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Multikulturalismus Türkische Ausstrahlung

30.11.2004 ·  Die religiösen Richtungen und politischen Parteien in der Türkei sind vielfältig. Immer mehr strahlen sie mit ihren politischen Implikationen bis nach Deutschland aus.

Von Wolfgang Günter Lerch
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Die Türkei hat 70 Millionen Einwohner, von denen statistisch 99 Prozent Muslime sind. Diese Zahl sagt freilich nichts über den Islam in der Türkei aus, der dort vielfältig ist wie in kaum einem anderen Land der Region und viele verschiedene Gruppen und Überzeugungen umfaßt, die im politischen Leben ihren Platz haben.

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Türken, und in ihren politischen Organisationen spiegeln sich die Vielfalt und die religiösen Hauptrichtungen ihrer Heimat wider. Es sind hier alle Spielarten des türkischen Islams mit mehr oder weniger großen Gruppen vertreten; ihre politischen Sympathien beginnen sich seit geraumer Zeit auszudifferenzieren. Dabei bevorzugen sie deutlich die SPD und die Grünen. Doch gibt es auch Türken in den Unionsparteien und in der FDP.

Drei große Gruppen von Muslimen

Insgesamt kann man in der Türkei drei große Gruppen von Muslimen unterscheiden: den kemalistisch geprägten Islam in den großen Städten, den sunnitisch ausgerichteten Islam in Anatolien, der auch Fundamentalistisches enthält; durch Abwanderung in die Städte hat der sunnitische Islam mittlerweile auch in den Städten an Einfluß gewonnen. Die dritte Gruppe bilden die Aleviten, die in einigen Städten (auch in Istanbul) und im Zentrum Anatoliens ihre Schwerpunkte haben. Die Aleviten neigen stark zum weltlich ausgerichteten Kemalismus, der offiziellen Staatsdoktrin.

In der Türkei stellen die Aleviten etwa 25 Prozent der türkischen Muslime und lehnen die Bezeichnung „Minderheit“ (azinlik) mehr und mehr ab. Außerhalb der Türkei haben sie sich zu einer Dachorganisation zusammengeschlossen, der Föderation der Alevitengemeinden in Europa e. V., die auch in Deutschland vertreten ist; hier sprechen sie für einige hunderttausend Aleviten. Die Lehre der Aleviten ist aus dem heterodoxen schiitischen Islam entstanden, enthält aber auch vorislamische türkische Bräuche der alten türkischen Nomadengesellschaften.

Aleviten: Gemeindehäuser statt Moscheen

Die Aleviten lehnen wesentliche Elemente des traditionellen sunnitischen Islams ab, vor allem die Scharia, das religiöse Gesetz, das in der Türkei zwar abgeschafft wurde, aber bei vielen Islamisten noch nicht gänzlich abgetan ist. Die Aleviten haben keine Moscheen, sondern Gemeindehäuser (cemevi), Männer und Frauen beten zusammen.

Die Aleviten können in zwei Gruppen gesondert werden, eine traditionelle, die wieder mehr die alten religiösen Riten pflegt, und eine andere, die sich vornehmlich als politisch-emanzipatorische und kulturelle Bewegung versteht. Früher standen nicht wenige Aleviten auch marxistischen und revolutionären Gruppen nahe.

Die Aleviten waren die emphatischsten Anhänger Atatürks und wählen in der Republik traditionell links. Sie versprechen sich nur in einem konsequent laizistischen Staat eine allmähliche Gleichberechtigung. Ihre bevorzugte Partei ist die Republikanische Volkspartei (CHP), die von Atatürk gegründet worden war. Freilich wird die CHP nicht nur von den Aleviten gewählt, sondern auch von anderen Muslimen, besonders den kemalistischen, und von vielen Kulturmuslimen.

Gegenwärtig ist die linke Opposition im Parlament schwach; sie verfügt nur etwa über ein Drittel der insgesamt 550 Parlamentssitze. Im Amt für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet Isleri Baskanligi), das dem Amt des Ministerpräsidenten angeschlossen ist, gibt es keinen einzigen Aleviten. Über ihre Repräsentanz wird in der Türkei seit vielen Jahren gestritten.

Sunnitische Fundamentalisten: „gerechte Ordnung“

Gewissermaßen den Gegenpol zu den Aleviten bilden jene sunnitischen „Fundamentalisten“, die das religiöse Gesetz wieder einführen und eine „gerechte Ordnung“ (adil düzen) schaffen wollen. In der Praxis ist die Sache freilich schwierig, denn die Zahl derjenigen, die das wirklich wollen, dürfte immer kleiner werden. Vom Begriff „adil düzen“ ist in letzter Zeit kaum noch die Rede.

Als Vertretung dieser Richtung in Europa gilt Milli Görüs, die islamistische Bewegung der „Nationalen Sicht“ mit etwa 30.000 Anhängern in Deutschland. Sie dominiert den Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, einen Dachverband von islamischen Vereinen, Moscheen und Kulturzentren. Milli Görüs wird vom Verfassungsschutz beobachtet.

Im großen und ganzen sind diese sunnitischen „Fundamentalisten“ jene Gruppe, aus der der langjährige türkische Islamistenführer Necmettin Erbakan seine Anhänger bezog, die islamistische Peripherie des Landes. Sie wählten seit den siebziger Jahren seine jeweiligen Parteien, die Milli Nizam-Partisi, die Milli Selamet Partisi, die Refah Partisi, schließlich die Fazilet Partisi oder „Tugend-Partei“, die nicht mehr existiert.

