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Multipolare Welt Und jetzt der Rest

11.08.2008 ·  Im 15. Jahrhundert begann der Aufstieg des Westens. Nun streben jene Länder nach vorn, die bisher in der zweiten Reihe standen. Wenn die Welt des 21. Jahrhunderts multipolar sein wird, hat der „alte Westen“ einen schweren Stand gegenüber China und dem imperialen Russland.

Von Klaus-Dieter Frankenberger
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Wir erleben jetzt, was es heißt, wenn Europa und die Vereinigten Staaten an die Grenzen ihres Einflusses und ihrer Durchsetzungskraft stoßen und neue „Pole“ ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen geltend machen. In Genf verbanden sich Indien und China und machten einen Strich durch die westlichen Handelspläne. Was für die Handelspolitik gilt, das trifft so oder ähnlich auch auf die Energie- (Georgien ist da ein politischer Schleusenwärter) und Klimapolitik oder auf Fragen der Weltordnungspolitik zu.

Wenn die Welt dieses 21. Jahrhunderts multipolar sein wird, was die Verteilung von Machtpotentialen anbelangt - und Amerika weder Vorherrschaft ausüben noch ein Meinungsmonopol beanspruchen kann -, dann hat der „alte Westen“ gegenüber dem imperialen Russland und dem vor Selbstbewusstsein strotzenden China einen schwereren Stand, seine Anliegen durchzusetzen. Da überdies der Multilateralismus in der Krise steckt, wird es noch schwerer werden, zu vernünftigen Regelungen zu kommen. Das ist die Wirklichkeit, die sich hinter dem Begriff Multipolarität verbirgt.

Eine Jahrhundertentwicklung

Dabei ist das Entstehen der multipolaren Welt erfahrbarer Alltag. Die asiatischen Aufsteigerländer nehmen daran ebenso teil wie Brasilien, das zunehmend sein Wirtschaftsgewicht einsetzt; andere Staaten, die über Energie oder andere weltwirtschaftliche Schlüsselgüter verfügen und sich dynamisch entwickeln, drängen selbstbewusst nach vorne. Diese Jahrhundertentwicklung, die im weitesten Sinne Folge und Ausdruck der Globalisierung ist, hat der amerikanische Autor Fareed Zakaria auf die Formel vom „Rise of the rest“ gebracht: Im 15. Jahrhundert begann der Aufstieg des Westens, im 19. Jahrhundert setzte der machtpolitische, industrielle und kommerzielle Aufstieg der Vereinigten Staaten ein, und jetzt sei der große „Rest“ an der Reihe.

Auffallend ist die Neigung vieler Politiker, der Multipolarität einen Wert an sich anzudichten, so als sei sie anderen Machtkonstellationen normativ überlegen und das Streben nach ihr daher zwingend geboten - und als liege sie im europäischen Interesse. Das Motiv, das vielfach hinter dieser Sicht steht, hatte die politische und intellektuelle Diskussion über die amerikanische Irak-Politik beseelt: Es geht um die Begrenzung amerikanischer Macht, darum, in Bündnissen mit anderen Mächten - also mit anderen „Polen“ - Gegengewichte zu den Vereinigten Staaten zu bilden, zu deren Militärmacht und zu deren Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Das war die Überzeugung des früheren französischen Präsidenten Chirac, und diese Überzeugung ist den Führungen in Moskau und Peking nicht fremd.

Aber die Weltpolitik der kommenden Jahrzehnte wird nicht von einem (angeblich) übermächtigen, interventionslustigen Amerika bestimmt werden, denn diese alles beherrschende Grunddominanz gibt es so nicht; auch deswegen ist der normativ verklärte und heroisierend aufgeblasene Gegenmachtansatz ein Missverständnis. Schließlich bedeutet Multipolarität Großmachtpolitik im globalen Maßstab, sie drückt sich über alle Politikfelder, geht also über das Militärische weit hinaus. Schließlich ist ihr Merkmal das Bilden fluider Koalitionen: Heute stehen Indien und China gegen Brasilien und Amerika, morgen, bei einem anderen Thema, China und Amerika gegen die EU.

Ein Bund autoritärer Staaten

Viele Varianten sind möglich, unwahrscheinlich ist eine dauerhafte Großkoalition - gegen die Vereinigten Staaten. Sie wäre auch nicht im europäischen Interesse. Wir werden vielmehr die Erfahrung machen, dass sich autoritär geführte Staaten gegen die westlichen Demokratien verbünden werden, zum Beispiel in den Vereinten Nationen, beim Thema Menschenrechte, um repressive Regime in Schutz zu nehmen.

Richtig ist die Feststellung, dass die großen globalen Probleme - von der Energieversorgung bis zur Verhinderung der Weitergabe von Massenvernichtungswaffen - am besten, wenn nicht nur mit allen wesentlichen Mächten und zumal mit den neuen Aufsteigerländern zu regeln sind. Aber gelegentlich ist die Penetranz störend, mit der das hierzulande postuliert wird. Denn allzu oft sind die vermeintlichen neuen Superstars nicht oder nur unzureichend willens, verantwortungsbewusste Politik zu betreiben.

Mit harten Bandagen

Die westlichen Industriestaaten sind gewiss nicht die weißen Ritter der internationalen Handelspolitik, dafür haben sie zu viel auf dem Subventionskerbholz. Aber es waren eben Indien und China, die nichts dabei fanden, die WTO-Runde leerlaufen zu lassen und damit diesen Ansatz zu diskreditieren. Die Zeche zahlen Entwicklungsländer. Pekings Außenwirtschafts- und Afrikapolitik verfolgt legitime Interessen, seine Methoden sind zweifelhaft.

Es ist eine Sache, die neuen Mächte zu Mitgestaltern einer im Entstehen begriffenen neuen Weltordnung machen zu wollen. Das zu tun ist schon deshalb ratsam, weil deren Aufstieg vermutlich unwiderruflich ist. Aber es mutet leichtgläubig an, im großen Miteinander allein das konfliktfreie Heil zu sehen. In der multipolaren Welt wird mit harten Bandagen gekämpft werden. So ist Großmachtpolitik nun einmal. Den europäischen Werten und Interessen dürfte mehr, als uns lieb ist, ein kalter Wind entgegenschlagen.

Zur Leserdebatte: Krieg im Kaukasus (Diskussion abgeschlossen)

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Jahrgang 1955, verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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