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Moschee in Mannheim Ganz anders als bei Karl May

16.10.2007 ·  In Mannheim haben manche Bürger ihre Meinung über den Islam geändert. Für viele im Stadtteil Jungbusch ist die dortige Moschee kein Fremdkörper mehr. Von Christoph Ehrhardt.

Von Christoph Ehrhardt
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Herr Herrmann weiß jetzt viel mehr über den Islam. Darüber ist er froh. „Das, was ich anfangs über Muslime wusste, hatte ich von Karl May“, sagt er. Dann hält er kurz inne und blickt flüchtig über die Schulter aus dem Fenster: „Und da kommen die ja nicht besonders gut weg.“ Herr Hermann referiert dann kurz über die verschiedenen Richtungen im Islam. Er war inzwischen öfter in der Mannheimer Sultan-Selim-Moschee, gegen deren Bau er sich so erbittert gewehrt hatte. Er war sogar in Istanbul, zusammen mit den anderen Mitgliedern der „Christlich-Islamischen Gesellschaft Mannheim“.

Auch Herr Alboga war dabei. Herr Alboga bezeichnet Herrn Herrmann inzwischen als Freund. Der türkische Islamwissenschaftler ist heute Dialogbeauftragter der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), des deutschen Ablegers des türkischen Religionsamtes, und vertritt seinen Verband derzeit vor allem im Streit über den Neubau einer großen Moschee in Köln-Ehrenfeld. Er fühlt sich an den Streit erinnert, den er damals mit dem engagierten 71 Jahre alten Metzgermeister Herrmann hatte. Aber etwas anders sei es damals schon gewesen.

Nicht zur „Rumpelkammer Mannheims werden“

Damals dachte Norbert Herrmann: Jetzt reicht es. Im Dezember 1990 hatte die Öffentlichkeit erfahren, dass die Stadt Mannheim den Neubau einer Moschee auf einem Ruinengrundstück am Louisenring im Jungbusch unterstützt. Eine Moschee auf dem Bolzplatz, ausgerechnet im schon so lange von der Kommunalpolitik vernachlässigten Jungbusch? Er und die anderen Mitglieder des Anwohnervereins fühlten sich überfahren und getäuscht. Schon Monate vorher hatte die Stadt zusammen mit dem Islamischen Bund Mannheim, der der Ditib angehört, diesen Entschluss gefasst.

Der Jungbusch war lange Jahre ein Rotlichtviertel, in dem sich Hafenarbeiter und später in Mannheim stationierte amerikanische Soldaten betranken, vergnügten und schlugen. Der Stadtteil, der - reich an Bürgerhäusern aus der Gründerzeit - durchaus seinen städtebaulichen Reiz hat, kämpfte mit einem hohen Ausländeranteil, niedriger Wohnqualität, Parkplatzarmut und Verkehrslärm. Man wolle nicht zur „Rumpelkammer Mannheims werden“. Der Moscheebau, so lautete das Argument, werde noch mehr Ausländer anziehen - und auch die anderen Probleme verschärfen. Die Besitzer eines benachbarten Gebäudes fürchteten, das kürzlich sanierte Objekt könne durch den Moscheebau an Wert verlieren.

Symbol für ein weltoffenes und tolerantes Mannheim

„Nichts gegen die Türken, aber mir stinkt's“, tönte es den Mannheimer Stadtpolitikern im Juni 1991 während einer tumultuarischen Bezirksbeiratssitzung entgegen, die im Chaos aus Zwischenrufen und höhnischem Gelächter zu versinken drohte. Man habe ja nichts gegen Ausländer, aber eine Moschee solle woanders gebaut werden. Das sah damals auch Herr Hermann so. Im Juli folgte dann noch eine Bürgeranhörung, die allen Beteiligten als „denkwürdig“ in Erinnerung geblieben ist. 300 Mannheimer waren gekommen, und so musste die Veranstaltung vom Gemeindesaal in die Liebfrauenkirche verlegt werden, die heute direkt gegenüber der Moschee steht. Der damalige Oberbürgermeister Widder musste einem älteren Herrn das Wort entziehen, als der ihn zu arg beleidigte.

Nun steht die Moschee da - gegenüber der Liebfrauenkirche. In der Lokalpresse, die - wenn auch nur zum Teil - in scharfer Kulturkampfrhetorik gegen den Bau anschrieb, wurde sie schnell nach ihrer Eröffnung im März 1995 als Symbol für ein weltoffenes und tolerantes Mannheim gefeiert.

Herr Schmitt wird in der Moschee empfangen wie ein alter Freund: ein Schulterklopfer, freundschaftliches Gefrotzel und ein Glas Tee für ihn und seine Begleiter. Schmitt war früher Integrationsbeauftragter der Stadt und hatte das Bauprojekt engagiert vorangetrieben. Die Cafeteria der Moschee ist an diesem Tag, einem Donnerstag, kurz vor dem Mittagsgebet nur spärlich besucht. Drei freundliche ältere Herren sitzen an einem Tisch und unterhalten sich angeregt auf Türkisch. Eine Seniorengruppe betritt den Raum. Sie trinken zunächst einen Ayran, eine Art Joghurt, und warten auf ihre Führung. Einer der Türken zwinkert einer Dame aus der Gruppe zu: „Alles gut?“ Gelächter. Als würde gerade ein Lehrfilm für gelungene Integration gedreht. Der Mannheimer Weg zum Moscheebau als Lehrstück?

