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Multikulturalismus Imame beim Sprachkurs

21.11.2004 ·  Holland in Not und Deutschland in Gefahr: Der Mord an dem Regisseur Theo van Gogh bewirkt ein Umdenken in der Ausländerpolitik und auch bei den Muslimen.

Von Andreas Ross
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Die siebzehn türkischen Imame haben sich nicht ganz freiwillig im Kloster der Dienerinnen des Heiligen Geistes versammelt. Aus ganz Holland wurden sie in den kleinen Ort Soesterberg zwischen Utrecht und Amersfoort geschickt, wo hinter den dicken Mauern des Konvents eine Bildungsstätte untergebracht ist. Seit zehn Jahren verlangt das Gesetz von allen Einwanderern, sich in niederländischer Sprache und Kultur unterweisen zu lassen. Muslimische Vorbeter bekommen einen Sonderkurs.

Draußen dämmert es schon, da sitzen die Männer in ihren Anzügen matt um den Tisch. Das zweite von insgesamt fünf Blockseminaren hatte am Morgen mit Sprachunterricht begonnen. Das war anstrengend, denn auch ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft sprechen die zwischen 35 und 45 Jahre alten Imame kaum ein Wort Niederländisch. Nach dem Mittagessen ging es zwar auf türkisch weiter. Doch die Lektion über die "Versäulung" der Niederlande, über die freiwillige Trennung von Katholiken, Protestanten und Sozialisten, war auch keine leichte Kost.

Tendenz zur Säkularisierung

Endlich versprechen drei betagte Gäste Abwechslung. Es sind Pater des Steyler Missionsordens. Kursleiter Ali Keskin begrüßt sie mit einer Händewaschung auf türkische Art: Zögerlich schauen die Pater auf die große Flasche Kölnisch Wasser, bevor sie sich die Hände einreiben und sich ein süßlicher Duft im Raum verbreitet. Keskin verteilt bunte Bonbons. Dann geht es zur Sache.

"Juden, Christen und Muslime wollten immer gegen das Böse kämpfen", konstatiert Mustafa Bagram, der in einer Moschee in Lochem predigt. "Aber ist es nicht so, daß sich das Judentum und das Christentum mit dem Bösen abgefunden haben?" Ein anderer Imam möchte wissen: "Was ist den katholischen Pfarrern eigentlich noch geblieben?" Sein Tischnachbar faßt nach: "Warum befriedigt das Christentum die Menschen nicht mehr? Ist die Säkularisierung überhaupt zu stoppen?" Die Türken wissen dabei wohl, daß holländische Untersuchungen auch unter den Muslimen im Land eine Tendenz zur Säkularisierung festgestellt haben.

Keine ausländischen Imame mehr

Pater Peter beginnt einen Exkurs über die Aufklärung. "Die Krise, in der sich unsere Religion befindet", schickt er voraus, "ist nur Teil einer gesellschaftlichen und moralischen Krise der gesamten westlichen Welt." Dann geht er von Kaiser Konstantin über Kopernikus, Luther und Kant zur Fehleranalyse über: "Die Kirche hat in den vergangenen vierzig Jahren auf die Säkularisierung mit Verurteilung reagiert und sich so isoliert." Ob die Imame so Lust auf Aufklärung bekommen? Seit Wochen wird den Türken und Marokkanern in Holland gesagt, daß sie "endlich ihre Aufklärung nachholen" müßten. Um sechs Uhr wird die Sitzung abgebrochen, damit die Imame pünktlich zum Gebet kommen.

Im Parlament wird derweil diskutiert: Eine große Mehrheit der Abgeordneten ist sich einig, daß von 2008 an kein ausländischer Imam mehr eine Arbeitsgenehmigung erhalten soll. Man argumentiert, daß die Vorbeter, die meist nur für wenige Jahre aus Marokko oder der Türkei nach Holland kommen, jede Hoffnung auf eine gemäßigte niederländische Ausprägung des Islams zunichte machten. Die Ausbildung der Vorbeter in den Niederlanden soll gewährleisten, daß die Imame auch über Dinge predigen können, die ihre Gemeindemitglieder im Alltag wirklich umtreiben. Zudem wäre die Regierung froh, wenn sie unter den Imamen mehr gebildete Ansprechpartner fände.

