01.02.2005 · Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) ist die größte islamische Organisation in Deutschland und dominiert den Islamrat. Man verfolge eine Strategie der „Öffnung und Transparenz“, sagt ihr Generalsekretär.
Die „Islamische Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG) ist die größte islamische Organisation in Deutschland. Nach eigenen Angaben gehören ihr 57.000 Mitglieder an, und 323 Moscheen sind ihr zuzurechnen. Sie gilt zudem als die dominierende Kraft im Islamrat. Die Verfassungsschutzberichte des Bundesamtes und der Landesämter stufen die IGMG als Vertreterin eines „legalistischen Islamismus“ ein: Die Mitglieder hielten sich an Gesetze, von ihnen drohe keine Gefahr, sie versuchten aber mit politischen Aktivitäten „islamistische Positionen“ durchzusetzen.
IGMG-Generalsekretär Oguz Üçüncü weist dagegen darauf hin, daß seine Organisation eine Strategie der „Öffnung und Transparenz“ verfolge. Sie orientiere sich dabei weiter an dem Slogan „Integration ja, Assimilation nein“, wie der in Deutschland ausgebildete Ingenieur im Gespräch mit Wolfgang Günter Lerch, Susanne Kusicke und Hans-Christian Rößler hervorhob.
Der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Huber, hat vor dem Treffen an diesem Dienstag einen „tabulosen Dialog“ mit Muslimen gefordert. Bisher sind aber vor allem Muslime kritisiert worden. Welche Themen möchten Sie in einem solchen Dialog behandelt sehen?
Die Forderung nach einem tabulosen Dialog in einer Zeit, in der man sich über Jahre und Jahrzehnte praktisch systematisch ausgetauscht hat, hat aus muslimischer Sicht verwundert. Man stand auch vorher in Kontakt und hatte es dabei nicht immer bei Schönwetterreden belassen. Jetzt so zu tun, als ob man sich nur Nettigkeiten gesagt hätte und daß der ganze Dialog deswegen in Frage gestellt werden muß, hat uns Muslime verblüfft. Ich wüßte wirklich explizit nicht, was wir bis jetzt ausgespart hätten, was jetzt noch einmal extra auf den Tisch müßte. Deshalb bin ich gespannt auf das Gespräch, das jetzt ansteht. Wir als IGMG haben auch Bischof Huber einen ehrlichen, kritischen Dialog angeboten und denken, wir sind als Muslime selbstbewußt genug, um auch Kritik und tabuloses Behandeln von Themen auszuhalten.
Teilen Sie die „konservative Agenda“, die der Islamrat für das Gespräch vorgeschlagen hat, der dabei zum Beispiel Homosexuellenrechte und Abtreibung nannte?
Es gibt im Dialog miteinander keine Themen, die man aussparen muß. Dazu gehören auch die, die Sie gerade angesprochen haben. Das, was wir uns die ganze Zeit erspart haben, ist letztendlich, eine Normalität im Umgang miteinander zu entwickeln über das bloße Gespräch hinaus. Das wie auch immer geartete Schaffen irgendwelcher neuer wertkonservativer Partnerschaften ist jetzt nicht, was zur Diskussion steht.
Der Verfassungsschutz in Nordrhein-Westfalen ist der Ansicht, daß in Ihrer Organisation „totalitäre Elemente“ deutlich zu erkennen sind. Wie verträgt sich das mit Ihren Bekenntnissen zu Verfassung und Rechtsstaat?
Sie (die Behauptung) tut uns unrecht. Ich denke für meine Gemeinschaft sagen zu können, daß wir innerhalb der muslimischen Community die pluralistischste sind. Das, was wir im Konsens entscheiden, sind alles Sachen, die ohne einen Diskurs mit der Gemeinschaft, also mit der Basis selbst, nicht funktionieren würden. Ich kann nicht von oben herab Sachen diktieren, die unten nicht verstanden werden. Ich glaube nicht, daß eine Konsensfindung als totalitär abgestempelt werden kann.
Sind für die IGMG Mann und Frau gleichberechtigt?
Wir sagen zur Gleichberechtigung ohne Wenn und Aber ja. Wir sprechen, wenn es um religiöse Bezüge geht, von verschiedenen Verantwortlichkeiten. Wenn es um die religiösen Verpflichtungen geht, hat Allah Mann und Frau verschiedene Aufgaben zugedacht, die sich aus ihren biologischen Unterschieden erklären. Im Rechtsrahmen selbst, in dem wir hier leben, gibt es keine Einschränkung. Deshalb gilt für uns Gleichberechtigung ohne Einschränkung. Was darüber hinausgeht, gilt für die IGMG besonders, daß wir muslimische Frauen und junge Mädchen ermutigen, sich in die Verbandsund Vereinsarbeit einzubringen.
Können dann Mädchen in der Schule an allen Angeboten, wie zum Beispiel Schwimmunterricht und Ausflügen, uneingeschränkt teilnehmen?
