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Militäreinsatz gegen die Hamas Jetzt wird es persönlich

04.01.2009 ·  Die meisten Israelis befürworten den Militäreinsatz gegen die Hamas. Überzeugungsarbeit muss in diesen Tagen kaum geleistet werden. Doch es gibt die Sorge, dass Opfer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung die Unterstützung im Ausland schwinden lassen könnten.

Von Hans-Christian Rößler
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Zuerst klingelt das Telefon. Dann folgt der Angriff. „Anklopfen am Dach“ heißt im israelischen Militärjargon die neue Vorgehensweise in Gaza. Im Haus von Hamas-Führer Nisar Rian ging am Neujahrstag niemand ans Telefon. Die letzte Warnung, dass die Luftwaffe im Anflug war, blieb offenbar ungehört: Israelische Raketen machten das Gebäude dem Erdboden gleich. Rian, seine vier Ehefrauen und elf seiner Kinder kamen am Neujahrstag im Flüchtlingslager Dschabalija im Gazastreifen ums Leben. Er war der erste Hamas-Führer, den die israelische Armee seit langem wieder gezielt tötete. Zwei weitere kamen bis zum Wochenende um.

„Jetzt wird es persönlich“, schrieben israelische Zeitungen. Doch laute Kritik an solchen Tötungsaktionen, wie es sie früher gab, so dass sich sogar der Oberste Gerichtshof in Jerusalem damit befassen musste, blieb bisher aus. Auch eine Woche nach Beginn der Luftangriffe auf den Gazastreifen stehen die meisten Israelis hinter dem, was die eigenen Soldaten tun. Viele stehen auch hinter der Bodenoffensive, die am Samstagabend begann.

Anklopfen und Warnschüsse

Nisar Rian fühlte sich offenbar nicht ernsthaft bedroht. Während sich die Hamas-Führung angeblich schon vor den ersten israelischen Bombardements in Bunkern versteckte, suchte der bärtige Islamist die Öffentlichkeit und rief zu Selbstmordanschlägen auf. Er umgab sich mit möglichst vielen Menschen. So fühlte er sich vor israelischen Raketen sicher. Mit gut eineinhalb Millionen Einwohnern gehört der Gazastreifen zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde. Wer dort militärische Schläge ausführt, kann letztlich Opfer unter der Zivilbevölkerung kaum vermeiden - vor allem dann, wenn sich der Gegner hinter Frauen und Kindern versteckt oder sich in Krankenhäuser und Moscheen zurückzieht, wie es die Hamas tut.

Ein wenig trotzig lesen sich die Kommentare an diesem Wochenende in den israelischen Zeitungen, wenn es um dieses Dilemma geht. „Es ist das Recht des israelischen Staates, sich gegen Leute zu verteidigen, die drohen, unschuldigen Zivilisten zu schaden. Wenn die Nichtzivilisten aufgefordert wurden, ihre Häuser zu verlassen, darf Israel diese Hamas-Milizionäre in ihren zivilen Verstecken angreifen, auch wenn sie sich in Gebetshäusern aufhalten“, schreibt etwa die israelische Zeitung „Maariv“. Überzeugungsarbeit muss in Israel für diese Argumente in diesen Tagen kaum geleistet werden. Aber es klingt immer wieder die Sorge an, dass Opfer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung im westlichen Ausland die Unterstützung im Kampf gegen die Hamas schwinden lassen könnten.

Besonders die Planer der Gaza-Offensive und israelische Diplomaten haben die Bilder der in Plastiksäcken verpackten aufgereihten Kinderleichen aus Kana nicht vergessen: Angesichts der internationalen Empörung über die verlustreichen Bombardements in dem südlibanesischen Ort sah sich Israel im Sommer vor zwei Jahren gezwungen, seine Luftangriffe auszusetzen. Aus den Fehlern im Libanon versuchten die Streitkräfte nun zu lernen. Mit Flugblättern warnte man damals die Bevölkerung vor bevorstehenden Angriffen. Jetzt „klopft“ man nicht nur zehn Minuten vor dem Angriff telefonisch an, sondern lässt auch oft noch einen zusätzlichen Warnschuss folgen: Hamas-Führer Rian soll seine Anhänger aufgefordert haben, sich auf den flachen Hausdächern zu versammeln, um Kampfhubschrauber zum Abdrehen zu bewegen. Mit einer auf eine Ecke des Dachs abgefeuerten „harmlosen“ Rakete gelinge es aber meist, die Menge zu vertreiben, bevor die eigentliche Attacke beginne, berichtete der israelische Fernsehsender „Kanal 10“.