Kein Fremdkörper mehr

Für den früheren Integrationsbeauftragten Schmitt war zumindest der „Gesprächskreis“, der frühzeitig eingerichtet wurde, eine „geniale Idee“. Alle vierzehn Tage kamen Vertreter der Kirchen, der Stadt, des Gemeinschaftszentrums Jungbusch und der Muslime zusammen. Sie sprachen sowohl über die Finanzierung des Projekts als auch über „Inhalte“, über religiöse und integrationspolitische Fragen, über die Gleichberechtigung von Frauen und Jugendarbeit. Das habe für „Transparenz gesorgt“, sagt Schmitt. Transparenz ist ein Wort, das er gerne benutzt. Der Bau des Gebetshauses war an klare Bedingungen geknüpft: Die Moschee muss immer offen sein - nicht nur am „Tag der offenen Moschee“. Es muss ein Institut für die Bildungsarbeit nach innen und nach außen eingerichtet werden.

Aus dem Gesprächskreis wurde im September 1994 die „Christlich-Islamische Gesellschaft Mannheim“, 1995 wurde das „Institut für Deutsch-Türkische Integrationsforschung“ in den Räumen der Moschee untergebracht. Die Führungen, so heißt es dort, erfreuten sich großer Beliebtheit. Die Moschee ist wohl für die meisten im Jungbusch kein Fremdkörper mehr. Herr Schmitt erzählt gerne die Geschichte von der Eröffnung der Pop-Akademie im Stadtteil, auf der einem der Festredner zugerufen worden sei, die Integration der Künstlerausbildungsstätte klappe hoffentlich genauso gut wie die „unserer Moschee“. Das lässt er sich noch einmal auf der Zunge zergehen: unsere Moschee.

Dabei war der Streit heftig gewesen. Es kam sogar zu Morddrohungen gegen den deutschen Architekten. Auch über die Höhe des Minaretts wurde monatelang gestritten - sogar darüber, ob die muslimischen Bauherren nicht besser ganz auf eine Kuppel und ein Minarett verzichten sollten. Mit der neuen Moschee wurde der Islam in Mannheim erst wirklich sichtbar. Der Gewöhnungsprozess war für alle Beteiligten anstrengend.

Unverständnis über den Kölner Moscheenstreit

Von 1972 an wurde in einer Behelfsmoschee im Hinterhof im Quadrat G7, 18 gebetet. Das Anwesen lag in einem Bezirk, den die Stadt 1982 zum Sanierungsgebiet erklärte. Der Zwangsumzug aus der Hinterhofmoschee gab den Funktionären des Islamischen Bundes erst den Anlass, über einen Neubau nachzudenken. Das Neubauvorhaben habe sich eher zufällig ergeben, sagt Schmitt. „Ich musste richtig Überzeugungsarbeit leisten. Es waren einfache Leute, sie waren ein Stück weit überfordert“, sagt er. Die Muslime hätten - im Gegenteil - eher Angst vor der Größe des Vorhabens gehabt. „Man wollte keine Machtdemonstration - von beiden Seiten“, sagt Schmitt. Nach seiner Erinnerung spielten die Minaretthöhe und die Dimension des Baus damals nur eine Nebenrolle. Viel wichtiger seien inhaltliche Fragen gewesen: „Entscheidend ist das Verhalten der Muslime“, sagt er.

Herr Alboga kann deshalb überhaupt nicht verstehen, warum dem Bau in Köln so viel Widerstand entgegenschlägt. Auch dort sei die Ditib als Bauherr um Transparenz bemüht. Man überlege sogar, dort „eine Art Akademie“ einzurichten, in der nach Mannheimer Vorbild - und in größerer Dimension - Bildungsarbeit verrichtet werden soll. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagt der Ditib-Spitzenfunktionär. „Damals in Mannheim wurde das Thema nicht parteipolitisch instrumentalisiert, auch nicht von Rechtspopulisten. Außerdem herrschte noch keine solche Kulturkampfstimmung.“ Einwände mit Blick auf ein neues demonstratives Selbstbewusstsein der islamischen Verbände, das sich auch in den Bauvorhaben niederschlage, lässt er nicht gelten. Allein der Begriff „Großmoschee“ sei verfehlt, es gehe um „würdige Räume“. „Die Kölner Moschee wird sicher größer sein als die Mannheimer Moschee“, sagt Alboga. „Aber in Köln leben auch weitaus mehr Muslime als in Mannheim.“

Man habe voneinander gelernt

In Mannheim hat Alboga die Moscheeführungspremiere geleitet und sich schnell darum bemüht, ein Glas Tee zur Versöhnung mit Herrn Herrmann zu trinken. „Wir sind angenehm überrascht worden“, sagt der Rentner, dessen Familie seit zwei Generationen im Jungbusch lebt, nun rückblickend. Man habe voneinander gelernt - auch wenn natürlich bei weitem nicht alle Probleme gelöst worden seien.

Die älteren Herren in der Moscheecafeteria haben ihre traditionellen Wertvorstellungen nicht abgelegt. Der neue Integrationsbeauftragte Mannheims steht im Umgang mit den islamischen Vereinsfunktionären vor denselben Problemen wie seine Kollegen in vielen anderen Städten auch. Herr Herrmann fasst das so zusammen: „Die Muslime sagen oft zu allem ja und amen und machen dann, was sie wollen.“ Etwas Ähnliches hat auch sein einstiger Widersacher, Herr Schmitt, gesagt. Mit dem Schmitt, sagt Herr Herrmann, würde er jederzeit, ohne zu zögern, ein Bier trinken gehen.

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Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

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