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Mißhandlungen im Irak Foltern Frauen wie Männer?

22.06.2004 ·  Alice Schwarzer, die Herausgeberin der Zeitschrift „Emma", in einem Gastbeitrag in der F.A.Z. zu den Bildern von den Mißhandlungen im Irak und der Frage, ob Frauen in der Armee wie die Gefreite Lynndie England Opfer oder Täter waren.

Von Alice Schwarzer
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Es gibt Tausende von Folterbildern aus Abu Ghraib. Dennoch wurden bisher vor allem vier Fotos gezeigt:

Das erste zeigt ein Opfer auf einem Podest mit einer Kapuze über dem Kopf, das mit seinen abgewinkelten Armen wie der gekreuzigte Christus das Leid dieser Welt symbolisiert - ein Täter ist auf diesem Bild nicht zu sehen. Das zweite Foto zeigt einen nackten Menschenhaufen, der uns an KZ-Bilder erinnert und hinter dem der feixende Gefreite Charles Graner posiert - vor ihm beugt sich, ihren Unterkörper den Lenden Graners entgegenstreckend, die lachende Gefreite Sabrina Harman über den Körperberg; ihr Körper ist den Nackten näher als dem Uniformierten.

Fast marionettenhaft

Das dritte Foto zeigt stehende, nackte männliche Gefangene mit Kapuzen über dem Kopf - die vor ihnen posierende Gefreite Lynndie England zielt mit einem imaginären Gewehr und einer Zigarette zwischen den Lippen auf die (von westlichen Medien immer unkenntlich gemachten) Genitalien der Männer. Lächelt sie?

Das vierte ist das meistpublizierte Bild: Es zeigt ebenfalls England. Sie hält stehend eine Leine in der Hand, die um den Hals eines kriechenden nackten Mannes gebunden ist. Es ist das einzige Bild, auf dem die Agierende sich nicht der Kamera, sondern dem Opfer zuwendet. Ihre Körperhaltung wirkt nicht herrisch, sondern eher unschlüssig, fast marionettenhaft.

Nicht Subjekt, sondern Objekt

Später befragt, warum sie mitgemacht habe, antwortete England: "Mir wurde gesagt: Stellen Sie sich mal dahin. Lächeln. Nehmen Sie die Daumen hoch. Schauen Sie in die Kamera. Hey, lächeln! Sag: Cheese." Wer hat das gesagt? "Meine Vorgesetzten." Daß es genauso gewesen sein könnte, dafür sprechen die Bilder, die England nicht als Subjekt, sondern als Objekt zeigen.

Diese Inszenierungen machen deutlich: Nicht die Handlung ist das eigentliche Geschehen, sondern das Dokumentieren der Handlung, eben die Fotos. Sie sind die Trophäen der Sieger, Beweise der Zerstörung des Gegners - und der Degradierung der eigenen Kameradinnen. Ihre Veröffentlichung multipliziert, auch mit Hilfe der Medien, die Taten ins Endlose.

Alle Inszenierungen folgen klassischen pornographischen Mustern, die uns von de Sade über Pasolini bis Helmut Newton (die hechelnden Hunde und die Nackten!) bekannt sind. Zu solchen Szenarien gehören immer auch Frauen (und bei Bildern, die sich an homosexuelle Konsumenten richten, eben feminisierte Männer).

Keine Frage des biologischen Geschlechts

Nein, hier geht es nicht darum zu behaupten, die Soldatinnen seien unschuldig und „auch nur Opfer". Und es geht schon gar nicht darum zu behaupten, Frauen seien von Natur aus nicht zu Bösem fähig. Das Böse ist schließlich keine Frage des biologischen Geschlechts, sondern eine Frage der Macht. Das Böse passiert da, wo die einen mächtig und die anderen ohnmächtig sind - und es den Mächtigen an der Fähigkeit zur Empathie, zum Mitgefühl fehlt. Letzteres ist im Patriarchat, das wir nun mal seit ein paar tausend Jahren objektiv haben, eher traditionell der Part von Männern. Den Frauen wurde der Part von Menschlichkeit und Mitgefühl zugewiesen, Macht und Gewalt waren lange tabu für sie. Darum wurden sie zu Spezialistinnen der verdeckten, psychischen Gewalt.

Es geht darum, genau hinzusehen, ganz genau. Fakt ist: Nur zehn Prozent der im Irak eingesetzten amerikanischen Soldaten sind weiblich und keineswegs bei allen herzlich willkommen. Dennoch zeigen fast hundert Prozent der veröffentlichten Folterfotos weibliche Akteure. Zufall?

Und dann ist da noch die dritte Frau im Bunde (oder Komplott?). Es ist die Generalin Janis Karpinski. Sie war als Chefin der 800. Militärpolizei-Brigade mit ihren 3400 SoldatInnen auch zuständig für das Militärgefängnis Abu Ghraib und gilt heute als der zentrale Sündenbock. Doch die Ein-Sterne-Generalin versichert glaubhaft, ihr sei im August 2003 von dem frisch aus Guantánamo kommenden Zwei-Sterne-General Geoffrey Miller die Befehlsgewalt für das Gefängnis Abu Ghraib mit den Worten aus der Hand genommen worden: "Diese Häftlinge müssen wie Hunde behandelt werden. Ihnen darf niemals erlaubt werden, sich wie menschliche Wesen zu fühlen."