Ich bin Vater von drei Töchtern. Das Thema Schwimmunterricht wurde bei einer von ihnen im vergangenen Jahr aktuell. Da, wo es mir meine Auffassung von Religion als Elternteil nicht mehr erlaubt, weil auch die Schule die Infrastruktur nicht gewährleisten kann, muß mein elterliches Erziehungsrecht Vorrang vor der Schulpflicht genießen. Es geht ja nur explizit um den Schwimmunterricht.
Was meinen Sie mit Infrastruktur?
Es war nicht gewährleistet, daß sich nur Frauen und junge Mädchen in der Schwimmhalle aufhalten und eine Bademeisterin die Aufsicht führt. Meine Tochter hat Schwimmen durch eine Fraueninitiative gelernt. Ich lege sehr viel Wert darauf, daß meine Töchter das können. Meine Töchter nehmen auch alle an Ausflügen teil. Ich ermutige mit meinem persönlichen Beispiel und meiner Arbeit im Verband alle Väter und Mütter, genauso ihre Kinder nicht dem Klassenverband zu entreißen. Hier sollte man auch nicht mit zweierlei Maß messen.
Die Jungen sind ja nie das Problem, immer wenn es um Mädchen geht, wird das problematisiert. Wenn Vertrauen entgegengebracht wird, dann Jungen und Mädchen gegenüber gleichermaßen. Beim Sexualkundeunterricht gibt es erstens höchstrichterliche Rechtsprechung, die das schon geklärt hat. Zweitens sind wir an einer sexuellen Aufklärung der Kinder sehr interessiert, wenn sie nicht mit Indoktrination und der Vermittlung irgendwelcher Art von Wertvorstellungen verbunden ist. Es ist wichtig, daß junge Menschen lernen, wie ihre Körper funktionieren, und auf die Dinge, die man seine Eltern nicht fragen kann, dann irgendwo eine Antwort finden.
Im Streit um das Kopftuch ist es ruhiger geworden: Wie schätzen Sie die Debatte ein, wie halten Sie es in Ihrer Familie?
Das Kopftuch ist zu einem Anhaltspunkt für Verfassungsfeindlichkeit stilisiert worden, zum Beispiel in Gesetzestexten wie in Bayern. Die kopftuchtragende Frau wird als personifizierte Verfassungsfeindlichkeit dargestellt. Das tut der gesellschaftlichen Realität unendlich unrecht. Eine meiner Töchter trägt Kopftuch, zwei noch nicht. Und ob sie es tragen werden, wird dann im Endeffekt ihre Entscheidung sein. Aber, daß mich jetzt meine älteste Tochter fragt, was sie noch werden kann in Deutschland, wo das nie zur Diskussion stand, wo ich immer sagte: Hier steht dir alles offen, du kannst werden, was du willst, und ich das inzwischen nicht mehr mit dieser Uneingeschränktheit sagen kann. Das ist etwas, was wir der Debatte der letzten zwei, drei Jahre zu verdanken haben.
Im Endeffekt merkt die Gesellschaft, die darüber so hitzig debattiert hat, nicht, was sie damit in der muslimischen Gemeinschaft an Chancen verbaut. Die Kopftuchdebatte ist dafür bezeichnend. Es geht immer wieder um politische und religiöse Symbolkraft. Wir haben, glaube ich, als islamische Gemeinschaft eindrucksvoll unterstrichen, daß das weder ein politisches noch ein religiöses Symbol ist. Es ist ein religiöses Gebot, an das man sich halten kann oder nicht. Darüber hinaus ist es kein Symbol. Das heißt: Wenn ein Kopftuch auf dem Tisch liegt, ist es ein Tischtuch und nicht mehr. Der Mensch, der es trägt, verleiht dem eine Bedeutung. Über den Menschen, der es trägt, diskutieren wir dann am wenigsten.
Führen Sie als Verband noch Klagen, um Kopftuchverbote abzuwenden?
Wir als Verband unterstützen aktuell nur Mitglieder, wenn zum Beispiel in den Schulen die Rechtslage falsch gedeutet wird oder Schulordnungen grundgesetzwidrig geändert werden, wenn es konkret um das Kopftuch im Schulbetrieb geht. Darüber hinaus sind Grundsatzklagen ja alle ad acta gelegt. Aber wir ermutigen trotzdem junge Mädchen, den Lehrberuf anzustreben, weil wir auf das pädagogische Know-how dieser Menschen angewiesen sind, auch innerhalb unserer eigenen Strukturen.
Brauchen wir islamische Feiertage?
Das sind Dinge, die Ausdruck einer Normalität im Umgang miteinander wären. Aber ich glaube, bevor wir da herankommen, müssen wir uns der wirklichen Herausforderung stellen. Das ist die rechtliche Integration des Islams in die Gesamtgesellschaft. Da sind das Unterthemen, die dann zu behandeln sind, wenn wir den Rahmen selbst gesetzt haben. Die Debatte selbst war ja irgendwie auch unsäglich. Sie kam zu einem Zeitpunkt, als man darüber diskutiert hatte, den 3. Oktober als Feiertag abzuschaffen. Einen Feiertag abzuschaffen, um Wachstum zu schaffen, um dann einen neuen einzuführen, um Wachstum zu vernichten, das war nicht sehr sensibel.
