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Michail Sergejewitsch Gorbatschow : Drei Tage im August

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Seit den frühen Morgenstunden senden Radio und Fernsehen klassische Musik. So werden die Menschen in der Sowjetunion auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Am Vormittag dann die Meldung, die immer wieder verlesen wird: Aus gesundheitlichen ...

          Seit den frühen Morgenstunden senden Radio und Fernsehen klassische Musik. So werden die Menschen in der Sowjetunion auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Am Vormittag dann die Meldung, die immer wieder verlesen wird: Aus gesundheitlichen Gründen könne Michail Sergejewitsch Gorbatschow sein Amt als Präsident der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken nicht mehr ausüben. Wie die Verfassung es vorsehe, seien die Machtbefugnisse auf Vizepräsident Gennadij Iwanowitsch Janajew übergegangen.

          Dass viel mehr auf dem Spiel steht, verrät die Ankündigung, der Ausnahmezustand werde verhängt. Verantwortlich für diese Meldung ist ein achtköpfiges "Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand". Neben Janajew gehören dem Gremium auch Ministerpräsident Pawlow, der Chef des Geheimdienstes KGB, Krjutschkow, Verteidigungsminister Jasow und Innenminister Pugo an. Nach wenigen Stunden wird der erste Ukas des Notstandskomitees bekanntgemacht: Demonstrationen und Streiks sind verboten, die Tätigkeit politischer Parteien und öffentlicher Organisationen ist vorübergehend ausgesetzt, die Pressezensur wiedereingeführt. Es ist Montag, der 19. August 1991.

          Plötzlich ist Gewissheit, was die "demokratischen Kräfte" wiederholt vorhergesagt haben: Der mächtigste Mann der Sowjetunion, der 1985 die Führung der kommunistischen Staatspartei übernahm und seither nicht nur sein Land, sondern die Welt verändert hat, ist gestürzt worden. Männer in seiner engsten Umgebung haben gegen ihn geputscht. Ein neues Gesicht, gar eine Führungsgestalt, gibt es in deren Reihen nicht. Dennoch versucht das Notstandskomitee, die gesellschaftlichen Kräfte unter Kontrolle zu bringen, die Gorbatschows Reformen freigesetzt haben.

          Schon im Dezember 1990 hatte Außenminister Schewardnadse vor einer neuen "Diktatur" gewarnt und war zurückgetreten. Hohe und mittlere Funktionäre der Kommunistischen Partei hatten immer häufiger den Rücktritt des Generalsekretärs gefordert. Sie wollten nicht hinnehmen, dass die KPdSU nach der 1988 auf einer Parteikonferenz beschlossenen "Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft und Reform des politischen Systems" als autoritäres Herrschaftsinstrument ausgedient haben sollte.

          Vor allem Angehörige des Offizierskorps hielten Gorbatschow vor, er habe die Kriegsbeute in Mittel- und Osteuropa aus der Hand gegeben, ohne etwas dafür zu bekommen. Und viele in Partei und Staat verlangten, er müsse den Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum und in anderen Unionsrepubliken entschiedener entgegentreten - notfalls mit Gewalt. Sein Schlingerkurs während der Umwandlung der sozialistischen Planwirtschaft in ein Wirtschaftssystem mit marktwirtschaftlichen Elementen hatte zu einer schweren Versorgungskrise geführt. Auch deshalb war die Popularität des Reformers weiter gesunken.

          Die Spekulationen über einen Putsch der Reformgegner waren gleichwohl vage geblieben. Wie und von wem sollte Gorbatschow entmachtet werden? 1990 hatte er sich vom Kongress der Volksdeputierten zum Staatspräsidenten wählen lassen. Ein Motiv war dabei zweifellos, einer Absetzung als Generalsekretär durch die Partei - wie beim Sturz Chruschtschows 1964 - vorzubeugen.

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