen testet an acht Grundschulen

Niedersachsen hat zum Schuljahr 2003/2004 einen ähnlichen Schulversuch gestartet, an dem zunächst acht Grundschulen teilnehmen. Vorgänger gab es hier wie auch in anderen Bundesländern im Rahmen des muttersprachlichen Unterrichts. Seit den achtziger Jahren wurden Einwandererkinder auch in ihren Muttersprachen unterrichtet; Landeskunde und Religionskunde waren Elemente dieses Fachs.

In Bayern wird seit dem Schuljahr 2001/2002 an 21 Grundschulen Islamische Unterweisung in deutscher Sprache gelehrt, überwiegend in Ballungsräumen wie Nürnberg, München und Erlangen. Nach sorgfältiger Evaluation soll der Unterricht möglicherweise auf weiterführende Schulen ausgedehnt werden.

Bremen: Initiative von Henning Scherf

Die Stadtstaaten gehen Sonderwege. In Bremen, dessen Landesverfassung älter ist als das Grundgesetz, gibt es keinen konfessionellen Religionsunterricht, sondern „Biblischen Geschichtsunterricht“ auf christlicher Grundlage. Auf Initiative des Bremer Bürgermeisters Scherf (SPD) wurde ein runder Tisch der muslimischen Verbände einberufen, der innerhalb eines Jahres eine Stoffsammlung für Unterricht in Islamkunde erstellte.

Der Lehrplan wurde vom Senator für Bildung und Wissenschaft geprüft. Im zweiten Jahr wird dieser Unterricht jetzt an einer Schule erprobt. Unter den Prämissen, daß er in deutscher Sprache stattfindet, von Lehrern mit Staatsexamen unterrichtet wird und auch für Nichtmuslime offen ist, könnte der Unterricht demnächst ebenfalls ausgeweitet werden.

Probleme mit der „Islamischen Föderation“ in Berlin

Die eigenwilligste Regelung besteht in Berlin, wo Religion ebenfalls kein ordentliches Lehrfach ist, aber allen Religionsgemeinschaften Zugang zu öffentlichen Schulen gewährt werden muß. Dort können sie ohne staatliche Aufsicht, aber auf staatliche Kosten unterrichten, was sie möchten. Nach beinahe 20 Jahre währendem Rechtsstreit unterrichtet die „Islamische Föderation Berlin“, ein Dachverband aus 25 muslimischen Vereinen, seit dem Jahr 2001 an mittlerweile 37 Berliner Schulen knapp 3200 Kinder.

In Baden-Württemberg „relativ schwierig“

In Baden-Württemberg tagt seit vier Jahren eine Runde aus anfangs fünf Antragstellern: dem Zentralrat der Muslime, der Islamischen Gemeinde in der Europäischen Union in Baden-Württemberg, dem Institut für Islamische Erziehung, der Religionsgemeinschaft des Islam und der Föderation der Alevitengemeinden. Die Gespräche gestalteten sich nach Einschätzung des Kultusministeriums „relativ schwierig“.

Aleviten sind erfolgreich

Die Aleviten, die von Schiiten und Sunniten nicht als Muslime anerkannt werden, verließen die Runde und stellten in mehreren Bundesländern eigene Anträge. Die verbliebenen Gruppen schlossen sich zur Islamischen Glaubensgemeinschaft Baden-Württemberg zusammen. Die Lehrpläne liegen vor und sind begutachtet; jetzt soll geprüft werden, wann und wo ein Modellversuch eingerichtet werden kann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2005, Nr. 5 / Seite 4
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