12.05.2004 · Während die amerikanische Regierung mit Abscheu auf die Enthauptung eines Amerikaners im Irak reagiert haben, gibt es neue Anklagen wegen der Mißhandlungen, die beim Militär angeblich auf Anweisung erfolgten.
Mit Abscheu und Empörung haben die amerikanische Regierung und Kongreßabgeordnete auf die Nachricht von der Enthauptung des 26 Jahre alten amerikanischen Geschäftsmanns Nick Berg aus dem amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania im Irak reagiert. Der amerikanische Präsident Georg W. Bush sprach von einer „brutalen Hinrichtung“, mit der die Entschlossenheit Amerikas zur Demokratisierung Iraks geschwächt werden solle.
Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, sagte, die Tat, die auf einem Videoband mit dem Titel „Abu Musab al Zarqawi schlachtet einen Amerikaner" dokumentiert ist, zeige „die wahre Natur der Feinde der Freiheit", die keinen Respekt vor dem Leben Unschuldiger hätten. Die Verantwortlichen, für deren Ergreifung eine Belohnung von zehn Millionen Dollar ausgesetzt wurde, würden verfolgt und bestraft.
Brutale Vergeltung
Senator Rick Santorum aus Pennsylvania sagte, das Verbrechen liefere ein gutes Beispiel dafür, warum Amerika Krieg gegen den Terrorismus führe. Die Videobilder, die die islamistische Vereinigung Muntada al Ansar ins Internet gestellt hatte, zeigten, wie ein gefesselter Mann, der sich als Nick Berg identifiziert, vor einer Gruppe vermummter Gestalten sitzt. Ein Mann aus der Gruppe, der angeblich Zarqawi sein soll, der als enger Vertrauter Usama Bin Ladins gilt, stößt dem Amerikaner dann ein großes Messer in den Hals und schneidet ihm den Kopf ab, der daraufhin in die Kamera gehalten wird. Kommentiert werden die Bilder mit der Bemerkung, daß mit der Enthauptung Vergeltung für die Mißhandlung irakischer Gefangener geübt werde.Irak: "Usama II." verdächtigt
Das amerikanische Außenministerium bestätigte, daß Bergs Leichnam am Samstag in der Nähe Bagdads gefunden worden sei. Der Amerikaner, der aus West Chester in der Nähe von Philadelphia stammte, war nach Angaben seiner Familie Mitte März in den Irak gereist, um dort Geschäftsmöglichkeiten zu erkunden.
Weitere Anklagen wegen Mißhandlungen
Unterdessen haben die amerikanischen Streitkräfte wegen der Mißhandlung irakischer Gefangener Anklagen gegen zwei weitere Soldaten erhoben, wie Brigadegeneral Mark Kimmitt in Bagdad bekannt gab. Zugleich verstärkten sich die Zweifel an einem Alleingang einfacher Soldaten bei den Vorfällen. Kongreßmitglieder sahen am Mittwoch Bilddokumente, die die Regierung der Öffentlichkeit vorenthalten möchte. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld verteidigte die Verhörmethoden beim Militär.
Die beiden neu angeklagten Soldaten Javal Davis und Ivan Frederick müssen sich laut Kimmitt vor einem Militärgericht verantworten. Ihnen wird Verschwörung zur Mißhandlung von Gefangenen und Pflichtversäumnis vorgeworfen. Wie aus der Anklageschrift bekannt wurde, soll Davis im Verhör erklärt haben, er sei dazu angehalten worden, moralisch zweifelhafte Dinge zu tun. Beschrieben werden dann vor allem Erniedrigungen sexueller Natur. Die Mißhandlungen seien vom Militärgeheimdienst gebilligt worden, wurde Davis zitiert.
Das Werk Einzelner?
Die der Häftlingsmßhandlung bereits angeklagte amerikanische Soldatin Lynndie England sagte dem Sender KCNC-TV, ihre Vorgesetzten hätten ihr genaue Befehle erteilt, wie sie für Fotos posieren solle. Nach Angaben ihres Anwalts wurden diese Anweisungen von Mitarbeitern der CIA und anderer Geheimdienste gegeben. In einem der bekannt gewordenen Bilder zeigt England lächelnd auf die Genitalien eines gefesselten Irakers, auf einem anderen hat sie ein Lederband in der Hand, das um den Hals eines auf dem Boden liegenden Irakers gebunden ist. „Haben getan, was von uns verlangt wurde“
Nach der Anhörung von Generalmajor Antonio Taguba Held der Schandeerklärten etliche amerikanische Senatoren, solche Demütigungen seien viel zu gezielt erfolgt, um als das Werk einzelner abgetan zu werden. Senatorin Susan Collins sagte, für die bekannt gewordenen Praktiken sei viel Wissen notwendig, was für die Gefangenen erniedrigend sei. Die Senatoren ebenso wie die Abgeordneten des Repräsentantenhauses konnten das zuletzt aufgetauchte Film- und Bildmaterial am Mittwoch drei Stunden lang betrachten. Zur Entscheidung, diese Dokumente vorerst unter Verschluß zu halten, sagte Vizepräsident Dick Cheney, sie würden nur die Sensationsgier der Medien bedienen und die internationale Empörung weiter schüren. Irak: Welche Fotos wollen wir sehen?
Rumsfeld sieht keinen Verstoß gegen Genfer Konventionen
Rumsfeld erklärte später vor Senatoren, insgesamt seien die Verhörmethoden beim Militär gerechtfertigt. Die Anwälte des Pentagons hätten Praktiken wie Schlafentzug und Änderungen in der Ernährung von Häftlingen genehmigt. Auch dürften Gefangene dazu gezwungen werden, in unangenehmen Stellungen zu verharren. Insgesamt sei dies mit internationalen Vorschriften vereinbar.
Senator Richard Durbin hielt dem entgegen, daß einige der gebilligten Praktiken über das hinausgingen, was die Genfer Konventionen zuließen. Die Mißhandlung irakischer Häftlinge trifft die Vereinigten Staatten nach Ansicht des Außenministers des Vatikans noch härter als die Anschläge vom 11. September 2001. In einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der Zeitung „La Repubblica“ erklärte Erzbischof Giovanni Lajolo, der Unterschied liege darin, daß sich Amerika diesen Schlag selbst versetzt hätte. Den Skandal um die Mißhandlungen bezeichnete er als „tragische Episode in den Beziehungen zum Islam“.