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Missbrauchsfälle in Kirche Das Schweigen der Männer

01.03.2010 ·  Das Klostergymnasium Ettal wird von Missbrauchsvorwürfen erschüttert. Ein Zeuge macht eine „Kultur der Verniedlichung“ für das jahrzehntelange Schweigen verantwortlich. Unterdessen fordern Eltern jetziger Schüler die Rückkehr des zurückgetretenen Abtes.

Von Martin Wittmann, Ettal/München
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Der letzte Schnee glänzt in der Mittagssonne, als am Freitag die Kirchenglocken das Wochenende einläuten. Vor dem Kloster, das, umgeben von mächtigen Bergen, seit 1330 im schönen Ettal steht, warten kopfschüttelnde Frauen neben ihren Autos. Heftig diskutieren sie die Ereignisse der vergangenen Tage, bis ihre Kinder endlich aus dem Klosterinternat stürzen. Ein Junge, vielleicht zwölf Jahre alt, umarmt sogleich die Mutter und sagt traurig: „Jetzt ist auch der Pater Maurus nicht mehr da.“ Das wisse sie schon, sagt die Mutter, die in München dächten eben nicht an die Kinder.

„Die in München“, das ist das Erzbischöfliche Ordinariat, das vor dem Pater Maurus Kraß schon Ettals Abt Barnabas Bögle zurücktreten ließ. Beide hätten in der Vergangenheit Missbrauchsfälle in dem Gymnasium zu vertuschen versucht, begründete das Ordinariat die drastischen Maßnahmen. Von nun an, heißt es aus München, müsse in Ettal endlich an die Kinder gedacht werden. Allen will es derzeit um das Wohl der Kinder gehen, seit im Kloster Unruhe herrscht und sich die Erzdiözese in Krisenmanagement übt.

Das Chaos begann Anfang vergangener Woche, als ehemalige Schüler des Ettaler Benediktinergymnasiums ihr jahrzehntelanges Schweigen brachen und sich an die Medien wandten. Von langen Gutenachtküssen des Paters M. auf den Mund der Kinder war zunächst die Rede, von Streicheleien und Befriedigung mit der Hand. Sexueller Missbrauch habe im Kloster nicht nur stattgefunden, sondern sei der Leitung bekannt gewesen.

Auf Tabula rasa gesetzt

Bald nach den Berichten über Missbrauch in Ettal fühlten sich die Benediktiner mit der Aufklärung der Vorwürfe überfordert. Obwohl das Kloster nicht der bischöflichen Verfügungsgewalt unterliegt, baten sie die bischöfliche Erzdiözese München und Freising um Amtshilfe. Wegen der jüngsten Missbrauchsskandale an den Jesuitenschulen um Schadensbegrenzung bemüht, ließ sich die nicht lange bitten. Der Generalvikar des Erzbischofs von München und Freising, Prälat Peter Beer, setzte von nun an auf Tabula rasa. „Es gibt zur rückhaltlosen Aufklärung keine Alternative, wenn die Abtei als solche eine Zukunft haben will“, sagte der Sprecher der Diözese, Bernhard Kellner.

Die Erzdiözese setzte sofort zwei Ombudsmänner ein, an die sich weitere mutmaßliche Missbrauchsopfer wenden konnten: den Bischöflichen Beauftragten der Erzdiözese München und Freising für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs, Monsignore Siegfried Kneißl, und, als klosterfernen Ansprechpartner, Rechtsanwalt Burkard Göpfert. Was folgte, war erschütternd: In den folgenden Tagen habe im Schnitt alle zwei Stunden das Telefon geklingelt, sagte Göpfert am Freitagnachmittag. Rund zwanzig mutmaßliche Opfer und zahlreiche Zeugen haben sich bis Freitag gemeldet.

Die Anrufer berichteten sowohl von sexuellem Missbrauch, der „weit über Streicheln hinausgeht“, als auch von systematischer Gewalt. Neben dem 2009 verstorbenen Pater M. wurden drei weitere Patres als mutmaßliche Täter genannt, die vor allem in den siebziger und achtziger Jahren Schutzbefohlene missbraucht haben sollen. Einer der beschuldigten Patres war nach einem Vorfall ins Kloster Wechselburg versetzt worden, wo er fortan ausgerechnet in der Jugendarbeit eingesetzt wurde. Zumindest für die länger zurückliegenden Taten können die Patres nicht mehr belangt werden, da sexueller Missbrauch von Kindern, zehn Jahre nachdem das Opfer volljährig geworden ist, verjährt.

Mehrmals in der Woche aufs schlimmste misshandelt

Als „die Hölle, die oft wieder hochkommt“, beschrieb ein früherer Schüler seine Zeit in Ettal in einer E-Mail. Ein anderer berichtete Kneißl, ein Pater habe ihn mehrmals in der Woche aufs schlimmste misshandelt: „Mit Grauen erinnere ich mich an die konstanten und furchtbaren Schläge.“ Eine Mutter schreibt von ihrem mutmaßlich misshandelten Sohn, der nach seiner Zeit in Ettal als Erwachsener zum Alkoholiker geworden sei. „Es geht darum, dass Kinder nicht genügend geschützt und so über einen längeren Zeitraum traumatisierenden Erfahrungen ausgesetzt waren“, schrieb ein Betroffener in einem Brief, aus dem Kneißl zitierte. Und doch sagten viele, sie hätten eine sehr gute Zeit in Ettal gehabt, in der sie viel gelernt hätten, sagt Kneißl.