Staatlicher Koran-Test für Vorbeter

Yassin Hartog von der Organisation Islam und Bürgerrechte kennt die Schwierigkeiten. Während die türkischen Imame, geführt und oft bezahlt vom Religionsministerium in Ankara, meist ein gewisses akademisches Niveau besäßen, gebe es unter den marokkanischen Vorbetern Analphabeten. "Die können zwar den Koran auswendig rezitieren, aber sie wissen nichts über europäische Geschichte", berichtet Hartog. Der Niederländer Hartog, der sich Yassin nennt, seit er Muslim wurde, befürwortet die Einrichtung von Studiengängen in islamischer Theologie. Ein Einreiseverbot hält er für verfassungswidrig.

Auch Justizminister Piet Hein Donner hat zu bedenken gegeben, daß eine Regelung, die sich nur gegen muslimische Geistliche richtet, diskriminierend wäre. Der rechtsliberale Abgeordnete Stef Blok dagegen sieht die Rechtsgrundlage in der bedarfsgerechten Einwanderungspolitik. "Wenn wir jetzt schon sagen dürfen, daß wir keine Kraftfahrer brauchen, dann können wir 2008 auch sagen, daß wir keine Imame mehr einwandern lassen." Für ein Imam-Diplom oder einen verpflichtenden staatlichen Koran-Test für Vorbeter, wie ihn Integrationsministerin Verdonk angeregt hatte, sieht Blok keine juristische Grundlage. Doch auch wenn die Ausbildung in der Hand muslimischer Organisationen bleibe, sei viel gewonnen, wenn die Imame vor ihrer ersten Predigt schon einige Jahre in Holland studiert hätten.

Moscheen müssen attraktiver werden

Auch der 24 Jahre alte Mourad Taimouti hätte nichts gegen eine Imam-Ausbildung im Polderland. Der gläubige Muslim, der als Sohn marokkanischer Eltern in Amsterdam aufwuchs, sitzt für die Christlichen Demokraten im Rat des Amsterdamer Stadtbezirks Slotervaart. Hier, wo in einigen Straßen fast nur noch Einwandererfamilien leben, wuchs auch Mohamed Bouyeri auf, der van Gogh ermordet haben soll. Taimouti könnte sich sogar mit einem Einreiseverbot abfinden, "wenn hier bis dahin genug Imame ausgebildet wurden".

Freilich dürfe der Staat keine Zensur ausüben. "Ein orthodoxer Muslim ist noch lange kein Extremist." Jedenfalls wäre er froh, wenn die Vorbeter in den holländischen Moscheen den Koran auf niederländisch erklären könnten. „Die meisten von uns jungen Muslimen der zweiten Generation verstehen die Predigten ja nicht mehr auf arabisch.“ Viele in Slotervaart glauben, daß auch die Jugendkriminalität weiter zurückginge, wenn die Moscheen für junge Leute attraktiv würden.

Schäfer schwieriger Herden

Von der Fähigkeit, auf holländisch zu predigen, werden die siebzehn türkischen Imame auch dann noch weit entfernt sein, wenn ihnen in Soesterberg das Integrationsdiplom verliehen wird. Doch Kursleiter Ali Keskin glaubt an den Sinn des Unterfangens. "Wir machen hier den Imamen klar, was in Holland von ihnen erwartet wird." Seelsorger sollen sie sein, Schäfer ihrer teils schwierigen Herden.

Keskin freut sich über kleine Erfolge. Als Hausaufgabe hatte er den Vorbetern aufgetragen, sich in ihrer Stadt mit den Behörden bekannt zu machen. Mustafa Bagram hat die Lochemer Lokalzeitung mitgebracht: Ein Foto zeigt ihn mit Kommunalpolitikern und Polizeivertretern bei einem feierlichen Fastenbrechen, zu dem er eingeladen hatte. Abschotten will dieser Imam sich nicht. Aber die Stimmung seit der Ermordung van Goghs kann er nicht begreifen. "Wenn bei uns in Istanbul ein Christ einen Mord begeht, dann zünden wir doch nicht gleich Kirchen an."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.11.2004, Nr. 47 / Seite 10
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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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