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Milchpreise Unsicher wie die Aktienmärkte

04.05.2008 ·  Seit Generationen betreiben die Loferers ihren Hof im Chiemgau. Vor allem die Aussicht auf schwankende oder fallende Milchpreise macht der Bauernfamilie zu schaffen. Dennoch soll bald der Sohn den Hof übernehmen - mit neuen Ideen.

Von Julia Roebke, Schleching
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„Mit zehn Jahren ist die Zitti die älteste Kuh im Stall“, sagt Milchbauer Josef Loferer und klopft ihr mit der großen Hand aufs Hinterteil. Doch lange kann sie nicht mehr bleiben. Ältere Kühe geben weniger Milch, irgendwann geht es dann zum Schlachter. Dort bekommt der Bauer für die etwa 700 Kilo schwere, braun-weiß gefleckte Zitti, die ihr Leben bei ihm im Stall und auf der Weide verbracht hat, etwa 800 Euro. „1980 haben wir für eine Kuh schon 1600 Mark bekommen“, sagt Loferer. Die Stimmlage wird tiefer, irgendwo gehe das doch alles nicht mit rechten Dingen zu, murmelt der große, kräftige Mann mit dem Vollbart und schüttelt den Kopf.

Ein großer Hof für bayerische Verhältnisse

Seit Generationen haben die Loferers den Hof im südlichen Zipfel des Chiemgaus, im Achental, wenige Kilometer von der Grenze zu Österreich entfernt. Bis ins 16. Jahrhundert zurück habe er Ahnenforschung betrieben, alle waren Bauern, sagt der 44 Jahre alte Mann. Geschickte Hochzeitsplanungen haben den Betrieb über die Jahre vergrößert, heute hat der Bauer mit „85 Stück Vieh“, davon 33 Milchkühe, einen für bayerische Verhältnisse großen Hof. „Das ist an der Grenze zu dem, was mit der Familie allein zu schaffen ist“, sagt die drahtige, ebenfalls 44 Jahre alte Elisabeth Loferer. Der mit 20 Jahren älteste Sohn, Josef junior, helfe neben der Landwirtschaftsschule im Betrieb mit; einen Angestellten könne man sich nicht leisten.

Für die drei klingelt jeden Morgen um fünf Uhr der Wecker. „Da pressiert's dann“, für Kaffee ist keine Zeit, denn bis der Milchfahrer um 6.15 Uhr auf den Hof kommt, müssen alle Kühe gemolken sein. Mitten in den noch mit Schnee bedeckten Chiemgauer Alpen liegt der Bauernhof zwar landschaftlich sehr schön, jedoch auch weit entfernt von der Molkerei Berchtesgadener Land. Der Milchfahrer beginnt bei den Loferers seine tägliche Tour durch die Dörfer.

Fehlende Planungssicherheit

Die Molkerei, bei der die Loferers Genossenschaftsanteile gezeichnet haben, zahlt ihnen derzeit 45 Cent je Kilo Milch - so viel wie noch nie zuvor. Doch das sei bei Weitem kein Grund zum Jubeln, sagt Loferer junior und zeigt in der hellen Wohnküche mit Holzofen einen Aktenordner. Allein das Milchleistungsfutter, von dem jede Milchkuh etwa 1,5 Kilo am Tag bekommt, habe sich seit Ende 2006 um mehr als 60 Prozent auf 23 Euro für 100 Kilogramm verteuert. Wegen des hohen Stahlpreises gebe es einen Preisaufschlag von fünf Prozent bei allen landwirtschaftlichen Maschinen, von teurem Strom und Dieselkraftstoff, mit dem der Traktor laufe, wolle er gar nicht sprechen.

