http://www.faz.net/-gpf-7jhob

Moscheebau in Leipzig : Bitterböses Blut

Wider den inneren Kleingarten: Gegner eines NPD-Aufmarschs im November Bild: dpa

Die Ahmadiyya-Gemeinde will in Gohlis die erste sichtbare Moschee Leipzigs errichten. Hiergegen regt sich Widerstand. Fünf Schweinsköpfe auf Holzpfählen sollten jetzt Muslime abschrecken.

          Es sah zunächst nach einem Routineeinsatz aus, als die Leipziger Feuerwehr in der Nacht zum Freitag zu einem Einsatz in Leipzig-Gohlis gerufen wurde. Die brennende Papiermülltonne neben einer Brache hatten die Feuerwehrmänner schnell gelöscht, doch dann machten sie auf einem Trampelpfad auf dem Gelände eine verstörende Entdeckung. „Dort standen fünf Holzpfähle, zum Teil mit aufgespießten Schweinsköpfen“, sagt Leipzigs Polizeisprecher Uwe Voigt. „Zwei Tierköpfe waren heruntergefallen, und alles war mit einer blutroten Flüssigkeit übergossen.“ Inzwischen ermittelt der Staatsschutz in dem Fall, ein Bekennerschreiben oder andere Hinweise auf die Urheber wurden bisher nicht gefunden, sagt Voigt. „Es deutet aber alles darauf hin, dass wir es hier mit rechtsradikalen Tätern zu tun haben.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Das Gelände nordwestlich des Zentrums gehört der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde, die darauf die erste äußerlich sichtbare Moschee Leipzigs errichten will. Seit die Pläne Ende September bekannt wurden, regt sich Widerstand in der Messestadt. Vor allem die NPD nutzt das Vorhaben, um gegen Ausländer mobil zu machen. Eine von ihr organisierte Demo gegen den Bau Anfang November wurde von Hunderten Leipzigern gestoppt. Von dem Schweinskopf-Anschlag distanzierte sich die Leipziger NPD zwar gestern, unterstellte allerdings zugleich der „Islam-Lobby“, den Anschlag selbst inszeniert zu haben, um die Moschee-Gegner zu diskreditieren.

          Nach Bekanntwerden der Baupläne hatte eine Bürgerinitiative unter dem Slogan „Gohlis sagt nein!“ rund 3400 Unterschriften gegen die Moschee gesammelt. Sie fürchtet „erhebliche Nachteile für den Stadtteil“ und wirft dem Rathaus vor, die Anwohner „übergangen“ und „vor vollendete Tatsachen gestellt“ zu haben.

          „Das bringt uns nicht aus der Fassung“

          Leipzigs Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau hatte die Vorwürfe bereits in der vergangenen Woche auf einem Bürgerforum zum Moscheebau zurückgewiesen. „Wir haben zum frühstmöglichen Zeitpunkt mitgeteilt, dass es diesen Antrag gibt, noch schneller ging es wirklich nicht“, sagte die parteilose Politikerin.

          Bisher ist der Bau nicht genehmigt. Die Stadt habe aber signalisiert, dass der Antrag zulässig sei, sagt Rashid Nawaz, Vorsitzender der Ahmadiyya-Gemeinde in Sachsen. Rund 200 Mitglieder habe man derzeit im Freistaat, davon etwa 80 in Leipzig. Man plane kein riesiges Gebäude, sondern eine kleine Moschee mit zwei zwölf Meter hohen Minaretten, für etwa 100 Leute. „Zurzeit machen wir die Gemeindearbeit in einer Wohnung, und die ist auf Dauer zu eng.“ Dem Anschlag will Nawaz nicht viel Bedeutung beimessen. „Das ist ein Versuch, uns zu provozieren“, sagt Nawaz. „Wir haben darüber kurz diskutiert, mehr nicht.“

          Der Bundesvorsitzende der deutschlandweit 35.000 Mitglieder zählenden Gemeinschaft, Abdullah Uwe Wagishauser, sagte am Freitag gegenüber der „Leipziger Volkszeitung“: „Das bringt uns nicht aus der Fassung.“ Provokationen kenne er bereits von ähnlichen Projekten in Westdeutschland, wo man die meisten Mitglieder und inzwischen 33 Moscheen habe. „Da wurden schon Kreuze aufgestellt, das war noch hanebüchener.“ Er finde es nur traurig, dass sich Menschen auf ein solches Niveau begäben.

          Jeder kann das Gotteshaus besuchen

          Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, SPD, erklärte gestern, dass „ein solcher Frevel nicht hinnehmbar“ sei. „Ich verurteile diese feige Tat auf das schärfste und werde mich dafür einsetzen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“ Im Leipziger Stadtrat unterstützen bisher alle Parteien bis auf die CDU den Bau der Moschee. Die Union ringt nach wie vor um eine Position zu dem Vorhaben.

          Die Leipziger Moschee ist der zweite Bau der Ahmadiyya-Gemeinde in Ostdeutschland. Ahmadiyya ist nach eigenen Angaben die älteste muslimische Gemeinde Deutschlands. Sie sieht sich als weltweite reformorientierte Bewegung, die selbst in vielen islamischen Ländern verfolgt werde. „Bei uns sind Mann und Frau gleichgestellt, und wir lehnen Gewalt ab“, sagt Nawaz.

          Auch die erste Ahmadiyya-Moschee in Berlin-Pankow hatte erhebliche Proteste hervorgerufen. Seit der Eröffnung 2008 aber habe sich die Lage nach Aussagen von Anwohnern wie Gemeinde beruhigt. Einen ähnlichen Effekt verspricht sich Sachsens Gemeindevorstand Rashid Nawaz. „Sobald die Leute uns kennen, relativiert sich alles.“ Man sei eine offene Gemeinde, jeder könne das Gotteshaus besuchen. „Wir fühlen uns in Leipzig sehr wohl.“ Das liegt auch an der breiten Unterstützung, welche die Gemeinde erfährt. So wirbt der Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff, für das Bauvorhaben und forderte alle Verantwortlichen auf, klar zu sagen: „Ja, das gehört zu unserem städtischen Leben dazu.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.