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FAZ.NET-Countdown : Rote Abwärtsstrudel

Alles eine Frage des Geschmacks: Carlo Ancelotti und Willy Sagnol bekommen künftig nicht mehr so oft die Gelegenheit auf ein gemeinsames Weißbier. Bild: AP

Ob man mit den Bayern mehr Mitleid hat oder mit der SPD-Spitze, ist eine Frage des Geschmacks. Arbeitsmoral allein macht noch keine Trendwende.

          Die Ära Ancelotti wird in die Annalen des FC Bayern als Intermezzo eingehen, an das in München niemand gern zurückdenkt. Gerade einmal 15 Monate konnte sich der italienische Virtuose im Amt halten. Zwar gelang es dem hochdekorierten 58-Jährigen, mit der Deutschen Meisterschaft einen weiteren Titel der langen Liste seiner Triumphe hinzuzufügen. Doch was, Herrschaftszeiten, sind für die Maßstäbe des FC Bayern schon solche Pflichtübungen wert? Nach schwachem Saisonauftakt und der taktisch verwegenen Aufstellung beim 0:3 gegen Paris St. Germain (Boateng auf der Tribüne, Hummels, Ribéry auf der Bank, Robben erst spät rein) zog Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Reißleine beim Meister, der gegen die Highspeed-Fußballer der Pariser Hauptstadt wie eine Altherrentruppe wirkte.

          Den Taktstock schwingen darf nun erst einmal Willy Sagnol. Dem stillen Franzosen, als Rechtsverteidiger von den Bayernfans einst mit langgezogenen „Willyyyy“-Rufen angefeuert, traut Rummenigge offenbar zu, die Mannschaft bis zum Sonntag so weit aufzurichten, dass sie die drei Punkte aus Berlin heil nach Hause bringt. Danach ist erst mal Spielpause. Ob der Bayern-Vorstand innerhalb von zwei Wochen einen neuen Trainer präsentiert, der das Team zurück in den Kreis der besten Mannschaften Europas führt? Stichwort: Thomas Tuchel. In der Königsklasse geht es am 18. Oktober gegen Celtic Glasgow. Danach direkt gegen RB Leipzig. Spätestens dann müssen die Bayern wieder liefern.

          Platz drei in der Bundesliga und eine Niederlage in der Champions League – die Bayern können auf hohem Niveau jammern. Und ich überlasse es Ihnen, ob Sie mehr Mitleid mit dem Autor (in seiner Rolle als Alemannia-Aachen-Fan) oder der SPD haben. Die Sozialdemokraten tun gerade jedenfalls wenig dafür, dem Abstiegsstrudel zu entkommen: Schulz Parteichef, Nahles Fraktionsvorsitzende – frische Gesichter an der Spitze sucht man vergeblich. Neu ist lediglich die öffentlich geäußerte Wut, mit der die Genossen nun um sich schlagen. Nachdem Andrea Nahles die Union aufs Korn nahm („ab morgen kriegen sie in die Fresse“), geifert nun Johannes Kahrs, seines Zeichens einer der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises gegen einen Altvorderen seiner eigenen Partei. Klaus von Dohnanyi, 89, einst Bundesminister, langjähriger Bundestagsabgeordneter und früherer Bürgermeister Hamburgs hatte tatsächlich die Chuzpe besessen, Martin Schulz zum Rücktritt vom Parteivorsitz aufzufordern, um den Platz für Jüngere freizumachen.

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          Wohlgemerkt: Ein Schritt, der durchaus üblich ist. Kahrs unterstellt nun Dohnanyi wie „vielen alten Männern“ in Parteien eine „leichte Profilneurose.“ Warum die Kritik Dohnanyis nicht in Ordnung sei, begründete Kahrs so: „Wenn man Rentner ist, dann ist man Rentner. Und dann ist es nicht die Aufgabe, der SPD zu schaden.“ Wir interpretieren Kahrs so: Rentner, die SPD-Mitglieder sind, sollen öffentliche Kritik an der eigenen Partei gefälligst unterlassen (frei nach Nahles: „Fresse“ halten), so lange sie nicht Bundeskanzler waren (so wie Helmut Schmidt, verstorben oder Gerhard Schröder, nun ja…). Rentner sollen generell der SPD nicht schaden. Der SPD zu schaden überlassen Rentner bitte den Profis, also den führenden Politikern der eigenen Partei.  

          Was Oliver Strank wohl von den Ränkespielen halten mag? Sein Name wird den wenigsten von Ihnen etwas sagen. Es sei denn, sie leben im Frankfurter Nordwesten. Vielleicht sind Sie dem jungen Mann (blond, schlank, blaues Sakko) dort in den vergangenen Wochen mal an einem Wahlkampfstand der Sozialdemokraten begegnet. Oder er hat sogar an Ihrer Tür geklingelt und Ihnen einen Kugelschreiber oder Gummibärchen in die Hand gedrückt. Strank war einer von 2559 Direktkandidaten, die darum kämpften, in den Bundestag einzuziehen: Wie es jemandem geht, der unter Gehaltsverzicht monatelang 14-Stunden-Tage hinter sich gebracht, über 10.000 Euro verfeuert, dabei Tausende Hände geschüttelt hat – und verlor? Lesen Sie selbst in der Reportage von Yves Bellinghausen.

          Was sonst noch wichtig wird

          Beim Treffen der Staats- und Regierungschefs in Tallinn heute wollen die Staats- und Regierungschefs, dem Plan nach, die auf dem EU-Gipfeltreffen Mitte Oktober geplante Aussprache zur Förderung der digitalen Wirtschaft in Europa vorbereiten. Doch sowohl EU-Ratspräsident Donald Tusk als auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron machen Druck. Am späten Donnerstag trafen sich die Teilnehmer noch zu einem informellen Abendessen in der estnischen Hauptstadt. Ihr Thema: Wie lässt sich die Union nach dem bevorstehenden Austritt Großbritanniens reformieren und stärken? Mit den Worten „die Kanzlerin hat Priorität“ brach Macron am Donnerstag zwei Stunden früher als geplant nach Tallinn auf. Auf Bitten Merkels trafen sich die beiden vor dem Abendessen zu einem ausgiebigen Gespräch. Ihrer Rückendeckung kann er sich sicher sein. Grundsätzlich. Seine Europa-Rede an der Sorbonne begrüßte Merkel in einem Statement vorab „außerordentlich“. Es gebe ein „Höchstmaß an Übereinstimmung“. Das klingt fast so, als ob der Motor Europas wieder anspringen könnte. Über Details, so Merkel weiter, müsse aber noch gesprochen werden. Stichwort: Jamaika. Fortsetzung folgt.

          In St. Petersburg beginnt am Freitagvormittag eine außerordentliche Aktionärsversammlung des russischen Ölkonzerns Rosneft. Altkanzler Gerhard Schröder kandidiert für den Aufsichtsrat, dem Vernehmen nach ist er sogar als Vorsitzender des Gremiums im Gespräch.

          Zum Schluss

          Arbeitsmoral ist ansteckend! Der Zauberbegriff lautet „Strategic Seating“ und stützt sich maßgeblich auf eine Studie der amerikanischen „Kellog School for Managment.“ Wie die Arbeit mit neuer Aufstellung im Team mehr Freude bereiten und auch zu höherer Produktivität führen kann, hat Julia Löhr aufgeschrieben. Ihren Artikel lesen Sie in der neuen Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Woche“, wahlweise digital oder ab heute am Kiosk.

          @WillySagnol: Hilft im Büro, nicht aufm Platz.

          Quelle: FAZ.NET

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