25.03.2010 · In Irland schwindet der Einfluss der katholischen Kirche - durch die Diskreditierung ihrer Führung, Priestermangel und durch ein Schrumpfen ihres materiellen Besitzes. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in den Staat. Die Konsequenzen, die sich aus diesem Umbruch ergeben werden, sind erst in Umrissen abzusehen.
Von Johannes LeithäuserDie Kindesmissbrauchskrise der katholischen Kirche liest sich in Irland wie eine politische Affäre: Die Schlagzeilen der Sender und Zeitungen melden Tag für Tag neue Indizien, neue Fragen, neue Rücktrittsforderungen an verantwortliche Bischöfe. Im Schwindel, den das Nachrichtenkarussell erzeugt, bleibt es den Iren vorerst noch erspart, sich nüchtern über die Konsequenzen des öffentlich-moralischen Zusammenbruchs ihrer einst wichtigsten und mächtigsten gesellschaftlichen Institution klarzuwerden.
In seinem Schreiben an die irischen Gläubigen hat der Papst den Begriff „Säkularisierung“ verwendet, um eine Spur zu den Umständen zu legen, die nach Auffassung des Vatikans zu dem verbreiteten Missbrauch von Kindern und zu der üblichen Vertuschung dieser Zustände innerhalb der irischen katholischen Kirche führten. Der Verlust der Festigkeit im Glauben, falsch verstandene Freiheiten aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils - all das illustriere den „Kontext“, in dem die schrecklichen Taten geschahen und verheimlicht wurden.
Vorsäkulare Verhältnisse
Doch viele Iren, die sich jetzt an die Zustände auf ihrer Insel in der Zeit vor Beginn dieser Säkularisierung erinnern, kommen zu anderen, geradezu gegenteiligen Schlüssen. Vor der beginnenden „Verweltlichung“, zu der in Irland in den siebziger Jahren kulturelle Wandlungen, wie die Pop-Kultur, und politische Entscheidungen, wie der Beitritt zur EG, gleichermaßen beitrugen, war die katholische Kirche in Irland unanfechtbar, und nahezu unentrinnbar die wichtigste Autorität.
Das Irland der siebziger Jahre war ein Gemeinwesen, in dem Ehescheidungen nicht möglich und Verhütungsmittel nicht erlaubt waren. Es war ein Land, in dem der staatliche Zensor Filme der britischen Komikertruppe Monty Python als blasphemisch auf den Index setzte. Und die katholische Kirche zog es damals vor, einen Priester in Londonderry, der mutmaßlich ein IRA-Bombenkommando anführte, das in einer Serie von Explosionen neun Zivilisten tötete, lieber auf eine entfernte Halbinsel zu versetzen, statt ihn zur Zusammenarbeit mit (britischen) Strafverfolgern zu zwingen.
Diese vorsäkularen Verhältnisse erzeugten Machtgewohnheiten, die den vielfältigen Missbrauch erst möglich und üblich machten - und der war und ist im Übrigen nicht auf den direkten Zugriffskreis der Kirche beschränkt. Eine erste Untersuchung hat gründlich dargelegt, dass irische Kinder auch in staatlichen Anstalten, die nicht der katholischen Kirche unterstanden, vielfältige Misshandlungen erlitten.
In der Empörung, die katholischen Kirchenführern jetzt aus der irischen Gesellschaft entgegenschlägt, äußert sich daher auch versteckte eigene Scham und verspäteter Ärger über die Hinnahme der damaligen Gegebenheiten. Kaum ergründet ist bisher die Frage, inwieweit jahrzehntelang neben Armut und Hunger auch andere Motive zur Auswanderung und zum Entstehen einer irischen Diaspora in Amerika und in der übrigen englischsprachigen Welt beigetragen haben.
Das Vertrauen in den Staat sinkt
Auch wenn der Erklärungsversuch des Vatikans, die Säkularisierung sei eine Ursache des Übels, wohl zu kurz greift, so ist sie doch auf jeden Fall der entscheidende Grund dafür, dass lange verschwiegene Misshandlungstaten nun öffentlich erforscht und behandelt werden. Für diesen Wandel ließe sich auch der Begriff „Emanzipation“ einsetzen. Und die irische Gesellschaft beurteilt bei dieser Überprüfung bisher akzeptierten Verhaltens nicht nur die Kirche, sondern auch das Handeln des Staates und der Volksvertreter neu. Anders als früher werden Vetternwirtschaft, Korruption und Hinterzimmerabsprachen nicht mehr geduldet.
Falls die Regierung der - in Irland fast ununterbrochen regierenden - Quasi-Staatspartei Fianna Fail bei der nächsten Wahl in die Opposition gehen muss, wie die Meinungsforscher es vorhersagen, dann sind die Ursachen dafür nicht allein in der massiven und anhaltenden Wirtschaftskrise, sondern mindestens ebenso in den unlängst aufgedeckten Fällen von Nepotismus und Spesenrittertum einiger Regierungsmitglieder zu suchen.
Es ist also ein mehrfacher Autoritätsverlust, den die Iren gegenwärtig erleben. Der Einfluss der katholischen Kirche schwindet - durch die Diskreditierung ihrer Führung, durch immer größer werdenden Priestermangel und auch durch ein Schrumpfen ihres materiellen Besitzes. Katholische Orden veräußern Immobilien, um den Fonds speisen zu können, aus dem die Entschädigungen an Missbrauchsopfer gezahlt werden. Gleichzeitig sinkt das Vertrauen in den Staat. Ähnliche unabhängige Untersuchungsgremien, meistens von hohen Richtern geleitet, wie sie zur Aufklärung des Missbrauchs eingesetzt wurden, arbeiteten auch schon an der Aufdeckung einer Bestechungsaffäre um den ehemaligen Premierminister Bertie Ahern.
Die Konsequenzen, die sich aus diesem Umbruch ergeben werden, sind erst in Umrissen abzusehen. Vor wenigen Tagen wurde erstmals öffentlich die Frage aufgeworfen, was denn aus den 3500 Grund- und Sekundarschulen werden soll, die in Irland von der katholischen Kirche betrieben werden. Soll der Staat sie etwa in seine Obhut nehmen?