Home
http://www.faz.net/-gpf-10qek
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Donnerstag, 09. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Moschee-Eröffnung Lautlos in Marxloh

26.10.2008 ·  Zur Eröffnung der Moschee in Duisburg gibt es Lob von allen Seiten - hier gab es keine Proteste. Gleichwohl machen viele Redner bei der Feier deutlich, dass mit dem Bau der Integrationsprozess erst begonnen hat.

Von Peter Schilder
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)

Der Ministerpräsident ist gekommen, um ein Grußwort an die Gemeinde zu richten. „Wir brauchen mehr Moscheen in unserem Land, nicht in den Hinterhöfen, sondern sichtbar“, sagt Jürgen Rüttgers. Er spricht zur Eröffnung der derzeit größten Moschee in Deutschland und bekräftigt: „Ich bin überzeugt davon.“

In einer Bauzeit von dreieinhalb Jahren ist im Duisburger Stadtteil Marxloh ein mächtiger Kuppelbau im osmanischen Stil entstanden; 23 Meter ist er hoch, das Minarett reicht 34 Meter in den Himmel. 1200 Betende haben im prachtvoll ausgestatteten Innenraum Platz - 800 Männer und 400 Frauen auf dem Balkon. Große Fenster sollen die Offenheit deutlich machen, auch die Verbindung mit einem Begegnungszentrum, das allen offenstehen soll.

Miteinander in Marxloh soll bis in die Türkei wirken

„Auf offenen Türen, auf Gespräch, auf Begegnung zwischen den Kulturen und Religionen“ gründe das Moscheekonzept in Duisburg, sagt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident. Er stellt aber auch, ganz im Sinne der Offenheit, einige Fragen. „Wir müssen die Frage nach der Vereinbarkeit von Demokratie und Islam stellen“, sagt Rüttgers und ergänzt: „Nein, wir müssen sie nicht nur stellen. Wir brauchen eine Antwort. Klar. Eindeutig. Unzweifelhaft.“ Nicht jeder, der ein Fundament habe, sei ein Fundamentalist, sagt Rüttgers weiter. Und dann wieder: Mancher, der Toleranz und Freiheit im Munde führe, rede in Wirklichkeit der Beliebigkeit das Wort. Er rief die Muslime auf, sich einzumischen und nicht zu schweigen.

Den nun sichtbaren Islam und die Begegnung mit den christlichen Religionen machen auch Präses Schneider von der Evangelischen Kirche im Rheinland und der katholische Bischof Genn aus Essen zum Gegenstand ihrer Glückwünsche. Genn spricht von „Brücken, die noch zwischen der Moschee und dem Stadtteil, zwischen Muslimen und Christen“ zu schlagen seien. Er lobt die bisher gezeigte Offenheit des Moscheevereins und ermuntert ihn, darin weiterzugehen und noch mehr die deutsche Sprache in und außerhalb der Moschee zu gebrauchen. Präses Schneider äußert die Hoffnung, dass die Moschee „zum Zeichen des Friedens für Duisburg und für alle Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion“ werde.

Er wendet sich an den Präsidenten des Amtes für religiöse Angelegenheiten der Türkei, Bardakoglu, der zur Moscheeeröffnung nach Duisburg gekommen ist - schließlich ist die Ditib, der deutsche Ableger des türkischen Religionsamtes, Bauherr in Duisburg: Er, Schneider, erinnere sich an Bardakoglus Äußerung, dass für die Religionsfreiheit in der Türkei noch „vieles zu tun bleibt“. Im Namen der evangelischen Kirche bittet Schneider ihn, „in den Bemühungen um mehr Religionsfreiheit in der Türkei nicht nachzulassen“. Vielleicht könne das Miteinander in Marxloh bis in die Türkei wirken. Bardakoglu selbst spricht dann von einem „positiven Echo“, das der Moscheebau als „schönes Beispiel“ in der Türkei haben werde. Er gesteht ein, dass es in der Welt noch viel zu tun gebe für die Religionsfreiheit. In der Türkei würden weitere Schritte folgen, versichert er.

Kein Gebetsruf des Muezzins

In der dreieinhalbjährigen Bauzeit der Moschee hatte es immer wieder Verzögerungen gegeben, zuletzt bei der Ausgestaltung des Innenraums durch Künstler aus der Türkei. Aber nie ist das Projekt aufgehalten worden wegen Widerstands und grundsätzlicher Bedenken. Das ist in Duisburg ganz anders gelaufen als in Köln, wo es gegen den dortigen Moscheebau heftige Proteste gegeben hat - und nach wie vor Vorbehalte in der Bevölkerung gibt. Wenn man nach den Gründen für die Stille um das Duisburger Moscheeprojekt fragt, bekommt man von allen Beteiligten die gleiche Antwort: „Es war der Beirat.“

Gleich zu Beginn der Planungsphase war ein Beirat gebildet worden, dem Vertreter der christlichen Kirchen ebenso angehören wie Emissäre der politischen Parteien. Die Stadt Duisburg war von Amts wegen beteiligt und als Berater, so auch die Gewerkschaften und Vertreter der Anwohner. Sie alle haben das Projekt wohlwollend und unterstützend begleitet. Bedenken wurden vorgetragen und aufgenommen. Es ist dabei auch heftig diskutiert worden. So wurde schließlich entschieden, dass der Gebetsruf des Muezzins nicht vom Minarett die Umgebung beschallen soll.

