06.05.2004 · Der amerikanische Präsident Bush hat im arabischen Fernsehen die Mißhandlungen irakischer Gefangener verurteilt, sich aber nicht entschuldigt. Die Foltervorwürfe werden nun zum Wahlkampfthema. FAZ.NET-Spezial.
Von Peter SturmGuten Morgen, Amerika! Allmählich dämmert es offenbar auch den Spitzen der amerikanischen Regierung, daß nicht nur in einem irakischen Gefängnis etwas fundamental schiefgelaufen ist. Aufklärung der Taten und Bestrafung der Täter sind wichtig und notwendig. Aber der größere Schaden ist in der Öffentlichkeit entstanden. Dies zu spät erkannt zu haben ist ein großes Versäumnis des Präsidenten und seiner Berater. Deshalb können die Fernsehauftritte von Bush und Sicherheitsberaterin Rice im besten Fall den Schaden begrenzen.
Schon seit dem 12. September 2001 war - auch von der amerikanischen Regierung - immer wieder davon die Rede gewesen, man müsse die Menschen in den muslimischen Ländern für den eigenen Standpunkt gewinnen. Herausgekommen sind bisher vor allem große Investitionen in eigene Hörfunk- und Fernsehsender. Die senden zwar nach Kräften, aber entscheidend ist nicht die Zahl der Programmstunden, sondern die Botschaft. Und diese Botschaft ist in den Augen vieler in der muslimischen Welt, daß zunächst etwas verheimlicht worden ist, was jetzt unter dem Zwang der Veröffentlichung in einem amerikanischen Inlandsfernsehsender nicht mehr verheimlicht werden konnte.
Wenn aber, so die wahrscheinliche Wahrnehmung, in diesem Fall nur das gesagt wird, was unbedingt gesagt werden muß, wieso soll man den Verkündern der Botschaft dann im Alltag glauben? Ähnliche Erfahrungen hat die Sowjetunion während des Kalten Krieges gemacht. Radio Moskau sendete und sendete, und niemand hörte zu.
Da die Vorwürfe gegen amerikanische Soldaten seit einiger Zeit bekannt waren, wäre es ein Gebot der Klugheit und des eigenen Interesses gewesen, diese schnell zu veröffentlichen, eine umfassende Untersuchung anzukündigen und die Öffentlichkeit soweit wie menschenmöglich daran teilhaben zu lassen. Was immer jetzt von "unamerikanischen" Aktivitäten der Uniformierten geredet wird: Deren Verhalten war unmenschlich, aber nicht "unamerikanisch". Man sollte nicht einen imaginären "Volkscharakter" bemühen, sondern, Talleyrand abwandelnd, zugeben, daß die Vorfälle im Irak Verbrechen waren, der Umgang mit ihnen aber schlimmer als ein Verbrechen, nämlich ein Fehler.