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Michael Brenner (Hrsg.): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart Im Land der Täter

 ·  Der 1950 gegründete „Zentralrat der Juden in Deutschland“ und sein Generalsekretär Hendrik van Dam warben um Vertrauen in der Bonner Republik.

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Nach dem Holocaust sollten sich gemäß einer Devise des Jüdischen Weltkongresses „Juden nie wieder auf der blutgetränkten Erde Deutschlands ansiedeln“. Dennoch gründeten deutsche Juden, von denen etwa 15 000 die Verfolgung im Deutschen Reich überlebt hatten, im „Land der Mörder“ neue Gemeinden. Hinzu kamen in den ersten Nachkriegsjahren rund 250 000 Juden aus Osteuropa, die Displaced Persons (DPs). Die vielfältigen Facetten und höchst komplexe Gemengelage des jüdischen Lebens und des Wiederaufbaus der Gemeinden nach 1945 schildert der von Michael Brenner herausgegebene Sammelband, an dem acht weitere Zeithistoriker samt Mitarbeiterstab mitwirkten.

Mit der Gründung des Staates Israels 1948 wanderte gut die Hälfte der jüdischen DPs nach Palästina aus, weitere 90 000 fanden in den Vereinigten Staaten und in Kanada eine neue Heimat. Wesentlich kleinere Kontingente nahmen verschiedene europäische und lateinamerikanische Staaten auf. Ein harter Kern verblieb trotz heftiger Proteste zionistischer Organisationen in Deutschland. Nach dem großen Exodus zählten die jüdischen Gemeinden im März 1949 nur mehr 21 600 Mitglieder, wobei die deutschen Juden knapp die Mehrheit stellten. Speziell in Süddeutschland, wo sich die großen Auffanglager befunden hatten, dominierten jedoch die verbliebenen DPs aus Osteuropa das Leben der Gemeinden. Mit der Auflösung des „Zentralkomitees der befreiten Juden“ im Dezember 1950 ging die jüdische DP-Ära offiziell zu Ende.

Als Interessenvertretung etablierte sich nun der im Juli 1950 gegründete „Zentralrat der Juden in Deutschland“, dessen Bezeichnung eine deutliche Abkehr von der Identität der deutschen Juden vor 1933 markiert, die sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens definiert hatten. Nach außen wurde der Zentralrat vor allem durch seinen Generalsekretär Hendrik George van Dam vertreten, der 1946 als Mitarbeiter der Jewish Relief Unit aus dem englischen Exil zurückgekehrt war. Van Dam warb um Vertrauen in die neue deutsche Demokratie und äußerte schon 1954: „Ich glaube, dass wir heute sagen können, dass die Juden nach 1945 eine Geschichte haben. Der Gedanke, dass die Juden in Deutschland nichts mehr zu suchen haben und sofort Deutschland verlassen müssen und ihre Gegenwart eine Notlösung ist, ist hinfällig geworden.“ Dieselbe Position vertrat auch Karl Marx, der Gründer und Herausgeber der „Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland“.

Nach außen versuchte der Zentralrat Einigkeit zu demonstrieren. Intern jedoch waren zahlreiche Konflikte zu bewältigen, die sich aus der äußerst heterogenen Zusammensetzung der Gemeinden ergaben. Zu den überlebenden deutschen Juden und den verbliebenen DPs kamen nun zunehmend Rückkehrer aus dem Exil sowie weitere Einwanderer aus Osteuropa hinzu, in den fünfziger Jahren vor allem aus Polen, Rumänien und Ungarn. Um die Wogen zu glätten, musste der Zentralrat deshalb immer wieder dem Vorwurf entgegenwirken, nur die Interessen der deutschen Juden zu vertreten. An erster Stelle stand die materielle und moralische Wiedergutmachung, die in der Bundesrepublik über Jahrzehnte in einem zähen und komplizierten Prozess erfolgte, während die DDR bis zum Schluss jegliche Entschädigung verweigerte. An zweiter Stelle stand die Anerkennung des Zentralrats als gleichberechtigter Partner durch ausländische jüdische Organisationen. Überwog in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten noch vielfach das schlechte Gewissen, das Gefühl, auf gepackten Koffern zu sitzen, so änderte sich dies allmählich. Insbesondere die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik 1965 gab den hier lebenden Juden das Gefühl, „von den Israelis nicht mehr als in einem Paria-Staat lebende verachtete Verwandte betrachtet zu werden“. Das Verhältnis zur deutschen Mehrheitsgesellschaft blieb freilich ambivalent, immer wieder von Skandalen überschattet, wobei die konsequente politische Ächtung des Antisemitismus durchaus Wirkung zeigte. Aus dem Provisorium erwuchs langsam eine neue Heimat, zumal sich die jüngere Generation immer stärker als Teil der westdeutschen Gesellschaft verstand.

Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Lage der jüdischen Gemeinden in der DDR, die sich selbst als antifaschistischer Staat legitimierte, gleichzeitig jedoch alle Kontakte jüdischer Funktionäre zu israelischen oder amerikanischen Organisationen misstrauisch beobachtete. Bereits 1950 wurde Paul Merker, weil er sich für Wiedergutmachungszahlungen ausgesprochen hatte, aus dem Politbüro der SED ausgeschlossen. Der antisemitisch grundierte Slánský-Prozess 1952 und das Konstrukt einer Verschwörung jüdischer Ärzte gegen Stalin verschärften die ohnehin prekäre Situation. Im Januar 1953 flüchteten deshalb Julius Meyer, der Präsident des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden der DDR, sowie die Vorsitzenden der Gemeinden von Leipzig, Dresden, Halle und Erfurt in den Westen. Ihnen folgten über 500 weitere Mitglieder. Von diesem Aderlass sollten sich die Gemeinden, die fortan einer strikten Staatsaufsicht unterstanden, nicht mehr erholen. Den überalterten Rumpfgemeinden fiel es zunehmend schwerer, die für das religiöse Leben notwendigen Kulthandlungen zu organisieren. In den achtziger Jahren zählten die acht Gemeinden in der DDR nur noch 400 Mitglieder.

Umso bedeutsamer war die Entscheidung der ersten frei gewählten Volkskammer im Sommer 1990, Juden aus der Sowjetunion aufzunehmen. Dieser Beschluss setzte eine unerwartete Eigendynamik frei, die zu einer radikalen Umwälzung und zu tiefgreifenden Veränderungen in den jüdischen Gemeinden führte. Bis zum Jahr 2010 nahm das vereinte Deutschland über 100 000 Personen jüdischer Abstammung (beziehungsweise Familienangehörige) im Rahmen einer Sonderregelung als „Kontingentflüchtlinge“ auf. Diese massive Zuwanderung sollte, so die Intention, zur Erneuerung des jüdischen Lebens in Deutschland beitragen. Tatsächlich überforderte ihre Aufnahme jedoch bald die Gemeinden, die 1990 rund 28 000 Mitglieder zählten. „Der typische sowjetisch-jüdische Einwanderer“, so resümiert eine Mitarbeiterin der „Jüdischen Wohlfahrtsstelle Berlin“ ihre Erfahrungen, „ist apolitisch, säkular und westlich orientiert, ist sehr stark vom sowjetischen System geprägt und hat einen hohen Anteil nichtjüdischer Familienmitglieder.“ Die Diskrepanz zwischen dem Profil der Neuankömmlinge und den Erwartungen auf deutscher Seite führte unvermeidlich zu Spannungen und gegenseitigen Vorwürfen. Die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion stärkte die demographische Basis und bewirkte zugleich eine weitere Pluralisierung der jüdischen Lebenswelt, in der die Gemeinde zunehmend als soziale Interessenvertretung und weniger als religiöses Zentrum verstanden wird.

Der Band, der ein vielfältiges Panorama des jüdischen Lebens nach 1945 entwirft, wird auf absehbare Zeit das maßgebende Werk zu dieser Thematik bleiben.

Michael Brenner (Herausgeber): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. Politik, Kultur und Gesellschaft. Verlag C.H. Beck, München 2012. 542 S., 34,- €.

Quelle: F.A.Z.
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