„Es ist schwierig, über einen Stapel von Leichen zu gehen“

Aber darüber, dass die Angriffe weitergehen sollen, sind sich die meisten Israelis einig. Stabil ist seit Tagen die Mehrheit, die laut Umfragen das militärische Vorgehen gegen die Hamas befürwortet. Die jüngste veröffentlichte am Freitag „Maariv“, und demnach sind fast 85 Prozent der Befragten für die Militäraktion. Ähnlich schwer wie die Politiker tun sie sich aber auch mit der Frage, wie alles weitergehen oder enden soll: Fast vierzig Prozent wollen die Fortsetzung der Luftangriffe, knapp zwei Prozent mehr geben einer Bodenoffensive den Vorzug. Eine baldige Waffenruhe wollen keine zehn Prozent. Wie schnell sich solche Werte umkehren können, weiß besonders Ministerpräsident Ehud Olmert: Als er 2006 den Krieg gegen die Hizbullah begann, waren ähnlich viele Israelis auf seiner Seite, und er wurde über Nacht zu einem der beliebtesten Politiker. Als es Armee und Regierung aber nicht schafften, die Schiitenmiliz schnell in die Knie zu zwingen, sah er sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Sie trugen zu seinem Rücktritt im Herbst bei; bis zu den Wahlen am 10. Februar steht er noch an der Spitze der Regierung.

Ehud Baraks Vorgänger als Verteidigungsminister und Vorsitzender der Arbeiterpartei - Amir Peretz - musste schon wenige Monate nach dem Libanon-Krieg zurücktreten. Barak, dessen Partei noch vor einer Woche für den Februar eine schwere Niederlage vorhergesagt wurde, erfreut sich neuer Unterstützung. Innerhalb von nur 48 Stunden legte die Arbeiterpartei in Umfragen um fünf Parlamentsmandate zu. „Also etwa 80 tote Palästinenser pro Sitz. Aber es ist schwierig, über einen Stapel von Leichen zu gehen. Der Erfolg mag sich innerhalb einer Minute in Luft auflösen, wenn der Krieg von der israelischen Öffentlichkeit als Fehlschlag angesehen werden wird“, merkt bitter der in Deutschland geborene israelische Friedensaktivist Uri Avnery an. Und die Stimmung könnte sich tatsächlich mit der Bodenoffensive bald ändern. Bis zu 200 getötete israelische Soldaten befürchten Militärfachleute. Die Hamas drohte am Samstag zudem damit, weitere Soldaten zu entführen; seit 921 Tagen ist im Gazastreifen der Soldat Gilad Shalit in Geiselhaft der Hamas.

Eine Million Menschen unmittelbar von der Hamas bedroht

Doch solche Warnungen finden in Israel derzeit wenig Aufmerksamkeit. Wie in den ersten Tagen des Libanon-Kriegs rückt man zusammen und solidarisiert sich mit den Menschen im Süden. Lange Zeit schienen die Raketen nur ein Problem der Einwohner von unbedeutenden Orten wie Sderot zu sein. Dorthin brachte die israelische Regierung gerne prominente Gäste wie Barack Obama oder Bundespräsident Horst Köhler, damit die Angriffe der Qassam-Raketen nicht in Vergessenheit gerieten. Aber spätestens seit es der Hamas gelang, mit weiterreichenden Raketen die strategisch wichtige Hafenstadt Aschdod zu erreichen und auch Beerscheva im Negev zu treffen, sind auf einmal gut eine Million Menschen unmittelbar von der Hamas bedroht. Fachleute warnen auch davor, dass die Hamas-Raketen sogar die Atomanlage von Dimona im Negev erreichen könnten. Es gibt schon erste Überlegungen, wohin die Bürger von Aschdod und Aschkelon in Sicherheit gebracht werden sollen. Selbst im weiter entfernten Tel Aviv macht man sich daran, Schutzräume vorzubereiten.

Von Panik ist jedoch auch in der größten Stadt Israels am Wochenende nichts zu spüren. Die Polizei hat dort andere Sorgen. Die Friedensbewegung hatte für Samstagabend auf dem Rabin-Platz eine Demonstration angekündigt, auf der sie zum Ende der Militäraktion in Gaza auffordern will. Aus Angst davor, dass dort auch palästinensische Flaggen gezeigt werden könnten, hatten die Behörden die Kundgebung verboten. Sie befürchteten gewaltsame Auseinandersetzungen, wie es sie bei ersten Protesten in der vergangenen Woche gegeben hatte, als Demonstranten die Bombardements in Gaza als „Genozid und Kriegsverbrechen“ kritisierten. Der Oberste Gerichtshof in Jerusalem wies jedoch die Polizei in die Schranken und gestattete die Demonstration.

Die ersten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, und ein kleiner Flaggenstreit begann: Ein Anwalt kündigte eine Gegendemonstration an, auf der nur israelische Flaggen mitgebracht werden sollen. Auf der Internetseite Ynet brach sich ein Sturm der Entrüstung Bahn. Die „subversiven“ Richter gehörten sofort verhaftet, lautete eine Forderung. Als „fünfte Kolonne“ beschimpfte ein anderer Leser die Organisatoren der Friedensdemonstration. „Diese Verräter haben nichts Besseres zu tun, als mit unseren Feinden zu sympathisieren. Sie sollten sich schämen, gegen die heroischen Taten der israelischen Streitkräfte zu protestieren“, heißt es. Erst wenn Palästinenser in Gaza mit israelischen Fahnen demonstrieren, sei die Zeit für palästinensische Flaggen in Tel Aviv gekommen.

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Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.

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