27.04.2009 · Zwar gibt es Parallelen zur verheerenden „Spanischen Grippe“ vor einem Jahrhundert, aber noch keine eindeutigen Aussagen zum Pandemiepotential der Mexiko-Grippe. Deutschland indes ist gut vorbereitet.
Von Joachim Müller-JungSeit einigen Jahren leben wir, mal mehr und meist weniger bewusst, in der Erwartung einer weltweiten Influenza-Pandemie. Die Alarmierungsstufe der Weltgesundheitsorganisation ist entsprechend erhöht auf Stufe 3. Das heißt: Tierviren mit Pandemiepotential grassieren, die Übertragung auf den Menschen jedoch ist begrenzt. Seit diesem Wochenende nun ist die gefühlte Bedrohung stark gestiegen, in der Bevölkerung, aber auch unter Experten. Allerdings gibt jetzt nicht mehr das inzwischen fast weltweit verbreitete asiatische Vogelgrippevirus H5N1, dessen Übertragungspotential glücklicherweise immer noch beschränkt ist, Grund zur Sorge, sondern das Virus vom Subtyp H1N1. Dieser Erreger steht schon lange unter Beobachtung.
Die genetische Variante, die sich seit gut anderthalb Monaten in Mexiko und im Südwesten der Vereinigten Staaten ausbreitet, hat die Pandemieexperten aufgeschreckt. Und das, obwohl zumindest die in den Vereinigten Staaten gesicherten Infektionsfälle offenbar recht milde verlaufen oder gar schon ausgestanden sind.
Eine Parallele zur „Spanischen Grippe“
Das Berliner Robert-Koch-Institut spricht deshalb von Befunden, die zumindest gegenwärtig auf eine nicht „besonders krank machende Wirkung“ des Erregers hindeuten. Von Glück kann man auch sprechen, wenn es zutrifft, dass die Virusvariante auf eines der wichtigsten Medikamente mit dem Wirkstoff Oseltamivir gut anspricht. Das kann Leben retten, wenn es auch in Europa zu Einschleppungen kommt.
Vor kurzem ist bekanntgeworden, dass man bei Viren vom Subtyp H1N1 - allerdings von Land zu Land unterschiedlich - Resistenzen gegen Oseltamivir entdeckt hat. Wenn also das Robert-Koch-Institut als zuständige Bundesbehörde sagt, dass es gut vorbereitet sei, dann betrifft das die mit dem nationalen Pandemieplan vor Jahren vorangetriebene Einlagerung dieser Arznei. Was hingegen einen Schutz durch die saisonale Influenza-Impfung angeht wie auch sonst tappen Virologen und Behörden im Dunkeln.
Auffällig ist, dass vor allem junge, gesunde Menschen erkrankt sind, anders als bei der normalen Grippe, die immunschwächere alte Menschen und Kinder trifft - eine Parallele zur verheerenden „Spanischen Grippe“ vor bald hundert Jahren. Was das über das Pandemiepotential der Mexiko-Grippe sagt, wird sich wohl erst in den nächsten Tagen zeigen.
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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