Die von den großen Handelskonzernen Mitte April angekündigte Preissenkung der Milchprodukte erschreckte die Loferers. „Wenn der Preis für uns jetzt wie schon angekündigt wieder auf 28 Cent fallen sollte, dann ist für viele Betriebe das Ende der Fahnenstange erreicht“, sagt der Senior. Ein Familienbetrieb könne schon mal eine Durststrecke überstehen, wer jedoch Pacht und Löhne bezahlen müsse, der stehe schlecht da. Obwohl er nicht Mitglied im Bundesverband Deutscher Milchviehhalter sei, werde sein Betrieb sich auf jeden Fall an dem vom Verband geplanten Streik beteiligen. „Wir haben schon überlegt, dass wir dann wieder selbst Butter herstellen werden, die kann ich einfrieren“, sagt die Bäuerin. Doch die 450 Liter am Tag aus eigener Produktion kann die Familie auf keinen Fall vollständig verarbeiten - „der Rest geht dann wohl in die Gülleanlage“, sagt Frau Loferer.

Doch nicht allein die Aussicht auf fallende Milchpreise macht der Bauernfamilie zu schaffen. Sie leidet unter fehlender Planungssicherheit. Keiner weiß, wie sich der Milchpreis entwickeln wird - größere Investitionen wie zum Beispiel ein moderner Laufstall für die Kühe, den die Loferers gerne bauen würden, sind da zu riskant. „Mir kommt das vor wie am Aktienmarkt“, sagt Frau Loferer. Vergangenes Jahr hieß es noch, die Chinesen würden jetzt alle Milch trinken - heute wird uns wiederum gesagt, Milch sei nichts wert und müsse zu Billigpreisen verschleudert werden. „Wie soll man denn da wissen, wie es weitergeht?“

„Manchmal denke ich darüber nach, wie es im Büro wäre“

Diese Frage treibt vor allem den Junior um. Er habe sich durchaus überlegt, einen anderen Beruf zu erlernen, und beim Elektriker ein Praktikum gemacht. Letztendlich habe er jedoch große Freude an der Landwirtschaft; nach der Meisterschule soll er den Hof einmal übernehmen. Es ist eine schwere Entscheidung, sagt auch die Mutter. „Manchmal denke ich darüber nach, wie es wäre, wenn ich irgendwo im Büro säße“, sagt sie, lacht aber gleich darauf wieder. Sie findet die Arbeit körperlich anstrengend - „aber wir machen es einfach gern“.

Das sieht man auch Josef junior an, wenn er mit gelben Gummistiefeln und blauer Arbeitshose die Rinder von der Weide in den Stall treibt und den Eltern beim zweiten Melken am Abend zur Hand geht. Im Sommer mache der Hof nicht ganz so viel Arbeit, sagt der Vater. „Dann sind die Milchkühe den Tag über auf der Weide und das Jungvieh auf der Alm.“

Ein weiteres Projekt wird die Familie auf Trab halten

Es fällt weniger Mist an, und die Eltern ruhen sich in der Mittagspause auf der langen Bank vor dem Wohnhaus aus. Doch über allzu viel Freizeit werden sie sich auch diesen Sommer nicht beklagen können. Seit wenigen Tagen ist Loferer senior ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde mit rund 1700 Einwohnern. Nebenbei bauen die Loferers auf der freien Fläche neben dem Stall schon an ihrem „Austragshäusl“, wie der Altersruhesitz in dieser Gegend genannt wird. „Wenn der Sohn mal Familie hat, dann ist es besser, wenn die Eltern nicht im gleichen Haus wohnen“, sagt Elisabeth Loferer.

Noch ein weiteres Projekt wird die Familie im Sommer auf Trab halten: „Vom 1. Juni an sind wir nach einem halben Jahr Vorbereitung ein biologisch arbeitender Betrieb nach den Vorgaben des Naturland-Verbands“, sagt der Senior - keine chemischen Dünger mehr, keine Pflanzenschutzmittel, aber dafür rund sechs Cent mehr je Kilogramm Milch. Doch ob damit die drohenden Preissenkungen des Handels ausgeglichen werden können, vermag er noch nicht zu sagen.

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