http://www.faz.net/-gpf-6m69h

Michail Sergejewitsch Gorbatschow : Drei Tage im August

  • Aktualisiert am

Seit den frühen Morgenstunden senden Radio und Fernsehen klassische Musik. So werden die Menschen in der Sowjetunion auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Am Vormittag dann die Meldung, die immer wieder verlesen wird: Aus gesundheitlichen ...

          Seit den frühen Morgenstunden senden Radio und Fernsehen klassische Musik. So werden die Menschen in der Sowjetunion auf schlechte Nachrichten vorbereitet. Am Vormittag dann die Meldung, die immer wieder verlesen wird: Aus gesundheitlichen Gründen könne Michail Sergejewitsch Gorbatschow sein Amt als Präsident der Union Sozialistischer Sowjetrepubliken nicht mehr ausüben. Wie die Verfassung es vorsehe, seien die Machtbefugnisse auf Vizepräsident Gennadij Iwanowitsch Janajew übergegangen.

          Dass viel mehr auf dem Spiel steht, verrät die Ankündigung, der Ausnahmezustand werde verhängt. Verantwortlich für diese Meldung ist ein achtköpfiges "Staatliches Komitee für den Ausnahmezustand". Neben Janajew gehören dem Gremium auch Ministerpräsident Pawlow, der Chef des Geheimdienstes KGB, Krjutschkow, Verteidigungsminister Jasow und Innenminister Pugo an. Nach wenigen Stunden wird der erste Ukas des Notstandskomitees bekanntgemacht: Demonstrationen und Streiks sind verboten, die Tätigkeit politischer Parteien und öffentlicher Organisationen ist vorübergehend ausgesetzt, die Pressezensur wiedereingeführt. Es ist Montag, der 19. August 1991.

          Plötzlich ist Gewissheit, was die "demokratischen Kräfte" wiederholt vorhergesagt haben: Der mächtigste Mann der Sowjetunion, der 1985 die Führung der kommunistischen Staatspartei übernahm und seither nicht nur sein Land, sondern die Welt verändert hat, ist gestürzt worden. Männer in seiner engsten Umgebung haben gegen ihn geputscht. Ein neues Gesicht, gar eine Führungsgestalt, gibt es in deren Reihen nicht. Dennoch versucht das Notstandskomitee, die gesellschaftlichen Kräfte unter Kontrolle zu bringen, die Gorbatschows Reformen freigesetzt haben.

          Schon im Dezember 1990 hatte Außenminister Schewardnadse vor einer neuen "Diktatur" gewarnt und war zurückgetreten. Hohe und mittlere Funktionäre der Kommunistischen Partei hatten immer häufiger den Rücktritt des Generalsekretärs gefordert. Sie wollten nicht hinnehmen, dass die KPdSU nach der 1988 auf einer Parteikonferenz beschlossenen "Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft und Reform des politischen Systems" als autoritäres Herrschaftsinstrument ausgedient haben sollte.

          Vor allem Angehörige des Offizierskorps hielten Gorbatschow vor, er habe die Kriegsbeute in Mittel- und Osteuropa aus der Hand gegeben, ohne etwas dafür zu bekommen. Und viele in Partei und Staat verlangten, er müsse den Unabhängigkeitsbestrebungen im Baltikum und in anderen Unionsrepubliken entschiedener entgegentreten - notfalls mit Gewalt. Sein Schlingerkurs während der Umwandlung der sozialistischen Planwirtschaft in ein Wirtschaftssystem mit marktwirtschaftlichen Elementen hatte zu einer schweren Versorgungskrise geführt. Auch deshalb war die Popularität des Reformers weiter gesunken.

          Die Spekulationen über einen Putsch der Reformgegner waren gleichwohl vage geblieben. Wie und von wem sollte Gorbatschow entmachtet werden? 1990 hatte er sich vom Kongress der Volksdeputierten zum Staatspräsidenten wählen lassen. Ein Motiv war dabei zweifellos, einer Absetzung als Generalsekretär durch die Partei - wie beim Sturz Chruschtschows 1964 - vorzubeugen.

          Weitere Themen

          Ein Geschenk des Glamours

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Topmeldungen

          Bundeskanzlerin Merkel auf dem Weg auf dem Weg zum EU-Gipfel

          EU-Gipfel in Brüssel : Poker mit Erdogan

          Auf ihrem Gipfel in Brüssel beraten die EU-Staaten, wie sie den Druck auf die Türkei erhöhen können. Ein Abbruch des Beitritts ist bisher nicht in Sicht – wohl aber andere Maßnahmen.

          Christian Lindner : Demut unter der Dusche

          Der FDP-Vorsitzende legt am zweiten Tag der Sondierungen ein Buch über die Rückkehr der Liberalen vor – und seine Rolle dabei. Zudem will er einen Autoritätsverlust bei Merkel erkennen.
          Eheschließung für alle: Kritiker des Gesetzes befürchten eine schleichende Islamisierung des sozialen Lebens.

          Türkei beschließt neues Gesetz : Ehe für alle

          In der Türkei dürfen künftig auch Muftis Paare vermählen. Kritiker sehen das Gesetz als Angriff auf den Säkularismus – und befürchten eine Zunahme von Kinderheiraten.
          Ihre Bewerbung gefällt dem Kreml: die russische Journalistin Xenia Sobtschak, hier 2012 in Moskau

          Kandidatin Sobtschak : Ein Geschenk des Glamours

          Die Journalistin Xenia Sobtschak, die schon Glamour-Girl und Heldin in Reality-TV-Shows war, will bei der russischen Präsidentenwahl antreten. Das stößt auf Kritik – aus Sicht des Kremls ist ihre Bewerbung aber von Vorteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.