http://www.faz.net/-gpf-7mveu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren

Veröffentlicht: 27.02.2014, 17:39 Uhr

Merkel in London Kanzlerin Jein

Großer Auftritt für Angela Merkel in der „Royal Gallery“ in London. Sie nutzte die Gelegenheit, Premierminister Cameron zu signalisieren, dass sie ihm nichts signalisiert.

von , London
© AFP, reuters Kanzlerin Merkel bei der Queen

„Das hier ist etwas ganz Besonderes“, sagt Lord Elton. „Sehr ungewöhnlich, so viele Leute“, pflichtet ihm sein Sitznachbar bei, Lord Luce. Beide Peers haben schon viel gesehen, bis hin zu deutschen Bomben im Zweiten Weltkrieg. Aber so ein Auftrieb in der „Royal Gallery“, dem größten Saal im Westminster-Palast, dessen Nutzung Königin Elisabeth persönlich zustimmen muss, beeindruckt die beiden alten Herren. „Auf der anderen Seite“, gibt Lord Luce zu bedenken, „Chancellor Merkel ist heute die mächtigste Frau Europas.“

Jochen Buchsteiner Folgen:

Mehr Ehre konnte Angela Merkel kaum zuteil werden, als eine Rede vor den Mitgliedern beider Häuser halten zu dürfen. Der Saal steckt voller Geschichte, auch deutscher. An der Längswand erstreckt sich ein Ölfresko, das den Moment festhält, als der preußische General Blücher dem britischen Duke of Wellington in Waterloo die Hand schüttelte. Fast 200 Jahre später warte das Vereinigte Königreich abermals auf Rettung aus Deutschland, spotteten Kommentatoren am Donnerstag. Doch Merkel dämpfte Hoffnungen, sie würde die europäische Reformagenda des britischen Premierministers unterstützen – gleich zu Beginn ihrer Rede, und auf Englisch. Sie habe wahrgenommen, dass es in London „sehr spezielle Erwartungen“ gebe, sagte sie und erntete ein murmeliges Gelächter. „Ich fürchte, die werde ich enttäuschen müssen.“ Stattdessen wolle sie ein paar Gedanken zu Europa teilen. Zu diesen passte es, dass sie ins Deutsche wechselte.

Churchill half bei der Formulierung

Schon vor der Rede war in Berlin zu hören gewesen, dass sie fast ebenso gut in Athen, Rom oder Brüssel gehalten werden könnte. Merkel beschwor die Notwendigkeit eines „starken Europa“. In „Details“ habe man in London und Berlin unterschiedliche Auffassungen, aber einig sei man sich in dem Ziel, gemeinsam die Wettbewerbsfähigkeit Europas fördern, sagte Merkel. Winston Churchill half ihr bei der Formulierung, dass nur permanente Verbesserung zu einem perfekten Ende führe. So signalisierte sie den Gastgebern, dass auch Deutschland zu Reformen der EU bereit sei. „Die politische Gestalt der EU muss immer wieder zeitgemäß erneuert werden“, sagte Merkel und verlangte insbesondere die Stärkung des Subsidiaritätsprinzips. Regeln gehörten auf den Prüfstand – „Erweisen sie sich als überflüssig, gehören sie abgeschafft.“ Damit durften sich die Briten, die sich eine Rückverlagerung von Kompetenzen aus Brüssel ersehnen, gemeint fühlen. Und doch blieb die Vagheit der Aussage offenkundig. Merkel baute in der „Royal Gallery“ Brücken, aber kein Zuhörer sollte sich trauen, ihre Haltbarkeit im Alltag zu testen.

28153413 Erste Rede eines deutschen Regierungschefs in der Royal Gallery des Parlaments seit der Wiedervereinigung © AFP Bilderstrecke 

In der ersten Reihe saßen die Spitzen der drei großen britischen Parteien. Noch in der Nacht vor Merkels Landung war in London die Nervosität gestiegen, jedenfalls in der Protokollabteilung von Downing Street 10. Bis zum Schluss rätselte man, ob die Kanzlerin bei der Pressekonferenz, wie üblich, stehen würde, oder ob man das Rednerpult wegen ihrer Gehhilfen lieber auf Sitzhöhe schrauben sollte. Mit Freude an der Pointe schrieb die Zeitung „Times“ am Donnerstag: „Kanzlerin kommt auf Krücken, um den europäischen Traum zu verteidigen.“ Am Ende betrat Merkel den Raum ohne Gehhilfen – und setzte sich hin.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite

Ein Zugeständnis an Trump

Von Rainer Hermann

Militärisch ändert der Beitritt der Nato zur Anti-IS-Koalition wenig. Doch sie nimmt Amerikas Präsidenten Wind aus den Segeln. Dafür wird ein anderes Mitglied der Allianz zum Unsicherheitsfaktor. Ein Kommentar. Mehr 7

Quelle: wahlrecht.de
Alle Umfragen

Abonnieren Sie den Newsletter „Politik-Analysen“