Home
http://www.faz.net/-gpf-75plq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Michael Schwartz: Funktionäre mit Vergangenheit Auf der Suche nach belastendem Kontext

Das Präsidium des BdV von 1958 wurde durchleuchtet, das Wirken von 13 Männern in der Zeit vor 1945 rekonstruiert. Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen.

© Oldenbourg Verlag München Vergrößern Vertriebenen-Demonstration auf dem Bonner Marktplatz (1951)

Das ist ein ebenso seltsames wie bezeichnendes Buch - sowohl was seine Entstehung wie seine Thematik betrifft. Am Anfang stand der Wunsch Erika Steinbachs, Näheres über die „Biographien von Präsidialmitgliedern des Bundes der Vertriebenen und der Unterzeichner der Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ zu erfahren. Herausgekommen ist jetzt eine Untersuchung über das Gründungspräsidium des BdV von 1958 - eines Kreises von dreizehn Personen. Der biographische Hintergrund dieser kleinen Gruppe in der Zeit des Nationalsozialismus wird mit ungeheurem Aufwand durchleuchtet. Personalakten, Material des früheren Document Centers, Entnazifizierungsakten, Ermittlungsakten verschiedener Staatsanwaltschaften, die mit NS-Verbrechen befasst waren, und selbstverständlich auch Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit wurden herangezogen.

Der Band stieß in der Öffentlichkeit auf breites Interesse, denn acht von den dreizehn Präsidiumsmitgliedern waren Mitglieder der NSDAP. Bei der heutigen Unwissenheit über die nationalsozialistische Vergangenheit ist die Parteimitgliedschaft so etwas wie ein „Alleinstellungsmerkmal“ und für die Urteilsbildung ausreichend - unbeschadet der Tatsache, dass rund zehn Millionen anderer Deutscher der NSDAP angehörten. Von den übrigen fünf wiesen drei Mitglieder „starke politische Affinitäten“ zum „Dritten Reich“ auf, so dass nur zwei weiße Raben übrig blieben. Von denen war der eine Linus Kather, ein politischer Querulant, der 1945 zu den Gründern der CDU gehörte, bei keiner Partei es aber lange aushielt und schließlich bei der NPD landete. Der andere war Wenzel Jaksch, ein sudetendeutscher Sozialdemokrat, der durch seine Flucht vor den Nazis im Jahre 1938 nicht in die Verlegenheit kam, der Frage des Sich-Arrangierens oder gar dem Parteibeitritt näher zu treten.

Der überzogene Aufwand für diese Studie steht in keinem Verhältnis zu den Ergebnissen. Schon ein Blick auf die Funktionen und Mitgliedschaften dieser Vorstandsmitglieder macht das deutlich. Niemand war ein „alter Kämpfer“, also vor 1933 in die Partei eingetreten. Sie sind entweder am 1. Mai 1933 vor der Aufnahmesperre oder 1937 nach ihrer Aufhebung in die Partei eingetreten - also alles andere als Überzeugungstäter, wobei ein gewisses Maß an Begeisterung über die „nationale Revolution“ oder die außenpolitischen Erfolge des Regimes durchaus in Rechnung zu stellen ist. Dennoch blieben es kleine Fische. Wenn beispielsweise ein Königsberger Rechtsanwalt, „Parteigenosse“ (Pg.) seit 1937, nach dem Krieg von 1953 bis 1969 als Abgeordneter der SPD im Bundestag gesessen hat, wird seine Partei schon gewusst haben, dass sie keinem Nazi das Mandat anvertraut hatte.

Das überdimensionierte Interesse am Vertriebenenvorstand erklärt sich vor allem durch die Person seines damaligen Präsidenten Hans Krüger. Er hatte seit 1958 den Vorsitz inne und wurde im Oktober 1963 im ersten Kabinett Erhard Vertriebenenminister, trat aber schon im folgenden Januar zurück. Der „Spiegel“ hatte aus seinen in Ost-Berlin liegenden Personalakten aus der NS-Zeit zitiert, was in Bonn rasch Wirkung zeigte. Offensichtlich wollte man die Wiederholung der jahrelangen DDR-Agitation (wie im Falle Theodor Oberländers) vermeiden. Die Brisanz im Falle Krüger ergab sich aus Vermutungen, er habe als Sonderrichter an Todesurteilen mitgewirkt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.01.2013, 15:50 Uhr

Russische Selbsterhaltung

Von Reinhard Veser

Wladimir Putin macht für die russische Krise äußere Faktoren verantwortlich. Merkt er nicht, wie absurd es klingt, wenn der Führer des größten Landes der Erde so etwas sagt? Mehr 40