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Migrationsdebatte : Reden, nicht hassen!

Der Zustrom von Hunderttausenden Flüchtlingen nach Deutschland polarisiert – bis hinein in deutsche Doppelhaushälften Bild: AFP

Flüchtlingskrise und Islam: In diesem Jahr drängen politische Auseinandersetzungen ins Private wie lange nicht mehr. Gut so!

          Ostern, das ist ja vor allem ein Familienfest. Wenn am Ostersonntag die Verwandtschaft anrückt, im Keller die Torte kühl steht und die Oma am Morgen noch schnell bunte Osterhasen hinterm Baum im Garten versteckt, damit die Enkel alsbald auf die Suche gehen können – dann riecht das alles nicht nur nach Frühling, sondern vor allem nach Harmonie.

          In diesem Jahr allerdings drohen atmosphärische Störungen. Das Politische – die Flüchtlingsfrage und die islamistischen Anschläge von Brüssel –, drängt so stark ins Private wie schon lange nicht mehr. Die Frontlinien verlaufen quer durch die Kaffeetafeln und Wohnzimmer; selten war die Gesellschaft bis hinein in die Doppelhaushälften so polarisiert in der Frage, wie viel Einwanderung – und vor allem welche – gut für Europa sei.

          Das hat etwas Gutes. Endlich besteht die Chance, die Unkultur des Verdrängens und der Sprachlosigkeit in der Debatte um Einwanderung und den Islam zu durchbrechen. Der Kloß, der manchen im Hals steckt, wann immer es um Zuwanderung geht, gehört geschluckt. Das könnte die Debatte versachlichen. Wo bislang die Emotionen regierten, könnte wieder Raum für Sachlichkeit und die Kraft der Argumente entstehen.

          Die Sprachlosigkeit vieler bei der Frage, wie viel Einwanderung ein Land wie Deutschland verträgt, hat viel Schaden angerichtet: Der Sprachlose frisst Frust in sich hinein, was zu einer schleichenden Radikalisierung der Gedanken führen kann. Negative Gefühle und leidlich versteckte Aggression bestimmen das Denken und überdecken eine rationale Argumentation.

          Die nötigen Differenzierungen gehen verloren

          Mit üblen Folgen: Die Veränderung der Gesellschaft durch die Globalisierung und ihre immer massivere zeitliche Verdichtung werden pauschal „dem Fremden“ zur Last gelegt; den Einwanderern, den Muslimen, den Flüchtlingen. Die notwendige Unterscheidung zwischen problematischen Entwicklungen – der übersteigerten Religiosität mancher Muslime, den Problemen bei der Integration, der Gefahr der Radikalisierung bis hin zum Islamismus im Gegensatz zur positiven Entstehung eines modernen, europäisch geprägten Islam – geht in solchen Schwarz-Weiß-Debatten verloren.

          Flüchtlinge Ende Oktober in Wegscheid  (Bayern) vor einer Notunterkunft

          Verantwortlich dafür ist ein Teufelskreis aus Sprachlosigkeit, dem Hang zum lauten Monologisieren bei gleichzeitigem Nichtzuhören, einem zunehmenden Fruststau und der steigenden Emotionalisierung der Debatte. Ergebnis: eine teils hassgeprägte Debattenunkultur, die uns in Deutschland seit einigen Jahren um die Ohren fliegt, und eine fortschreitende Polarisierung, die die Gesellschaft in zwei Teile zu reißen droht.

          Türkischstämmig und muslimisch – eine Provokation

          Dabei bahnt sich diese Entwicklung schon lange an. Nach meinem Studium 2006 arbeitete ich eine Weile für die damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. Das Besondere an ihr war nicht in erster Linie ihre europapolitische Arbeit im Parlament, sondern das, was sie war und wofür sie im Politikbetrieb stand. Akgün war eine der ersten türkischstämmigen Parlamentarierinnen im Bundestag und noch dazu  Muslimin, auch wenn sie selbst nicht praktizierend war und für eine strikte Trennung von Staat und Religion eintrat.

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