21.10.2007 · Präsident Sarkozy will, dass alle Schüler den Abschiedsbrief eines hingerichteten Jugendlichen lesen. Lehrer fürchten eine verordnete Geschichtssicht.
Von Michaela Wiegel, ParisAn allen französischen Schulen soll an diesem Montag zum ersten Mal der Abschiedsbrief des 17 Jahre alten kommunistischen Widerstandskämpfers Guy Môquet verlesen werden, der am 22. Oktober 1941 zusammen mit 26 anderen Geiseln in Vergeltung für den Mord am Feldkommandanten von Nantes, Fritz Hotz, erschossen wurde.
Die Pflichtlektüre des persönlich gehaltenen Abschiedsbriefes geht auf den Wunsch Staatspräsident Sarkozys zurück, die Erinnerung an die „Résistance“ wiederzubeleben. Sarkozy hatte am Tag seiner Amtseinführung an einem Résistance-Denkmal im Bois de Boulogne den Brief Guy Môquets von einer gleichaltrigen Oberschülerin verlesen lassen und die Rolle des Widerstands insgesamt gewürdigt. Anschließend war er nach Berlin zu seinem Antrittsbesuch bei Bundeskanzlerin Merkel gereist.
Übersetzung von Ernst Jünger
Die deutsche Übersetzung des Abschiedsbriefes Guy Môquets an seine Familie (siehe Kasten unten) geht auf Ernst Jünger zurück, der vom damaligen Militärbefehlshaber in Frankreich, General der Infanterie Otto von Stülpnagel, um eine Denkschrift über die Geiselerschießungen in Frankreich 1941/42 gebeten worden war. Ernst Jünger war von Juni 1941 an Oberst in der für Feindaufklärung und Abwehr zuständigen Abteilung Ic des Kommandostabes des Militärbefehlshabers in Frankreich bis zu dessen Auflösung im August 1944.
Jünger schreibt in „Das erste Pariser Tagebuch“: „Er (Otto von Stülpnagel) hatte mich wegen der Geiselfrage rufen lassen, deren genaue Schilderung für spätere Zeiten ihm am Herzen liegt. Sie ist ja auch der Anlass, aus dem er jetzt geht. An einer Stellung wie der seinen wird nur die große, prokonsularische Macht nach außen sichtbar, nicht aber die geheime Geschichte der Zwiste und Intrigen im Innern des Palasts. Sie ist erfüllt vom Kampf gegen die Botschaft und die Partei in Frankreich, die langsam Feld gewinnt, ohne dass ihn das Oberkommando unterstützt.“
Otto von Stülpnagel bat im Februar 1942 um seine Ablösung und wurde durch seinen entfernten Verwandten Carl-Heinrich von Stülpnagel ersetzt, der zum militärischen Widerstand gehörte und nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurde. Die Geheimschrift Jüngers „Zur Geiselfrage. Schilderung der Fälle und ihrer Auswirkungen“ hatte Jünger nach dem 20. Juli 1944 in Paris vernichtet. Doch ein Durchschlag blieb erhalten, Jünger entdeckte ihn beim Ordnen seiner Papiere im Spätsommer 1945 wieder. Der Durchschlag ist mit dem Nachlass Jüngers im Deutschen Literaturarchiv archiviert. In den „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ (Heft 3/Juli 2003) ist die Denkschrift Jüngers mit einem ausführlichen Kommentar des Historikers Sven Olaf Berggötz dokumentiert.
Der Versuch verordneter Geschichtsschreibung?
Die Pflichtlektüre des Briefes stößt in Frankreich auf Widerstand bei der Lehrerschaft und bei Historikern. Sie wehren sich gegen den Versuch einer von oben verordneten Geschichtsschreibung. Zugleich kritisieren sie, dass mit Guy Môquet ein kommunistischer Widerstandskämpfer zum Vorbild für die französische Jugend erhoben werde, der vor dem Bruch des Hitler-Stalin-Paktes im Oktober 1940 von französischen Polizisten festgenommen worden war. Die Kommunistische Partei habe am Beispiel Môquets ihre eigene, widersprüchliche Rolle zu verbergen gesucht. Zu der Kontroverse äußert sich der Historiker Max Gallo, Regierungssprecher unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand, der die Gedenkfeier am Bois de Boulogne mit vorbereitet hatte (siehe Historiker Gallo: „Sarkozy will einen Ausgleich nach Phase der Reue“).
Der Brief Guy Môquets
Meine liebe Mutter
Mein sehr lieber kleiner Bruder
Mein lieber Vater
Ich stehe vor dem Tode. Ich bitte Euch, und Dich besonders liebe Mutter, mutig zu sein. Ich bin es und möchte es ebenso sein wie jene, die vor mir gestorben sind. Gewiss würde ich gerne leben, aber was ich von ganzem Herzen wünsche, dass mein Tod zu etwas gut sein möge. Ich hatte nicht Zeit, meinen Bruder Jean zu umarmen, ich habe meine beiden Brüder Roger und Rino umarmt, aber nicht meinen wirklichen. Leider. Ich hoffe, dass alle meine Sachen Dir zugesandt werden, sie werden Serge nutzen, der, wie ich hoffe, stolz sein wird, sie eines Tages zu tragen.
Dich lieber Vater, dem ich ebenso wie meiner lieben Mutter manchen Kummer gemacht habe, grüße ich zum letzten Mal. Glaube, dass ich mein Bestes tat, um dem Weg zu folgen, den Du mir gewiesen hast. Einen letzten Gruß an all meine Freunde und an meinen Bruder, von dem ich gerne sehe, dass er studiert und dass er gut studiert, um später ein rechter Mann zu sein. 17 und ein halbes Jahr, mein Leben ist kurz gewesen, aber ich bedaure nur, dass ich Euch verlassen muß. Ich werde mit Tintin und Michels sterben. Mama, worum ich Dich bitte und was Du mir versprechen musst, das ist, mutig zu sein und den Schmerz zu überwinden. Ich kann nicht mehr schreiben, ich verlasse Euch alle, alle, Dich Mama, Sésenge, Papa. Ich umarme Euch mit kindlichem Sinn. Mut.
Euer Guy, der Euch liebt.
Guy.
Hauptmann Jünger
Felix D. Deppe (xilefepped)
- 22.10.2007, 01:25 Uhr