Tatsächlich genoss das Klostergymnasium Ettal bis vorige Woche einen ausgezeichneten Ruf. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Max Streibl wurde hier genauso ausgebildet wie etwa der Theaterintendant Christian Stückl, der ehemalige Erste Bürgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, und der Wittelsbacher Max Emanuel von Bayern. Dass von den Missbrauchsfällen jahrzehntelang nichts nach außen gedrungen ist, scheint auf eine „Kultur der Verniedlichung, des Verschweigens und der Ablehnung der Vorwürfe“ zurückzuführen zu sein, von der einer der Zeugen berichtete. Schüler, die sich an die Klosterleitung gewandt hätten, seien mundtot gemacht worden.

Nach seinem Tod fand sich ein Geständnis

Bezeichnend für dieses System ist der Fall von Pater M. Er war schon 1969 auffällig geworden, als er mit Schülern nackt geduscht hatte. Vier Jahre lang war er anschließend vom Schuldienst ausgeschlossen worden, durfte aber 1973 zurückkehren. So erst war es möglich geworden, dass er sich an dem Opfer, das sich vergangene Woche als erstes meldete, vergehen konnte. 1984 beschwerte sich die Mutter eines Schülers, doch Pater M. wurde nur ein Jahr verbannt. Danach gab er den Schülern Computerunterricht. Spätestens als im Jahr 2003 ein zwanzigjähriges Abiturtreffen bevorstand und zwei der eingeladenen Schüler ihr Kommen davon abhängig machten, dass Pater M. nicht anwesend sein dürfe, war die Schulleitung informiert. Dennoch wurde das Arbeitsverhältnis mit dem Bruder erst ein Jahr später beendet. Nach dem Tod von M. fand sich auf seinem Computer ein Geständnis.

Dieser und ein weiterer Fall aus dem Jahr 2005, in dem nun auch die Staatsanwaltschaft München ermittelt, wurden den beiden höchsten Würdenträgern des Klosters Ettal zum Verhängnis - Schüler hatten sich damals an die Internatsleitung gewandt. Sie hätten aber nicht den Eindruck gehabt, dass ihre Angaben in der Form weitergetragen worden seien, wie sie es erwartet hätten. Auch haben weder der Abt noch sein Stellvertreter den Vorfall der Diözese gemeldet und damit gegen die „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ aus dem Jahr 2002 verstoßen.

An ähnlichen Fällen mangelt es nicht

„Wir sprechen nicht von einem Formfehler, sondern von beharrlichem Schweigen“, sagte Kellner. Auf Drängen Beers ist am Mittwoch Abt Barnabas zurückgetreten, am Freitag schließlich musste auch sein Stellvertreter freiwillig sein Amt abgeben - Pater Maurus ist nicht mehr da, und Kellner schloss auch weitere personelle Konsequenzen nicht aus. In ähnlichen Fällen solle überdies ähnlich reagiert werden, sagte Kellner.

An ähnlichen Fällen mangelt es der katholischen Kirche derzeit nicht. In der Schule des Benediktinerklosters Sankt Ottilien nahe München sowie in einem früheren Schülerheim der katholischen Ordensgemeinschaft Salesianer Don Boscos in Augsburg gibt es inzwischen ebenfalls Verdachtsfälle, die Jahrzehnte zurückliegen sollen. „Es sind Vorermittlungsverfahren bei der Staatsanwaltschaft anhängig, in denen wir überprüfen, ob sich Sachverhalte zu verfolgbaren Straftaten ergeben“, sagte der Augsburger Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai. „Den Erkenntnissen zufolge liegen die bisher bekannten Vorwürfe lange zurück, so dass die Verjährung nicht unwahrscheinlich ist.

Gleichwohl muss man die Umstände genauer beleuchten, ob es nicht Hinweise auf weitere Vorfälle gibt.“ Auch in Kloster Schäftlarn nahe München soll es Übergriffe gegeben haben. In den sechziger Jahren habe sich ein Benediktiner-Pater dort im Internat an Schülern vergangen, berichteten Medien. Der heutige Internatsdirektor habe entsprechende Übergriffe bestätigt, der Pater sei zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden.

Reaktion der Eltern „absurd und kontraproduktiv“

Von den derzeit mehr als 500 Schülern in Ettal gebe es indes praktisch keine Meldungen. Sie werden derzeit von Rechtsanwalt Thomas Pfister befragt. Pfister ist von der Diözese als „unabhängiger externer Sonderermittler zur Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen“ von München ins neunzig Kilometer entfernte Ettal geschickt worden, um von innen zu ermitteln. Dort wird er auf Klosterangehörige treffen, die Kellner nicht kooperationswillig genug sind, auf verunsicherte Lehrer, die in einer Presseerklärung weiterhin geregelten Unterricht versprachen, und auf einen Elternbeirat, der vergangene Woche einen Brief an den Münchner Erzbischof Reinhard Marx  geschickt hat und bat, das Rücktrittsgesuch des Abtes Barnabas abzulehnen. Die Eltern sehen Bögle und Kraß, die sie die wichtigsten Vertrauenspersonen ihrer Kinder nennen, als Bauernopfer. Kellner nannte die Reaktion der Eltern „absurd und kontraproduktiv“.

Bis diesen Freitag soll Pfister einen ersten Bericht vorlegen, der öffentlich gemacht werden soll. Doch trotz der verordneten Eile scheint es, als werde der jahrzehntelange Missbrauch nicht nur die Opfer auf ewig quälen, sondern auch die Abtei Ettal noch beschäftigen, wenn der letzte Schnee im Klosterinnenhof längst verschwunden sein wird.

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