Und auch die Reaktion der Öffentlichkeit war genausowenig sensibel - nach dem Motto: dann müßten wir ja auch Fronleichnam in der Türkei einführen. In der Türkei leben aber nicht drei Millionen Christen, die ausgewandert sind aus Deutschland und Forderungen stellen. Hier leben dreieinhalb Millionen Muslime auf bundesdeutschem Gebiet. Es wäre normal, über diese Dinge zu diskutieren. Aber sie gleich abzukanzeln oder Forderungen an die Gegenseite zu erheben macht deutlich, daß wir die Normalität, um über solche Dinge zu diskutieren, noch nicht haben.
Welchen Rahmen meinen Sie? Würde da nicht schon ein einheitlicher islamischer Dachverband weiterhelfen, den es immer noch nicht gibt?
Es fehlt zunächst der politische Wille, wirklich einen Ansprechpartner haben zu wollen. Das war ein willkommener Anlaß, den Islam nicht zu integrieren. Im Endeffekt hat man diese unterschiedlichen Verbandsstrukturen und die Zentralverbände die ganze Zeit als Argument ausgespielt, um keinen Rahmen zu formulieren. Ich denke, wenn die Muslime ihre Hausaufgaben zeitig machen und sich auf Strukturen einigen, um den weitestgehenden Konsens herzustellen, daß dadurch die Politik in Zugzwang gerät und sagt: Mehr ist nicht drin, und mit diesem Ansprechpartner müssen wir dann Vereinbarungen finden, die dem islamischen Leben in Deutschland Rechnung tragen. Ich glaube nicht, daß wir einen Rechtsrahmen haben wie in Frankreich, irgendeine Lösung zu erzwingen. Aber wir sollten es auch nicht darauf ankommen lassen. Die Frage ist brennend, da müssen wir zu Lösungen kommen, die von muslimischer Seite formuliert werden.
Was halten Sie von Forderungen, Imame auf deutsch auszubilden und sie deutsch predigen zu lassen?
Wo sollen denn die 600 Diyanet-Imame (Diyanet ist die türkische Religionsbehörde) und 300 Milli-Görüs-Imame plötzlich herkommen und befähigt sein, auf deutsch Predigten zu halten? Abgesehen davon, ist das Quatsch, einen Zwang ausüben zu wollen. Da muß man sich auch einmal selbst den Spiegel vorhalten und sich fragen, was man gemacht hat, um dafür eine Infrastruktur zu schaffen? Der Lehrstuhl in Münster ist ein erster Schritt, der Versuch der Diyanet, mit einer Gastprofessur in Frankfurt zu einer Lösung zu kommen, ist ein weiterer Schritt. Aber das sind alles sehr mühsame Schritte.
Der Wille, Dinge beschleunigt voranzubringen, fehlt nach wie vor. Ich denke, daß Sprache natürlich der Schlüssel des Ganzen ist. Das gilt nicht nur für die Prediger. Das trage ich in die Gemeinschaft hinein. Dafür nutzen wir auch unsere Infrastruktur, damit sich Sprachkompetenz entwickelt. Aber auch da sollte man mal evaluieren, was man an Fördern und Fordern in den letzten 40 Jahren geleistet hat, um den Menschen im nachhinein zu sagen, sie hätten sich diesbezüglich verweigert. Ich sehe da keine Verweigerungshaltung, sondern Menschen, die viel zu leisten imstande gewesen wären, aber nie gefordert waren. Da haben wir als Verband viel geleistet. Bei Milli Görüs haben Sie von der Zentrale bis zum Ortsverband mit sprachkompetenten Menschen zu tun.
Die Türkei hat einen Ministerpräsidenten, der aus der islamistischen Bewegung kommt. Was ist Ihre Meinung zu Erdogan? Gibt es auch Streit zwischen ,alten Kumpels'?
Erdogan ist ein Mensch, der in unserer Jugend eine Rolle gespielt hat. Die Ausstrahlung, das Charisma dieses Menschen auf unsere Gemeinschaft zu leugnen würde einfach den Tatsachen widersprechen. Wir haben aber gelernt, uns da aufgrund realpolitischer Gegebenheiten schön rauszuhalten. Das heißt, das, was sich aktuell tagespolitisch in der Türkei entwickelt, bleibt quasi ohne Wirkung auf unser Leben und unsere Herausforderungen in Deutschland. Deshalb haben wir einen sehr scharfen Blick darauf entwickelt, daß wir hier unsere Aufgaben vernünftig erledigen und den Rückenwind der Türkei dann in Anspruch nehmen, wenn es wirklich Themen sind, die von der Türkei abhängen.
Das heißt zum Beispiel, die EU-Mitgliedschaft der Türkei ist für uns als IGMG ein Herzensanliegen. Sie werden sehen, daß wir da mit der Milli-Görüs-Bewegung in der Türkei nicht auf einer Linie sind. Aber wir sehen das aus einem ganz anderen Blickwinkel. Weil über die Frage Türkei letztlich in dem Kontext diskutiert wird: gehört der Islam zu Europa, ist das wirklich europäisches Erbe, oder ist das die kulturelle Grenze, an die wir gestoßen sind?