04.09.2008 · Die mediale Story stand schon fest, bevor Franz Müntefering auch nur in die Nähe des Hofbräukellers kam: Großer alter Mann kehrt nach dem Tod seiner Frau, der er aufopferungsvoll zur Seite stand, in die Politik zurück, um es allen noch einmal zu zeigen. Die Zuschauer wurden nicht enttäuscht: Müntefering hat das große Einmaleins des Wahlkämpfers nicht verlernt.
Von Albert Schäffer, MünchenSchon zu gewöhnlichen Zeiten ist der Münchner Hofbräukeller ein Eldorado für Ethnologen des Alltags. Wer erkunden will, ob Lion Feuchtwangers Beschreibung der örtlichen Population immer noch gültig ist - „Die Bayern knurrten, sie wollten leben wie bisher, breit, laut, in ihrem schönen Land, mit einem bißchen Kultur, einem bißchen Musik, mit Fleisch und Bier und Weibern und oft ein Fest und am Sonntag eine Rauferei“ - ist hier am richtigen Platz. Als Franz Müntefering am Mittwochabend im Landtagswahlkampf im Hofbräukeller sprach, konnte der Forscherblick noch ausgeweitet werden; schöner konnten die Formen einer ritualisierten Politik, die den eisernen Griff der Medien mit wohligem Schaudern genießt, kaum studiert werden.
Der Zuschauer als bedrohte Spezies
Nicht nur, dass der große Saal zu einem riesigen Fernsehstudio umgestaltet war, mit einer bis zum letzten Quadratzentimeter ausgeleuchteten Bühne. Nicht nur, dass im Getümmel der Journalisten, der Kameraleute und Tontechniker, der Pressesprecher und PR-Fachkräfte, der wichtigen und weniger wichtigen Parteifunktionären der gewöhnliche Versammlungsbesucher zu einer bedrohten Spezies wurde, immer im Zwang sich zu entscheiden, in welches Mikrofon er als nächstes diktieren sollte, was er sich von der Wahlkampfveranstaltung mit Müntefering erwarte.
Und nicht nur, dass minutiöse Ablaufpläne bereit lagen, in denen beispielsweise für „21.16 Uhr“ vorgesehen war, Müntefering und den bayerischen Spitzenkandidaten Franz Maget mit überdimensionalen Lebkuchenherz zu dekorieren - selbstverständlich stand auch schon die mediale Story fest, bevor Müntefering überhaupt in die Nähe des Hofbräukellers kam: Großer alter Mann kehrt nach dem Tod seiner Frau, der er aufopferungsvoll zur Seite gestanden war, in die politische Arena zurück, um es allen noch einmal zu zeigen - wer wollte da nicht in den Redaktionen und Sendezentralen zum Oldie von Roy Orbison greifen: „You got it.“
Ein Schauspiel mit vielen Nebenrollen
Zumal die Nebenrollen auch ausgezeichnet besetzt waren - mit Kurt Beck, dem Lonesome Rider von der pfälzischen Weinstraße, mit Frank-Walter Steinmeier, dem Fast-Schon-Kanzlerkandidaten der SPD, und mit Andrea Ypsilanti, der sozialdemokratischen Medea aus Rüsselsheim. Sie standen alle virtuell im Hofbräukeller bereit - für die ganz große Fraaaanz-Müüüüüntefering-Shoooow.
Und selbstverständlich enttäuschte Müntefering die Erwartungen nicht und demonstrierte, dass er seit dem Rückzug aus seinen Ämtern im November vergangenen Jahres das große Einmaleins des Wahlkämpfers nicht verlernt hat. Dazu gehört selbstverständlich, zunächst einmal gehörig auf den politischen Gegnern einzuschlagen. Also titulierte Müntefering pflichtgemäß die CSU-Dioskuren Beckstein und Huber als „Waschlappen“, die aus Angst vor dem Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern von Positionen abwichen, die sie zuvor in Berlin mitbeschlossen hätten - siehe Pendlerpauschale, siehe Mindestlöhne, siehe Gesundheitsfonds. Ein solches Führungspersonal, das Angst vor der Verantwortung habe, könne Bayern nicht gebrauchen.
Der hygienische Fortschritt der Menschheit
Vielleicht kann irgendwann geklärt werden, warum ein für den hygienischen Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen und im Besonderen so wertvoller Artikel wie ein Waschlappen derart negative Anklänge erhalten kann - und welche frühkindlichen Prägungen sich dahinter verbergen - an diesem Abend war dafür keine Zeit. Weil Müntefering, einmal in Fahrt, sogleich auf der abschüssigen Strecke der körperbetonten Metaphern weiter beschleunigte und als verbindliche Maxime politischen Handelns ausgab: „Heißes Herz und klare Kante ist besser als Hose voll.“ Warum Müntefering, der Meister der Abbreviaturen - „Ich kann nur kurze Sätze“ -, nicht gleich auf das Füllwort „ist“ verzichtete, blieb eines der Mysterien dieses Abends.
Dazu gehörten auch die rhetorischen Schleifen, die Müntefering dann um die Gretchenfrage der deutschen Sozialdemokratie - „Wie hast du‘s mit der Agenda 2010“ - legte. Er sage nicht, dass alles gut gewesen sei, „was wir gemacht haben“, und weiter vorangetrieben werden müsse. Es dürfe aber nicht vergessen werden, dass es gegenwärtig zwei Millionen Arbeitslose weniger gebe als noch vor zweieinhalb Jahren. Nicht alles gut, nicht alles schlecht - zumindest im Hofbräukeller konnten Zuhörer solche kognitiven Dissonanzen mit einem, in jedem Fall aber zwei Hefeweizen auflösen.
Ein Hefeweizen zur Lösung allerletzter Rätsel
Und auch Münteferings dialektische Aufspaltung des politischen Gegners in rechte und linke Konservative mit ihren jeweiligen Heilsversprechen im Dies- und im Jenseits, gewann im promillegeschwängerten Dunst letzte Plausibilität. Selbstverständlich bot Müntefering auch der Zunft der professionellen Beobachter einen herrlichen spekulativen Resonanzboden. Wer wollte, konnte ihn gleich zum Retter der deutschen Sozialdemokratie ausrufen, der die Linkspartei in die Schranken weisen werde. „Soziale Gerechtigkeit auf hohem Niveau - könnte das nicht eine herrliche Losung sein für den Kampf der SPD gegen die Truppen des abtrünnigen Lafontaine!
Wer aber Münteferings Rückkehr auf die Wahlkampfbühne lieber als Vorübung für die Rolle des sozialdemokratischen Elder Statesman begriff - immerhin wird der gegenwärtige Amtsinhaber Helmut Schmidt im Dezember 90 Jahre alt - musste auch nicht darben. Im richtigen Alter, Schmidt diese Bürde abzunehmen, wäre Müntefering ohnehin, im Januar wird er 69 Jahre alt; höchste Zeit also, Auftritte in überhitzten Bierkellern mit Gesprächsrunden in wohltemperierten Räumen mit ebenso wohltemperierten Chefredakteuren zu vertauschen, wie es der Altbundeskanzler vorexerziert hat.
Vielen Dank
Johannes Goller (jogojapan)
- 04.09.2008, 16:19 Uhr
Die FAZ-Story war ...
bernd ullrich (demokrat2)
- 05.09.2008, 14:45 Uhr