Das angeschlossene Begegnungszentrum, dass mit 3,2 Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert wurde, wurde als Ort des interkulturellen Austauschs in Marxloh konzipiert. Kommunikation wurde - anders als in Köln - großgeschrieben. Schon in der frühen Phase gab es Informationsveranstaltungen und gegenseitige Einladungen. Langsam näherten sich die alteingesessenen Marxloher dem Moscheeprojekt. Sie sahen die Pläne, ließen sie sich erörtern und stellten Fragen.

Grundstückspreise in der Nähe der Moschee sind gestiegen

Zudem ist Duisburg-Marxloh ein marginalisierter Stadtteil, der von vielen längst abgeschrieben und aufgegeben worden war. Der deutschstämmige Mittelstand ist zum größten Teil längst fortgezogen. Auf deutscher wie auf türkischer Seite kamen die Bevölkerungsgruppen nach Marxloh, die billigen Wohnraum suchten. Den gab und gibt es dort genug. Unter den Zugezogenen gibt es eine ausgeprägte Haltung des Leben-und-Lebenlassens. Ernst gemacht wird hier nur, wenn man sich ernsthaft bedroht sieht - mit Blick auf die Religion gibt es eine große Toleranz oder Gleichgültigkeit.

Für die türkischstämmigen Marxloher bedeutet die Aussicht auf ein prachtvolles Gebetshaus eine gesellschaftliche Aufwertung, die Chance, der Hinterhof-Parallelgesellschaft zu entkommen. Andere sagen bissig: den Hinterhof erst recht mit der Parallelgesellschaft einzutauschen. Jedenfalls sind die Marxloher Türken stolz auf ihre Moschee, auch wenn es so scheint, als ob sie selten hineingehen.

Der ganze Stadtteil hat Aufmerksamkeit erfahren, und Marxloh hat jetzt etwas, was andere nicht haben. Früher war Marxloh das Einkaufszentrum für die Dörfer am Niederrhein. Das ist schon lange nicht mehr so. Stattdessen haben sich in den alten Geschäften Ausstatter für türkische Hochzeitfeiern niedergelassen. Mehr als ein Dutzend Läden mit Brautkleidern und Abendgarderobe will einer der Eröffnungsgäste gezählt haben. Dazu Juweliere für den entsprechenden Schmuck und passende Schuhgeschäfte. Die Kunden, so wird erzählt, kommen weit angereist aus halb Europa. Die Grundstückspreise in der Nähe der Moschee sind gestiegen, aus typisch deutschen Reihenhäusern kommen Frauen mit Kopftüchern.

„Es gab und gibt hier keine rechten Anheizer“

Dass sich etwas in Marxloh bewegt, spürt auch die deutsche Bevölkerung. Es gibt Neid, weil zum Beispiel die schönste Begegnungsstätte des Stadtteils an die Moschee angeschlossen ist, während städtische Einrichtungen - aber auch kirchliche Gemeindezentren - alt und verkommen sind und aufgegeben werden. Manche bemerken erst jetzt den Verlust ihres alten Umfelds, erleben ihre Umgebung auf einmal als fremd. Das führt zu mancher bösartiger Bemerkung, die aber eher kleinlaut und verstohlen geäußert wird.

Eine Marxloherin, die das Geschehen am Sonntag mit gemischten Gefühlen verfolgt, nennt einen weiteren Grund, warum der Moscheebau in Duisburg anders verlaufen ist als das Moschebauprojekt in Köln. „Es gab und gibt hier keine rechten Anheizer“, sagt sie. Sie ist zugleich überzeugt, dass solche auch in Duisburg Anhänger gefunden hätten. Tatsächlich ist Duisburg keine Hochburg von Rechtsradikalen. Anders als in Köln hat sich auch der Stadtrat immer eindeutig zustimmend zum Moscheebau verhalten.

Dass gleichwohl der Integrationsprozess erst mit der Einweihung beginnt - auch das ist Thema vieler Reden am Sonntag.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Ein Herz für Sünder

Von Berthold Kohler

Verkehrsminister Ramsauer hat wie die gesamte CSU ein Herz für Sünder - darum wird er noch eine schöne Lösung für den Altbestand an Punkten finden. Autofahrer sind schließlich auch nur Wähler. Mehr