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Sonntag, 12. Februar 2012
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Missbrauchsfälle Sündenbock Kirche

12.03.2010 ·  Die Kirche wird durch die Missbrauchsfälle erschüttert, und die öffentliche Meinung weidet sich genüsslich an den Qualen, unter denen sie sich endlich als Kirche der Sünder zu erkennen gibt. Doch bei allen Versäumnissen der Kirche: Das Gebaren der Öffentlichkeit erinnert an Praktiken aus den Handbüchern der Inquisition.

Von Daniel Deckers
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Entschuldigung, Aufklärung, Beistand, Vorbeugung - fast im Stakkato stehen Repräsentanten der katholischen Kirche seit Wochen einer Öffentlichkeit Rede und Antwort, deren Gebaren nicht selten an Praktiken aus den Handbüchern der Inquisition erinnert. Wie einst bloße Nachrede ausreichte, um einen Prozess zu eröffnen, der Körper der Angeklagten pedantisch nach Hexenmalen untersucht wurde und das Leugnen von Vorwürfen als sicherer Beweis ihrer Wahrheit galt, so werden heute Behauptungen a priori als Tatsachen dargestellt, wobei ein Zeitraum von fünfzig Jahren wie ein Tag erscheint und jeder Versuch zu differenzieren als Ausdruck systemimmanenter Ignoranz. Worum geht es?

Nach einer ersten Welle von Enthüllungen über das widerliche Treiben von Pädosexuellen in Soutanen und im Schutz von Klostermauern während des Sommers 2002 ist zu Beginn dieses Jahres eine zweite Welle über die Kirche hereingebrochen. Von einem Fall abgesehen - Ettal - liegen alle sexuellen Übergriffe und körperlichen Misshandlungen, die jetzt öffentlich verhandelt werden, offenkundig Jahrzehnte zurück. Sie hätten also schon vor acht Jahren namhaft gemacht werden können. Dass dies damals nicht geschah, hat sich die Kirche auch selbst zuzuschreiben.

Im Dickicht von Zuständigkeiten verborgene Scheu

Zwar war schon damals von Entschuldigung, Aufklärung und Beistand die Rede. Aber die hinter einem Dickicht von Zuständigkeiten verborgene Scheu vor einem ehrlichen Blick zurück verhinderte, dass die Bischöfe außer den damals beschlossenen „Leitlinien“ auch ein Verfahren zur Aufklärung zurückliegender Fälle etablierten. Nur so hätte man das scham- und schuldbesetzte Tabu abscheulicher Verbrechen an Kindern und Jugendlichen auch rückwirkend - und somit vorbeugend - brechen können. Dieses Versäumnis hat die Kirche jetzt mit derselben Brutalität eingeholt, mit der sie lange Zeit jede Verantwortung von sich wies.

Nun weidet sich ein Teil der öffentlichen Meinung wie in einem Autodafé des 16. Jahrhunderts genüsslich an den Qualen, unter denen sich die Kirche endlich als Kirche der Sünder zu erkennen gibt. Andere Institutionen verharren derweil in Angststarre und zählen jeden Tag, an dem ihr Name nicht in aller Munde ist. Und einige Politiker halten es sogar für einen Ausweis von Liberalität, Kinderpornographie im Internet keinen Riegel vorzuschieben. Was wäre die Gesellschaft ohne den Sündenbock Kirche?

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