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Missbrauch an Jesuitenschulen : „Die Kirche hat nicht zugehört“

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Drei Patres der „Societas Jesu“ werden beschuldigt, sich an Zöglingen vergangen zu haben. Im F.A.Z.-Interview spricht der Rektor des Berliner Gymnasiums Canisius-Kolleg, Pater Klaus Mertes, über die Missbrauchsfälle, die Würde der Opfer und den Jesuitenorden.

          Drei Patres der „Societas Jesu“ werden beschuldigt, sich an Zöglingen vergangen zu haben, mit denen sie betraut waren. Rektor des Gymnasiums Canisius-Kolleg in Berlin Pater Klaus Mertes über die Missbrauchsfälle, die Würde der Opfer und den Jesuitenorden.

          Herr Mertes, Sie sind Rektor des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg und haben Fälle von Kindesmissbrauch durch jesuitische Patres öffentlich gemacht. Wollen Sie mit Ihrem Vorgehen vor allem den Ruf der Schule retten oder den Ruf Ihres Ordens?

          Natürlich weder den Ruf der Schule noch den Ruf des Ordens, sondern es geht ausschließlich darum, dass den Opfern Gerechtigkeit wiederfährt. Genauer geht es zunächst darum, dass sie überhaupt gehört werden, nachdem ihnen das Zuhören verweigert worden ist.

          Klaus Mertes ist Rektor des Gymnasiums Canisius-Kolleg in Berlin

          Hat Ihnen Ihr Orden Grenzen auferlegt?

          Nein, ich überschreite keine einzige Grenze, die zu überschreiten mir verboten wäre. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass der Papst oder irgendein Kirchenoberer bei allen nachvollziehbaren Bedenken letztlich etwas dagegen haben könnte, dass ich an dieser Stelle so agiere. So hätte doch Jesus auch agiert.

          Unterstützt Sie Rom?

          Ich bekomme von Seiten der Kirche sehr viel Unterstützung. Aber es ist klar, dass eine solche Sache riesige Angst auslöst, in der Kirche und auch bei mir. Wenn der Missbrauch nicht nur in der einzelnen Missbrauchstat besteht, sondern auch in dem Verdecken und Nichthören in dem Moment, wo die Opfer anfangen zu sprechen, stellt sich uns als Kirche die Frage, was uns daran hindert, den Opfern zuzuhören. Die Opfer greifen die Kirche nicht an. Wenn ich wiedergebe, was die Opfer fragen, greife auch ich die Kirche nicht an. Mehrere Opfer haben 1981 in einem Brief an die Kirche, der unbeantwortet geblieben ist, einige Punkte deutlich benannt. Sie forderten, dass endlich auch Mädchen stärker beteiligt werden sollen, mehr Jugendarbeit, sie wandten sich gegen den autoritären Führungsstil, und sie haben sich auch gegen die Benachteiligung von homosexuellen Jugendlichen, die offensichtlich schwerem Druck durch den Leiter ausgesetzt gewesen seien, gewehrt. Wir müssen uns fragen, was hat uns daran gehindert, das zu hören? Warum konnten wir die Frage allein schon nicht vertragen?

          War an diesem Weghören auch die Elternschaft beteiligt?

          Ich kann dazu nichts sagen. Ich würde die Opfer entwürdigen und den Übergriff fortsetzen, wenn ich mich dazu äußern würde. Ich vertrete die Täterseite. Aber jeder, der mit Missbrauch zu tun hat, weiß, dass die Tat immer zwei Aspekte hat, nämlich den Täter und die Institution, zum Beispiel die Familie, die nicht hinhört und Strukturen schafft, die so sind, dass die Opfer erst gar nicht sprechen wollen. Der Missbrauch ist ja deshalb so schrecklich, weil er in einem Vertrauensverhältnis stattfindet. Es ist der Lieblingsonkel, der Lieblingspater, vielleicht auch noch ein Pater, der besonders eng mit der Familie befreundet ist. Und das Opfer weiß, dass es in dem Moment, wo es spricht, sein gesamtes soziales Netzwerk bedroht. Opfer fühlen sich wie Aussätzige. Rühr mich nicht an, denn sonst wirst du krank. Wenn ich spreche, zerstöre ich alles. Das ist die ungeheure Last, die Opfer tragen. Die wird natürlich bestätigt, wenn das Opfer beim Sprechen die flackernde Angst in den Augen der Hörer sieht.

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