Erdogan will weg vom rabiaten Islamismus

Erbakans Anhänger waren und sind auch die Hefe, aus der die jetzige Regierungspartei der Türkei, die von Recep Tayyip Erdogan gegründete Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), hervorging.

Erdogan, der einige Zeit wegen eines Vorwandes, in Wirklichkeit wegen seines Islamismus inhaftiert gewesen war, trennte sich vor etwas mehr als drei Jahren endgültig von seinem Ziehvater Erbakan und will seine neue, islamisch grundierte Partei vom Bild eines rabiaten Islamismus wegführen. Schon jetzt umfaßt die AKP auch Mitglieder und Strömungen, die keine Islamisten oder nicht islamistisch sind. Bei ihrem Wahlsieg im Jahr 2001 bekam sie auch viele Stimmen von Protestwählern, die von der alten Parteien-Oligarchie enttäuscht waren.

Erdogan will die aus dem Islamismus hervorgegangene Partei in der Zukunft noch stärker öffnen, in Richtung auf eine islamisch geprägte konservative Volkspartei. Die Chancen dafür in dem mehrheitlich konservativen türkischen Volk stehen nicht schlecht. Als deutscher Partner gilt die CDU.

Streit und Richtungskämpfe

Die AKP dominiert gegenwärtig das politische Leben in der Türkei, doch dem konservativen Spektrum gehören weitere kleinere Parteien an, die um dasselbe Wählerreservoir werben wie die AKP, und auch sie haben ihre Anhänger in Deutschland.

Die Nähe von Milli Görüs zur AKP und zu Erdogan ist nach wie vor groß, doch hat es in jüngster Zeit offenbar Streit und Richtungskämpfe gegeben, denn die Öffnung Erdogans zu Schichten, die zwar muslimisch, aber gar nicht islamistisch gesinnt sind, gefällt auch hier nicht jedem. Das hat auch mit den Forderungen zu tun, welche die Europäische Union an die AKP sowie die Türkei insgesamt stellt.

In der Türkei war beispielsweise ein kleinerer Teil der Erbakan-Anhänger nicht bereit, Erdogans Kurs zu folgen, und hatte sich unter Recai Kutan zu einer Partei der Altgläubigen formiert. Diese Saadet Partisi (“Partei der Glückseligkeit“) erhielt bei den Wahlen nur zweieinhalb Prozent.

Der rückwärtsgewandte Traum von der Größe des Osmanischen Reiches wird bei ihnen am nostalgischsten geträumt. Auch gibt es noch die ebenfalls konservativen „Altparteien“: die Partei des Rechten Weges von Tansu Çiller und die von dem 1993 verstorbenen Turgut Özal gegründete Mutterlandspartei, die seinerzeit in manchem der AKP glich, da auch sie etliche Flügel aufwies - von Islamisten bis zu Wirtschaftsliberalen.

Erbe der Vergangenheit

Sie sind ein Erbe der Vergangenheit. Natürlich werben auch diese Altparteien, die bei den Wahlen scheiterten, um die muslimischen Massen, wie es früher schon der Fall war, als Çillers Vorgänger Süleyman Demirel die Religiösen ansprach. Den Islam später entdeckt hat die von Alpaslan Türkesch gegründete rechtsextreme Nationalistische Aktionspartei (MHP), die ideologisch eigentlich pantürkisch gesinnt ist und immer streng anti-kurdisch war. Den sunnitischen Islam entdeckte sie, als sie bemerkte, daß die Religion an Zugkraft gewann. Die MHP ist der absolute Antipode aller Linken, vor allem jedoch der Aleviten.

Sympathisanten dieser Gruppen und Perteien gehören zum Potential Erdogans, der gegenwärtig alle anderen konservativen Politiker weit überragt. Die Türkei, religiös schon immer äußerst vielfältig, ist auf diesem Feld neuerlich in eine Bewegung geraten, zu der auch Reformtheologen wie Ali Bardakoglu beitragen, der derzeitige Chef des Amtes für Religiöse Angelegenheiten, Diyanet.

In Deutschland wird die Linie des Amtes für Religiöse Angelegenheiten von der Türkisch-Islamischen Union, der „Ditib“, repräsentiert, die am Sonntag vor einer Woche zur Kölner Großdemonstration gegen Gewalt aufgerufen hatte und sich in Gegnerschaft zu Milli Görüs sieht. Sie ist die größte islamische Organisation der Türken in Deutschland.

Religiöse Landschaft auch in Deutschland

Das Diyanet steht offiziell jenseits der Parteien; dennoch wird es immer wieder kritisiert, und zwar aus den unterschiedlichsten politischen Blickwinkeln. Die Islamisten übten in der Vergangenheit oft Kritik an dem Amt, weil es einen „Staatsislam“ fördere, der alle anderen religiösen Interpretationen, vor allem die islamistische, unterdrücke. Umgekehrt warfen die Weltlichen dem Diyanet immer wieder vor, es sei zu milde gegenüber den Islamisten, aus deren ehemaliger Mitarbeiterschaft schließlich auch bekannte Islamisten gekommen seien, so Cemalettin Kaplan, der Vater des „Kalifen von Köln“, Metin Kaplan. So strahlt die religiöse Landschaft der Türkei mit ihren politischen Implikationen bis nach Deutschland aus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.2004, Nr. 280 / Seite 3
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Jahrgang 1946, Redakteur in der Politik.

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