Gefährdete männliche Privilegien

General Miller ist weiter auf Posten; Generalin Karpinski, die übrigens die einzige Generalin in der US Army ist, wurde suspendiert. Zufall? Es drängt sich immer mehr der Eindruck auf, daß hier nicht nur die Gegner erniedrigt werden sollten, sondern auch die Frauen in den eigenen Reihen. Denn ihr Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe in der mächtigsten Institution eines Staates, dem Militär, gefährdet nicht nur männliche Privilegien, sondern verwässert auch den herben Duft des Männerbündischen in den Kasernen. Daß solche Bilder außerdem westliche Frauen dem traditionellen Frauenhaß arabischer und islamistischer Männer noch stärker ausliefern, ist vermutlich eine willkommene Nebenerscheinung.

Dabei sind die Soldatinnen nichts als Statistinnen in pornographischen Inszenierungen. Und daß die Gefreite England von dem Gefreiten Graner schwanger wurde, gehört dazu. Zweifellos haben die Akte der Folterungen und der Konsum der Folterbilder das sexualisierte Klima in der Truppe zusätzlich erhitzt. Es wäre aufschlußreich, Herkunft und Ausmaß der pornographischen Prägungen der Soldaten zu erforschen, ihren Pornokonsum an der Heimat- und Kriegsfront. Daß sie in Abu Ghraib Bilder nachstellten, die ihnen vertraut sind, ist unübersehbar.

Millionengeschäft auf dem Pornomarkt

Und eine solche Flut von Folterbildern allein aus diesem einen Gefängnis deutet darauf hin, daß die Bilder keineswegs nur zum Privatvergnügen unter Soldaten gemacht, sondern auch für den florierenden internationalen Pornomarkt produziert wurden. Wir wissen ja spätestens seit Bosnien und dem Kosovo, daß die Bilder von Vergewaltigungen, Folterungen und Tötungen im Krieg ein Millionengeschäft auf dem Pornomarkt sind.

Doch da ist der eine, der nicht mitgemacht hat. Ja, mehr noch: der zum Widerstand geschritten ist. Joseph Darby, der nachts und anonym einem Vorgesetzten die CD mit den von Graner gesammelten Folterbildern unter der Tür durchschob. Joseph Darby, der in seiner Einheit als Sonderling galt, also als einer, der nicht mitmachte bei den Boygames. Er kommt aus ärmlichen Verhältnissen in Pennsylvania und ging zur Army aus Perspektivlosigkeit, wie die meisten. Zu erforschen, was ihm die Kraft gab, sich dem Bösen entgegenzustellen, wäre wegweisend. Übrigens: Joseph Darby gilt keineswegs als Held. Er mußte untertauchen, weil er gefährdet ist in Amerika.

„Zur falschen Zeit am falschen Ort"

Und die beiden Frauen, die mitgemacht haben? Die eine, Gefreite Sabrina Harman, hat einen Vater, der in der Pathologie arbeitet und seinen Kindern am Feierabend Fotos von zerstückelten Leichen zu zeigen pflegte. Die andere, Gefreite Lynndie England, ist ein eher burschikoser Typ und ging zur Army, um sich das Geld für das Studium der Meteorologie zu verdienen. England galt als nettes, patentes Girl, das zu Hause noch nie unangenehm aufgefallen war. Sie ist eher typisch für die Art von Frau, die versucht, sich in Männerbünden anzupassen. Und: Sie ist die Braut des Haupttäters Graner.

„Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort", soll sie kurz vor Auffliegen des Skandals am Telefon ihrer Mutter gesagt haben. Jetzt ist sie im vierten Monat schwanger und will nach dem Prozeß, der sie zusammen mit sechs weiteren Soldaten erwartet, nach Hause gehen und sich "auf mein Baby freuen". Daß der Vater Sadist Graner ist, scheint sie nicht zu stören.

Der Druck in dem männlichsten aller Männerbünde ist enorm hoch für die seit einigen Jahren eindringenden Frauen. Entweder diese Frauen "vermännlichen" sich, wie England, oder sie bleiben sichtbar Frauen und laufen verstärkt Gefahr, selber Opfer zu werden. Die Vergewaltigungsraten innerhalb der US Army steigen seit dem Eintritt der Frauen kontinuierlich. Das ist in anderen Armeen nicht anders.

Nur der Starke kann zum Täter werden

Und Hauptakteur Charles Graner? Er scheint der in der Wolle gewaschene Sadist in der Truppe gewesen zu sein. Der Gefängniswärter hatte sich schon zu Hause im Frieden einschlägig profiliert, sowohl seinen Gefangenen wie seiner Exfrau gegenüber, die sich wegen seiner Gewalt von ihm hatte scheiden lassen. Für einen wie ihn ist der rechtlose Zustand des Krieges ein gefundenes Fressen. Und wenn dann noch von oben die Order zum Foltern dazukommt - wie es im amerikanischen Heer im Irak ja offensichtlich der Fall war -, dann eröffnet das so einem ungeahnte Möglichkeiten.

Doch wer sich im Jahr 2004 Sorgen macht um die "Unweiblichkeit" der Frauen, die an solchen Kriegen beteiligt sind, kann beruhigt werden: Noch sind diese Frauen Lichtjahre entfernt von einer wirklichen Gleichberechtigung und damit Gleichheit in der Armee. Nur der Starke kann zum triumphalen Täter werden, die Frauen aber sind noch schwach.

Die Verfasserin ist Verlegerin und Herausgeberin der Zeitschrift "Emma".

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2004, Nr. 142 / Seite 6
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