14.03.2006 · Slobodan Milosevic ist tot, aber der Geist spuckt immer noch herum. Seine Partei, die SPS, ist sich derweilen unsicher, ob sie einen Mythos um den Serben-Führer aufbauen oder sich die erkämpften Privilegien sichern soll.
In den Trauerspalten von "Politika", Serbiens erster Zeitung, haben Slobodan Milosevics Anhänger ihres Idols ausführlich gedacht. Die größte Anzeige am Montag, sie füllte eine Seite, kam selbstverständlich von dessen Sozialistischer Partei Serbiens (SPS): "Serbien verteidigend, verschied auf tragische Weise unser Präsident" stand darüber. In kleinerem Format schloß sich auch der im Untersuchungsgefängnis des UN-Kriegsverbrechertribunals auf den Beginn seines Prozesses wartende serbische Radikalenführer Vojislav Seselj an.
Zur Nachricht des Tages geriet aber erst eine Anzeige in der Dienstagsausgabe von "Politika", wo sich nochmals ein Dutzend schwarzumrandeter Beileidsbekundungen zum Tode Milosevics fand, deren größte von 34 Häftlingen des Tribunals unterzeichnet war. Daß darunter wiederum der Name Seseljs auftauchte, daß außerdem viele bosnische Serben und auch der ehemalige mazedonische Innenminister Ljube Boskovski unterzeichneten, hat nicht überrascht.
Der Mythengenerator ist angeworfen
Einer der Kondolierenden war aber ausgerechnet Ante Gotovina, der kroatische General, der laut Anklage des in Den Haag beheimateten Tribunals als Oberbefehlshaber der "Operation Sturm" bei der Zerschlagung der auf dem Territorium Kroatiens errichteten serbischen Freischärlerrepublik in der Krajina für zahlreiche Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten verantwortlich ist. "Ein letzter Gruß dem Haager Mitkämpfer" lautete der Text der Gemeinschaftsanzeige.
Die Strategen der SPS werden das weidlich zu nutzen wissen. Sie haben ohnehin den Mythengenerator angeworfen, um aus dem Tod ihres Parteichefs größtmögliches Kapital zu schlagen. Formal ist die SPS auch mehr als fünf Jahre nach dem Sturz Milosevics noch von Bedeutung in Belgrad. Zwar errang die einst mächtige Partei bei den serbischen Parlamentswahlen 2003 nur noch magere 7,5 Prozent der Stimmen, doch stützt sie im Parlament die Minderheitskoalition von Ministerpräsident Vojislav Kostunica. Damit aber könnte es vorbei sein, sollte die Regierung ein ehrenvolles Begräbnis Milosevics in Belgrad verhindern, drohten SPS-Funktionäre in diesen Tagen.
„Slobo-Bonus“ ist ungewiß
Das war laut gebrüllt, doch ist Kostunicas Regierung wohl nicht unmittelbar bedroht, denn die SPS hat einiges zu verlieren: Rhetorisch hielten ihre Funktionäre Milosevic zwar selbst nach dessen Auslieferung nach Den Haag im Sommer 2001 weiter die Treue. Doch die informelle Koalition mit seinem einstigen Bezwinger Kostunica gingen sie gegen Milosevics Willen ein. Zu dessen Verdruß winkten SPS-Abgeordnete fortan Reformen der Regierung durch und protestierten selbst dann nicht wirklich, wenn die wieder einmal einen serbischen Angeklagten nach Den Haag expedierte. Dafür erhielten SPS-Funktionäre einträgliche Führungsposten in staatlichen Betrieben und andere Vorteile.
Ob sie diese Sicherheiten für Neuwahlen aufgeben wollen, ist fraglich, zumal deren Ausgang gerade für die SPS ungewiß ist. Zwischenzeitlich war die Partei nämlich schon im Umfragennirwana unterhalb der Sperrklausel für den Einzug ins Parlament verschwunden, und ob sie bei neuen Wahlen tatsächlich von einem "Slobo-Bonus" profitieren und mit Seseljs Radikalen eine Regierung bilden könnte, ist ungewiß.
Grab in Rußland?
Sollte die SPS doch abspringen, könnte Kostunica außerdem immer noch versuchen, die Demokratische Partei seines Rivalen, des serbischen Präsidenten Boris Tadic, zu einer Regierungsbeteiligung oder Duldung zu überreden. Noch steuert Kostunica aber einen vorsichtigen Kurs, um die SPS nicht zu verärgern. Kostunicas Demokratische Partei Serbiens (DSS) versucht, das unangenehme Thema möglichst klein zu halten. DSS-Politiker sagten sinngemäß mehrfach, die Beerdigung Milosevics sei Angelegenheit der Familie, der Staat habe damit nichts zu tun, von Blumenspenden sei abzusehen. Die Verweigerung eines Begräbnisses auf einem Areal für verdiente Bürger kam auch nicht von Kostunica, sondern vom Bürgermeister Belgrads - der Tadics Partei angehört.
Am liebsten wäre es Kostunica wohl, wenn Milosevic in Rußland sein Grab fände. Milosevics Sohn Marko hat diese Möglichkeit als "Übergangslösung" schon angedeutet. Für die Mythenbildung um ihren Führer käme ein fernes Grab im Norden sicher auch der SPS zupaß: Das erinnerte dann an den sagenumwobenen serbischen Fürsten Lazar, der 1389 auf dem Amselfeld von den Osmanen hingerichtet wurde und dessen Gebeine vor dem 600. Jahrestag der Schlacht aus Belgrad in einer pompösen Prozession durch serbische Städte in ein Kloster überführt wurden.